34/1999

INHALT

Lesejahr A

Wachsamkeit und Umkehrbereitschaft

Thomas Staubli zu Ez 33,1-20

 

Bibel: Der Warner und die Gewarnten

Ezechiel hat mit seinem Volk die letzten Jahre des Königreiches Juda erlebt und ist mit ihm in die Verbannung nach Babylon gezogen, wo sein als wundertätig geltendes Grab übrigens von Jüdinnen und Juden über Jahrhunderte hinweg verehrt worden ist. Erst in der Mitte dieses Jahrhunderts haben nach antisemitischen Ausschreitungen von arabischer Seite praktisch alle irakischen Juden (ca. 125000) in einem historischen Exodus nach 2500 Jahren ihre Heimat verlassen. Ezechiel hat nicht nur Entwicklungen kritisiert, sondern wie kein anderer seiner Zeit auch Zukunftsperspektiven aufgezeigt. Ein wichtiger theologischer Beitrag dazu ist sein Pochen auf die persönliche Verantwortung jedes/jeder Einzelnen. Was uns europäischen Individualistinnen/Individualisten eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, stellte für die in Traditionen und Sippenstrukturen eingebetteten Israelitinnen und Israeliten eine Revolution dar.
Der Lesungstext steht am Anfang des dritten und letzten Teiles des Buches Ezechiel, in dem nach den vorgängigen Gerichtsworten über Israel und die Völker die Heilsansage für Israel im Zentrum steht. Der Wendepunkt ist die Belagerung und Zerstörung Jerusalems, also das Eintreten des Gerichts. Durch die besondere Stellung innerhalb des Prophetenbuches, wohin er erst bei der Redaktion des Buches geraten ist, erhält der Text programmatischen Charakter. Ezechiel wird in gewisser Weise ein zweites Mal zum Propheten berufen, diesmal in der besonderen Funktion des Spähers.
Der Prophet hat dieselbe Funktion wie der Späher (vgl. Kasten), dessen Amt es ist, bei Gefahr rechtzeitig Alarm zu schlagen. Hat er seine Pflicht getan, so liegt die weitere Verantwortung bei den Gewarnten, tut er es aber nicht, so haftet er für die katastrophalen Folgen seiner Nachlässigkeit. Das ist, kurz gesagt, die Aussage des ersten Abschnittes (11,1­6). Zu beachten ist dabei die Theologik, wonach es derselbe Gott ist, der einerseits das Schwert über die Bewohner des Landes bringt, andererseits aber den Menschen die Möglichkeit gibt, einen Wächter zu bestellen, der sie warnt, und auf die Warnung des Wächters zu hören. Die auf den ersten Blick simple Kasuistik erweist sich auf dem Hintergrund dieser Theologie als befreiend: die Menschen ­ jede und jeder ­ haben die Möglichkeit zur Umkehr. Sie sind dem Gericht Gottes nicht wehrlos ausgeliefert, denn dieser Gott ist letztlich am Leben und nicht am Tod der Gottlosen interessiert. Dieser Gedanke wird im dritten Abschnitt (33,10­20) nach allen Richtungen hin entfaltet. Dazwischen finden wir im mittleren Abschnitt (33,7­9) das entscheidende Bindeglied, die Berufung Ezechiels ins Wächteramt. Er ist es, der mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut wird, Israel zu warnen und zur Umkehr zu bewegen. Ist auf der Bildebene in 33,2 noch davon die Rede, dass sich die Bewohner des Landes den Wächter selbst bestellen, so ist es hier Gott selber, der Ezechiel beruft und mit dieser guten Wahl seinen Willen unterstreicht, das Volk retten zu wollen. Etwas anderes ist auch gar nicht denkbar, denn das prophetische Spähertum setzt immer Charisma, Gottes Gnade, voraus.

Kirche: Christliche Kritikkultur

Der ezechielschen Zeit zwischen dem Einsetzen des «Wächters» und dem Eintreten des Gerichts entspricht bei Paulus die Zeit der Nachsicht (gr. anochä) Gottes (Röm 3,26). An die Stelle des Wächters ist Christus als Sühnmal (gr. hilastärion) getreten. Allen, unabhängig von ihrer Vorgeschichte, ist im Glauben an ihn und in der Nachfolge Erlösung möglich. Im Sinne dieser Nachfolge kann nach Matthäus (18,15­20) jede und jeder zum Wächter des Bruders oder der Schwester werden. Im Stillen, wenn nötig aber auch vor Zeugen oder gar vor der ganzen Gemeinde soll die Zurechtweisung von Sündern erfolgen, die den Beginn der Zeit der Umkehr vor dem Gericht markiert. Eine christliche Kultur der Kritik, die leider oftmals zur Nörgelei verkommen oder zur Ausgrenzung von Randgruppen oder Opponenten missbraucht worden ist, bildet die Grundlage für ein freieres, zwangloseres Leben mit Gott.

Welt: Verantwortung in der Informationsgesellschaft

Heute fällt Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern und Journalistinnen/Journalisten die Aufgabe zu, das, was sie (voraus)sehen, getreu zu dokumentieren und der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ihre Sprache muss verständlich sein und ihre Resultate allen zugänglich ­ dafür tragen sie die Verantwortung. Von der anderen Seite wird Interesse erwartet und die Bereitschaft, sich informieren zu lassen. Diese Verantwortung trägt jeder Teil des Volkes.


Späher/Wächter (hebr. zofäh/schomer)

Sind es heute Sicherheitsschlösser, Zahlenschlösser, automatische Schranken, Videokameras oder elektronische Codes, die Unbefugten den Zugang verhindern, Seismographen, Feuermelder und Satelliten, die Gefahr melden, so sind es im Altertum fast immer bewaffnete Männer, die diese Funktionen ausüben. Meistens treten sie als Wächter einer Stadt in Erscheinung. Als solche patroullierten sie auf den Mauern und nachts auch auf den Strassen (Hld 3,3; 5,7). Um sich einen Überblick über das Umland zu verschaffen, steigen sie auf die höheren Tordächer (2 Sam 18,24) oder stehen auf eigens dafür eingerichteten Wachttürmen (2 Kön 9,17ff.), die manchmal der Stadt vorgelagert sind (2 Kön 17,9). Über grössere Distanzen verständigen sich Wächter nachts mit Feuer, tags mit Rauch oder bei Alarm mit Trompetensignalen durch das Widderhorn (Jer 4,5.19.21; 6,1.17; Am 3,6; Joël 2,1). Sie sind in Mannschaften organisiert, deren Zuverlässigkeit und Unbestechlichkeit nur noch vom menschlichen Herzen übertroffen wird (vgl. Sir 37,14). Besonders anstrengend sind die langen, ermüdenden Nachtwachen, so dass sich der Wächter den Morgen herbeisehnt (Ps 130,6), den er lauthals verkündet (Jer 21,12). Ist das Wetter kalt, wärmen sich die Palastwächter und Dienerinnen in den Höfen am Feuer auf (1 Makk 12,28; Mk 14,54||Lk 22,55). Bei einem besonderen Vorfall haben Späher Offizieren, Beamten oder dem König Nachricht zu erstatten. Ab hellenistischer Zeit werden auch Gefängnisse (Apg 12,6) und Nekropolen (Mt 28,4) bewacht. Zu allen Zeiten werden Palast- und besonders Tempeltore von Löwenskulpturen oder Mischwesen wie Greifen oder Cheruben flankiert. Die Übertragung des Späheramtes auf den Propheten hat im Ersten Testament Tradition (bes. Jes 21,6­10; Jer 6,17; Hab 2,1). Auf je eigene Weise blicken beide in die Ferne und halten Ausschau. Ps 121 preist in einem innigen Gebet JHWH als Wächter Israels. Er bewacht Eingang und Ausgang jedes Menschen, also das ganze Leben zwischen Geburt und Tod. Über das Jiddische ist das hebräische Wort schomer übrigens ins Deutsche eingewandert: Schmiere stehen (bei einem Gaunerakt Wache stehen) und d'Schmier (dialektal für die Polizei).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999