32-33/1999

INHALT

Lesejahr A

Schlüsselgewalt

von Thomas Staubli

 

Bibel: Schebna und Eljakim

Propheten waren keine weltfremden Spinner, die die Menschen entweder mit apokalyptischen Vernichtungsdrohungen erschreckten oder ihnen im irdischen Jammertal ein himmlisches Schlaraffenland vorgaukelten. Erst die Verbindung ihrer Zukunftsentwürfe mit ganz praktisch-politischen Entscheidungen im Alltag machte sie für die Herrschenden so unentbehrlich, manchmal aber auch lästig, ja gefährlich. Der Lesungstext liefert uns dazu ein anschauliches Beispiel aus der Amtszeit Jesajas. Auf ein Gerichtswort über Jerusalem (22,1­14) folgt ein Orakel, das im Zusammenhang mit dem Amtsenthebungsverfahren des königlichen Wesirs an Jesaja erging (22,15­25). Danach folgen Gerichtsworte über die phönizischen Hafenstädte Tyrus und Sidon (23,1­18).
Dass der Wesir oder Kanzler ­ nach dem König der höchste Mann im Staat und nicht selten war er mächtiger als dieser ­ entlassen wurde, war ein Politskandal sondergleichen, der nicht ohne den Segen der JHWH-Propheten über die Bühne gehen konnte. Die wahren Gründe, weshalb «Schebna, der Palastvorsteher» (Schäbna' 'aschär 'al-habait), ins Exil verbannt wurde, werden wir wohl nie genau erfahren. Die im Orakel genannten Gründe (22,15­19) sind jene, die der Öffentlichkeit mitgeteilt wurden: Schebna liess sich schon zu Lebzeiten ein Luxusfelsgrab (vgl. SKZ 12/1999) anlegen und fuhr in überrissen teuren Dienstwagen herum. Das sind für einen Chefbeamten nicht sehr spezifische Vergehen, aber solche, die dem nicht von Privilegien gesegneten Volk schnell einleuchteten. Mit dem «Land, das nach beiden Seiten hin offen liegt» (EÜ «geräumiges Land») und wohin Schebna verbannt werden soll, ist wahrscheinlich Mesopotamien gemeint. Vielleicht unterhielt er enge Kontakte zu assyrischen Diplomaten und verfolgte eine Annäherungspolitik mit dem Feind im Norden, die den JHWH-Propheten nicht gefiel. An seiner Stelle wird Eljakim ben Hilkija in das hohe Amt berufen (22,20­23). Sowohl er als auch sein Vater sind möglicherweise auch durch archäologisch gesicherte Siegelabdrücke mit diesen Namen bezeugt. Die für den Wesir im Orakel verwendeten, schmückenden Attribute und Titel rücken ihn in die Nähe des gesalbten Königs und belegen eindrücklich die enorme Bedeutung des Amtes: Er ist wie ein Vater ('ab) für die Stadt und ihr Umland. Er gleicht einem eingerammten Pflock (jater). Er nimmt innerhalb seiner Grossfamilie einen Ehrenplatz ein. Vor allem aber verfügt er über die Schlüsselgewalt des Königshauses und damit über die Entscheidungsbefugnisse im politischen Zentrum des Landes. Auch diese Wahl scheint sich nicht bewährt zu haben, was zeigen mag, dass die Verantwortung für das Versagen nicht nur den Personen, sondern auch den Zeitumständen, in welchen sie lebten, anzulasten ist. Jedenfalls notiert eine an das Orakel angehängte Glosse (22,14f.), indem sie geschickt an das vorgegebene Bild vom Pflock anknüpft, auch das Scheitern Eljakims, der am Gewicht der mit ihm verbundenen Sippe zugrunde ging. Mit der Lobby der Sippe steht und fällt die Politik eines orientalischen Herrschers bis heute. Trägt sie seine Verantwortung nicht mit und profitiert nur von seinen Privilegien, ist sein Fall programmiert.
Eine wohl matthäische Ergänzung zum Petrusbekenntnis der Logienquelle stilisiert Petrus zum Erschliesser des Himmelreiches und verbindet das Bild mit der jüdisch vorgeprägten Formel des Lösens und Bindens, womit die rabbinische Lehrautorität gemeint ist (Mt 16,19). In krasser Polemik stellt Matthäus die Schriftgelehrten und Pharisäer dagegen als Verschliesser des Himmelreiches dar (Mt 23,13; vgl. Lk 11,52).

Kirche: Petrus und Jesus

Die römische Kirche hat diese Aussage im Rahmen der apostolischen Sukzession auf ihren Bischof bezogen und universalisiert. Im Unterschied zum judäischen Königshof fehlt hier allerdings eine institutionalisierte prophetische Kontrollinstanz, die über die Kompetenz verfügt, den Wesir Christi auf Erden für seine Entscheidungen zur Verantwortung zu ziehen. Offb 3,7 münzt die Jesajastelle dagegen auf Christus, was deren Logik widerspricht, da Jesus als Davidssohn ja die Stelle des Königs und nicht die seines Wesirs einnimmt. Es gelingt durch eine kleine Änderung, indem «der Schlüssel des Hauses Davids» durch den «Schlüssel Davids» ersetzt wird. Im Kontext der prophetischen Schrift kann das nur als versteckte Kritik an jeder Form von Herrschaftsansprüchen (in der Kirche) verstanden werden.

Welt: Prophetischer Journalismus

Damit ist im Ersten und Zweiten Testament eine herrschaftskritische, prophetische Richtung vorgezeichnet, die heute in einem Journalismus seine Konkretisierung findet, der im Interesse der Öffentlichkeit und der Gerechtigkeit Amts- und Machtmissbrauch aufdeckt: der erste Schritt für eine Erneuerung und Verbesserung der Verhältnisse.


Schlüssel (hebr. mapteach)

Nur Tempel, Paläste, Arsenale und Obergemächer von Wohlhabenden (Ri 3,25) wurden mit Schlüsselschlössern versehen. Einfachen Menschen genügten Schnurverschlüsse und einfache Riegel. Erst mit dem Aufkommen von Privatbesitz ab der Perserzeit (5. Jh. v. Chr.) haben reiche Männer ihre Habe durch abschliessbare Schlösser vor Ehefrau und Dienerschaft geschützt (Sir 42,6). Wegen seiner Grösse und seines Gewichts wurde der lange, gezahnte oder geknickte Schlüssel auf den Schultern getragen. Entsprechend bedeutsam war das Amt des Schlüsselträgers, das innerhalb des Staates nur der rechten Hand des Königs, dem Wesir, zukam. Innerhalb der vorderasiatischen Götterwelt ist es der Sonnen- und Rechtsgott Schamasch (vgl. SKZ 3/1998), der den Schlüssel des Himmelstores besitzt, das er morgens öffnet und abends schliesst. Im Judentum übernehmen Engel seine Rolle, im Matthäusevangelium Petrus. Dem entspricht im Islam das Amt des (Gross-)Mufti, der Rechtsgutachten (arab. fetwa) erstellen darf. In der Türkenzeit sass er an der «Hohen Pforte» (!) zu Istanbul. Auf die griechische Tradition der Totenrichter Hades oder Aiakos als Schlüsselmänner der Unterwelt spielt Offb 1,18 an, wo Jesus, der Überwinder des Todes, ihre Rolle übernimmt. Darüber hinaus weiss die Offbarung von Engeln zu berichten, die Schlüssel zur Unterwelt besitzen, aus der das Böse über die Erde kommt (9,1) oder in die es aus ihr verbannt wird (20,1).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999