35/1999

INHALT

Lesejahr A

Im Vergeben liegt Segen

Thomas Staubli zu Sir 27,30-28,7

 

Bibel: Vergeben statt rächen

In seiner streckenweise enzyklopädisch anmutenden Weisheitsschrift erörtert Jesus ben Sirach, nachdem er zunächst die Tugend der Gerechtigkeit gepriesen hat, auch fünf Laster: Die Geheimnistuerei, die Falschheit, die Rachsucht, die Zwietracht und die Verleumdung. Dem durch die Mittelstellung akzentuierten Laster wendet sich die Lesung zu.
Die Grundaussage ist einfach: Vergeben ist seliger den Rächen. Sie wird in der Folge in einer für die orientalische Weisheitsliteratur typischen Weise in lauter Parallelismen und unter Anwendung verschiedenster sprachlicher Stilmittel wie rhetorischen Fragen und Antithesen variiert. Dabei wird Folgendes festgehalten: 1. Nach dem Massstab, den einer auf seine Mitmenschen anwendet, wird auch er von Gott beurteilt (28,1). 2. Wer nachsichtig ist mit seinen Nächsten, kann auch von ihnen Nachsicht erwarten (28,2). 3. Wer streng ist gegenüber andern, selber aber auf göttliches Erbarmen hofft, lebt nach einer doppelten Moral, die nicht aufgehen wird (28,3­5). Dieser Aspekt wird durch seine Mittelstellung und seine dreifache Variation in Gestalt rhetorischer Fragen herausgestrichen. 4. Der Groll gegenüber Mitmenschen relativiert sich in Anbetracht des Todes bzw. der Kürze des Lebens. Insofern ist das Sich-Üben in Geduld und Nachsicht gegenüber den anderen ein Teil der ars moriendi (28,6). 5. Wer den Weisungen der Tora folgt, wird zur Vergebungsbereitschaft hingeführt (28,7).

Kirche/Welt: wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

Die Doppelmoral, die Jesus Sirach im Zentrum seiner Kritik an der Rachsucht aufs Korn nimmt, hat auch Jesus mit seinem Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner (Mt 18,21­35) im Blick, das er als Antwort auf die Petrusfrage, wie oft man denn zu vergeben verpflichtet sei, zum Besten gibt. Die Quintessenz des Gleichnisses entspricht der fünften Bitte des Vaterunsers: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern (Mt 6,12). Dieser Satz steht deshalb im zentralen christlichen Gebet, weil Vergeben ein schöpferisches Tun ist, das dem Leben zum Durchbruch verhilft, ein Akt aber auch, der unsere Kreativität herausfordert. Es ist übrigens der einzige Satz des Vaterunsers, dem Matthäus einen Kommentar (6,14­15), der ganz in der jüdischen Theologie und Praxis der Vergebung (vgl. Kasten) verwurzelt ist.


Vergeben

Eine bürgerliche Auffassung von Religion hat es uns zur Gewohnheit werden lassen, Vergebung in erster Linie mit der Behebung von kleinen Alltagsstörungen in Verbindung zu bringen. Das Wort «Verzeihung», einst eine Bitte um Schuldaufhebung, ist zur Höflichkeitsfloskel verkommen. Gewiss, auch im Kleinen ist Sorgfalt und Aufmerksamkeit ein Segen. Doch im biblischen Kontext und auch heute geht es um Existentielleres als nur um das Pardon für ein Versehen. Im äussersten Fall kann Vergebung Amnestie der Todesstrafe bedeuten. Eine assyrische Wandmalerei aus Nordsyrien zeigt einen Araber kurz vor der Hinrichtung durch einen assyrischen Soldaten. In seiner Hand hält er das Zweiglein eines Ölbaumes. Ein Mann und eine Frau bitten mit erhobenen Händen um Gnade. Eine weitere Frau führt ein Kind herbei, dessen Geschrei den Soldaten wohl Einhalt gebieten soll. Szenen dieser Art in assyrischen Verwaltungspalästen dienten wohl dem Zweck, Rebellen zu einem Verhalten zu Bewegen, das das Erbarmen und nicht den Zorn der Assyrer provozierte. Oft bezieht sich Vergebung auf den Erlass von Geldschulden. Im Kontext des orientalischen Rentenkapitalismus hiess das konkret: Erlösung aus der Schuldwirtschaft und damit aus einem sklavenartigen Zustand.
Es ist innerhalb des Ersten Testamentes eine Selbstverständlichkeit, dass ein Mensch seine eigenen Sünden tragen muss. Darüber hinaus kann sich ungesühnte Schuld aber auch auf die nächsten Generationen übertragen (vgl. SKZ 20­21/1999). Vergebung erfolgt dann, wenn ein Mensch die Sünde von anderen trägt (hebr. nasa' 'awon), wie es zum Beispiel Josef tut, der seinen Brüdern vergibt (Gen 50,17). Im wörtlichen Sinn Träger von Sünden ist der Sündenbock, der im Rahmen des Versöhnungsrituals die Sünden des Volkes in die Wüste trägt (Lev 16,21f.). Wo Menschen bereit sind zu vergeben bzw. ihre Schuld anzuerkennen, da vergibt auch Gott. Von daher erklärt sich der gottähnliche Status des Gottesknechtes, der bereit ist, die Sünden anderer zu tragen und dafür zu leiden (vgl. SKZ 14/1998).
Barmherzigkeit und Vergebung sind also keineswegs Erfindungen des Zweiten Testaments. Das muss leider noch immer mit Nachdruck betont werden, da die diesbezüglichen christlichen Vorurteile gegenüber dem Ersten Testament und in der Folge auch gegenüber dem Judentum hartnäckig weiterüberliefert werden. Ben Sirach ist nur einer von vielen Zeugen für die Spiritualität des Vergebens im Judentum des hellenistischen Zeitalters. Das zeigt zum Beispiel ein Blick in das Testament der Zwölf Patriarchen, eine griechisch verfasste, jüdische Erbauungsschrift des 2. Jh. v. Chr., die später in christlichen Kreisen überliefert und teilweise erweitert worden ist. «Liebt einander von Herzen! Und wenn jemand gegen dich sündigt, so sage es ihm friedlich. Und halte in deiner Seele die List nicht fest. Und wenn er Busse tut und bekennt, vergib ihm. Streitet er ab, sei nicht bei ihm auf (deinen) Sieg aus, damit er nicht schwört und du doppelt sündigst. [...] Wenn er jedoch abstreitet und sich scheut, überführt zu werden, gib Ruhe (und) überführe ihn nicht. Denn der, der (aus Scheu) abstreitet, tut Busse, so dass er sich nicht mehr gegen dich verfehlt, und sich fürchtend, hält er Frieden. Ist er jedoch unverschämt und beharrt er auf der Bosheit, dann vergib ihm auch so von Herzen und überlass Gott die Vergeltung» (Test. XII Patr. Gad VI,3f.6f.). «Habt nun Erbarmen in eurem Inneren. Denn wie jemand mit seinem Nächsten handelt, so wird der Herr auch ihm tun» (Text. XII Patr. Sebulon V,3). Ganz in diesem Sinne urteilen auch die Rabbinen in talmudischer Zeit: «Rabbi Jehuda (um 150 n. Chr.) hat im Namen des Rabban Gamliel (II., um 90 n. Chr.) gesagt: Siehe, es heisst: Er (Gott) schenkt dir Erbarmen (gegen andere), um sich deiner zu erbarmen (vgl. Dtn 13,18). Das sei ein Zeichen in deiner Hand: Sooft du barmherzig bist (indem du deinem Nächsten vergibst), erbarmt sich der Allbarmherzige deiner (indem er dir vergibt)» (bBQ 9,29f.). Es lehre uns unser Lehrer: Wenn Streit zwischen einem Menschen und seinem Nächsten herrscht, wie wird ihm (dem Schuldigen) Sühnung am Versöhnungstage? So haben uns unsere Lehrer gelehrt: Übertretungen des Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag; Übertretungen eines Menschen gegen einen andren sühnt der Versöhnungstag nicht eher, als bis der Schuldige seinen Nächsten ausgesöhnt hat. Und wenn er hingeht, um ihn zu versöhnen, und dieser nimmt die Versöhnung nicht an, was soll dann jener tun? Rabbi Schmuel ben Nachman (um 260 n. Chr.) hat gesagt: Er schaffe zehn Männer herbei und stelle sie in eine Reihe und spreche vor ihnen: Streit ist zwischen mir und dem und dem gewesen; ich wollte ihn versöhnen, aber et hat es nicht angenommen, sondern siehe, er bleibt bei seiner Weigerung, während ich mich vor ihm gedemütigt habe. Woher (weiss ich), dass er also sprechen soll? Aus Ijob 33,27. Wenn dann Gott sieht, dass er sich selbst gedemütigt hat, so vergibt er ihm seine Sünden. Denn solange der Mensch in seiner Vermessenheit verharrt, wird ihm nicht vergeben (vgl. Ijob 30,1; 15,10; 42,10)(PesiqR 38; 164b).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999