35/1999 | |
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Lesejahr A |
In seiner streckenweise enzyklopädisch anmutenden Weisheitsschrift
erörtert Jesus ben Sirach, nachdem er zunächst die Tugend der
Gerechtigkeit gepriesen hat, auch fünf Laster: Die Geheimnistuerei,
die Falschheit, die Rachsucht, die Zwietracht und die Verleumdung. Dem durch
die Mittelstellung akzentuierten Laster wendet sich die Lesung zu.
Die Grundaussage ist einfach: Vergeben ist seliger den Rächen. Sie
wird in der Folge in einer für die orientalische Weisheitsliteratur
typischen Weise in lauter Parallelismen und unter Anwendung verschiedenster
sprachlicher Stilmittel wie rhetorischen Fragen und Antithesen variiert.
Dabei wird Folgendes festgehalten: 1. Nach dem Massstab, den einer auf seine
Mitmenschen anwendet, wird auch er von Gott beurteilt (28,1). 2. Wer nachsichtig
ist mit seinen Nächsten, kann auch von ihnen Nachsicht erwarten (28,2).
3. Wer streng ist gegenüber andern, selber aber auf göttliches
Erbarmen hofft, lebt nach einer doppelten Moral, die nicht aufgehen wird
(28,35). Dieser Aspekt wird durch seine Mittelstellung und seine dreifache
Variation in Gestalt rhetorischer Fragen herausgestrichen. 4. Der Groll
gegenüber Mitmenschen relativiert sich in Anbetracht des Todes bzw.
der Kürze des Lebens. Insofern ist das Sich-Üben in Geduld und
Nachsicht gegenüber den anderen ein Teil der ars moriendi (28,6). 5.
Wer den Weisungen der Tora folgt, wird zur Vergebungsbereitschaft hingeführt
(28,7).
Die Doppelmoral, die Jesus Sirach im Zentrum seiner Kritik an der Rachsucht aufs Korn nimmt, hat auch Jesus mit seinem Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner (Mt 18,2135) im Blick, das er als Antwort auf die Petrusfrage, wie oft man denn zu vergeben verpflichtet sei, zum Besten gibt. Die Quintessenz des Gleichnisses entspricht der fünften Bitte des Vaterunsers: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern (Mt 6,12). Dieser Satz steht deshalb im zentralen christlichen Gebet, weil Vergeben ein schöpferisches Tun ist, das dem Leben zum Durchbruch verhilft, ein Akt aber auch, der unsere Kreativität herausfordert. Es ist übrigens der einzige Satz des Vaterunsers, dem Matthäus einen Kommentar (6,1415), der ganz in der jüdischen Theologie und Praxis der Vergebung (vgl. Kasten) verwurzelt ist.
Eine bürgerliche Auffassung von Religion hat es uns zur Gewohnheit
werden lassen, Vergebung in erster Linie mit der Behebung von kleinen Alltagsstörungen
in Verbindung zu bringen. Das Wort «Verzeihung», einst eine
Bitte um Schuldaufhebung, ist zur Höflichkeitsfloskel verkommen. Gewiss,
auch im Kleinen ist Sorgfalt und Aufmerksamkeit ein Segen. Doch im biblischen
Kontext und auch heute geht es um Existentielleres als nur um das Pardon
für ein Versehen. Im äussersten Fall kann Vergebung Amnestie der
Todesstrafe bedeuten. Eine assyrische Wandmalerei aus Nordsyrien zeigt einen
Araber kurz vor der Hinrichtung durch einen assyrischen Soldaten. In seiner
Hand hält er das Zweiglein eines Ölbaumes. Ein Mann und eine Frau
bitten mit erhobenen Händen um Gnade. Eine weitere Frau führt
ein Kind herbei, dessen Geschrei den Soldaten wohl Einhalt gebieten soll.
Szenen dieser Art in assyrischen Verwaltungspalästen dienten wohl dem
Zweck, Rebellen zu einem Verhalten zu Bewegen, das das Erbarmen und nicht
den Zorn der Assyrer provozierte. Oft bezieht sich Vergebung auf den Erlass
von Geldschulden. Im Kontext des orientalischen Rentenkapitalismus hiess
das konkret: Erlösung aus der Schuldwirtschaft und damit aus einem
sklavenartigen Zustand.
Es ist innerhalb des Ersten Testamentes eine Selbstverständlichkeit,
dass ein Mensch seine eigenen Sünden tragen muss. Darüber hinaus
kann sich ungesühnte Schuld aber auch auf die nächsten Generationen
übertragen (vgl. SKZ 2021/1999). Vergebung erfolgt dann, wenn
ein Mensch die Sünde von anderen trägt (hebr. nasa' 'awon), wie
es zum Beispiel Josef tut, der seinen Brüdern vergibt (Gen 50,17).
Im wörtlichen Sinn Träger von Sünden ist der Sündenbock,
der im Rahmen des Versöhnungsrituals die Sünden des Volkes in
die Wüste trägt (Lev 16,21f.). Wo Menschen bereit sind zu vergeben
bzw. ihre Schuld anzuerkennen, da vergibt auch Gott. Von daher erklärt
sich der gottähnliche Status des Gottesknechtes, der bereit ist, die
Sünden anderer zu tragen und dafür zu leiden (vgl. SKZ 14/1998).
Barmherzigkeit und Vergebung sind also keineswegs Erfindungen des Zweiten
Testaments. Das muss leider noch immer mit Nachdruck betont werden, da die
diesbezüglichen christlichen Vorurteile gegenüber dem Ersten Testament
und in der Folge auch gegenüber dem Judentum hartnäckig weiterüberliefert
werden. Ben Sirach ist nur einer von vielen Zeugen für die Spiritualität
des Vergebens im Judentum des hellenistischen Zeitalters. Das zeigt zum
Beispiel ein Blick in das Testament der Zwölf Patriarchen, eine griechisch
verfasste, jüdische Erbauungsschrift des 2. Jh. v. Chr., die später
in christlichen Kreisen überliefert und teilweise erweitert worden
ist. «Liebt einander von Herzen! Und wenn jemand gegen dich sündigt,
so sage es ihm friedlich. Und halte in deiner Seele die List nicht fest.
Und wenn er Busse tut und bekennt, vergib ihm. Streitet er ab, sei nicht
bei ihm auf (deinen) Sieg aus, damit er nicht schwört und du doppelt
sündigst. [...] Wenn er jedoch abstreitet und sich scheut, überführt
zu werden, gib Ruhe (und) überführe ihn nicht. Denn der, der (aus
Scheu) abstreitet, tut Busse, so dass er sich nicht mehr gegen dich verfehlt,
und sich fürchtend, hält er Frieden. Ist er jedoch unverschämt
und beharrt er auf der Bosheit, dann vergib ihm auch so von Herzen und überlass
Gott die Vergeltung» (Test. XII Patr. Gad VI,3f.6f.). «Habt
nun Erbarmen in eurem Inneren. Denn wie jemand mit seinem Nächsten
handelt, so wird der Herr auch ihm tun» (Text. XII Patr. Sebulon V,3).
Ganz in diesem Sinne urteilen auch die Rabbinen in talmudischer Zeit: «Rabbi
Jehuda (um 150 n. Chr.) hat im Namen des Rabban Gamliel (II., um 90 n. Chr.)
gesagt: Siehe, es heisst: Er (Gott) schenkt dir Erbarmen (gegen andere),
um sich deiner zu erbarmen (vgl. Dtn 13,18). Das sei ein Zeichen in deiner
Hand: Sooft du barmherzig bist (indem du deinem Nächsten vergibst),
erbarmt sich der Allbarmherzige deiner (indem er dir vergibt)» (bBQ
9,29f.). Es lehre uns unser Lehrer: Wenn Streit zwischen einem Menschen
und seinem Nächsten herrscht, wie wird ihm (dem Schuldigen) Sühnung
am Versöhnungstage? So haben uns unsere Lehrer gelehrt: Übertretungen
des Menschen gegen Gott sühnt der Versöhnungstag; Übertretungen
eines Menschen gegen einen andren sühnt der Versöhnungstag nicht
eher, als bis der Schuldige seinen Nächsten ausgesöhnt hat. Und
wenn er hingeht, um ihn zu versöhnen, und dieser nimmt die Versöhnung
nicht an, was soll dann jener tun? Rabbi Schmuel ben Nachman (um 260 n.
Chr.) hat gesagt: Er schaffe zehn Männer herbei und stelle sie in eine
Reihe und spreche vor ihnen: Streit ist zwischen mir und dem und dem gewesen;
ich wollte ihn versöhnen, aber et hat es nicht angenommen, sondern
siehe, er bleibt bei seiner Weigerung, während ich mich vor ihm gedemütigt
habe. Woher (weiss ich), dass er also sprechen soll? Aus Ijob 33,27. Wenn
dann Gott sieht, dass er sich selbst gedemütigt hat, so vergibt er
ihm seine Sünden. Denn solange der Mensch in seiner Vermessenheit verharrt,
wird ihm nicht vergeben (vgl. Ijob 30,1; 15,10; 42,10)(PesiqR 38; 164b).