30-31/1999

INHALT

Lesejahr A

Zu sich kommen

von Thomas Staubli

 

Bibel: Gottesbegegnung am Horeb

Die Geschichte von Elija am Horeb, die wenn möglich ganz gelesen werden sollte, gehört zu den Höhepunkten des Ersten Testaments, einerseits weil es eine meisterhafte Erzählung ist, aber auch weil es der einzige Text ausserhalb der Tora ist, in dem von einer Gottesbegegnung auf dem Heiligen Berg des Volkes Israel, hier in deuteronomistischer Tradition Horeb genannt, die Rede ist.
Der kämpferische Einsatz für JHWH auf dem Karmel lässt den Propheten den Zorn der Staatsgewalt ernten. Er flieht in die Wüste. Ebenso unwahrscheinlich wie die Abschlachtung der Baalspropheten hört sich der Marsch zum Horeb an. Es ist offensichtlich, dass hier nicht ein Erlebnisbericht, sondern eine kunstvoll komponierte theologische Erzählung vorliegt. Sie spielt aber eben nicht in einem abstrakten, metaphysischen Niemandsland, sondern ist typisch orientalisch, hineingewoben in konkrete Landschaften und Ereignisse. Worauf will die Erzählung hinaus? Sie führt hin zu einer mystischen Gotteserfahrung, in deren Verlauf sich Gott gleichsam all seiner Hüllen entledigt, bis er in nuce vor Elija steht bzw. dieser in ihm, nämlich in einem «sanften, leisen Säuseln», das Buber und Rosenzweig, den Bibeltext verdeutschend, treffend übersetzten mit «eine Stimme verschwebenden Schweigens» (qol dämamah daqqah). Sogar die traditionellen Formen der Gottesoffenbarung, der Sturm (vgl. Kasten), das Beben (vgl. 1 Sam 14,15; Ps 29,8; 46,7; Jer 51,29) und das Feuer (vgl. Am 1f.) verblassen angesichts des Geheimnisses Gottes, das andererseits erst auf dem Hintergrund seiner äusserlichen Offenbarungsformen voll erfasst werden kann. Es wird die Gottesbegegnung eines JHWH-Getreuen entworfen, in dessen Weg sich jeder Fromme bis zu einem gewissen Grad wiederfinden kann und soll.

Kirche: Der dritte im Bund

Theologisch wesentlich ergiebiger und bedeutungsvoller als die assoziative Verknüpfung mit den kleingläubigen Jüngern im Sturm, denen Jesus begegnet (Evangelium der Leseordnung Mt 14,22­33), ist die Verbindung zur Verklärung Christi (Mt 17,1­3). Nicht zufällig steht Jesus auf dem Berg zwischen Moses und Elija. Moses, der Gesetzeslehrer, und Elija, der Prophet, beide waren Gott auf dem Berg nahe. In dieser Konstellation vervollständigt Jesus die biblische Trias als Verkörperung der Weisheit, entsprechend den drei Teilen des ersten Testaments, Gesetz, Weisheit und Prophetie. Für dieses Verständnis spricht, dass die älteste Christologie des Zweiten Testaments Sophialogie ist. Das Bild der drei disputierenden Männer ist ein lebendiger Ausdruck der innigen Verbindung der biblischen Schriften und Traditionen untereinander, aber auch ein Sinnbild dafür, dass die Observanz des Rechts und das Charisma der Prophetie durch die Menschenfreundlichkeit der Weisheit (vgl. SKZ 26­27/1999) ergänzt und verbunden werden müssen, damit nicht nur kämpferische Opposition, sondern ein Klima angeregter Kommunikation entsteht, die das Leben fördert.

Welt: Drei Ambivalenzen eines Archetyps

Die Faszination, die von der Gestalt Elijas ausgeht, beruht auf den mit ihr verbundenen, mythisch dargestellten Ambivalenzen, die sie, tiefenpsychologisch gesprochen, zu einer archetypischen Figur werden lassen. Als solche kann sie auf dem Weg der Individuation eine Hilfe sein. Drei Ambivalenzen kommen in der Horeb-Episode zur Darstellung (vgl. Lit.):
1. Die Ambivalenz des Volkes gegenüber dem Helden (Sohn): Derjenige, der das Volk aus der selbstvergessenen Ekstase in die kontemplative Gottesbegegnung und aus der fluchbehangenen Abhängigkeit (Hunger) in die segensreiche Autonomie (Regen) führt, wird einerseits als Befreier, andererseits aber auch als Bedroher herkömmlicher Sitten und Gebräuche erfahren. 2. Die Ambivalenz Elijas gegenüber seinem Selbst (Geist): Die Erfahrung des Scheiterns führt ihn in die Resignation. Die Wüste entspricht seiner Seelenlandschaft. Der Einsiedler aber, der schon in einer früheren Krise die Einsamkeit suchte (1 Kön 17,1ff.), erfährt gerade sie als die Quelle seiner Kraft. 3. Die Ambivalenz Elijas gegenüber Gott (Vater). Elijas Reise zu sich selbst gipfelt auf dem Horeb, dem Berg der uranfänglichen Kraft in der Gottesbegegnung, genauer, in einer Höhle an diesem Berg, in der der alte Elija gleichsam stirbt, um als neuer geboren zu werden, wenn er heraustritt, um Gott zu begegnen. Vermeintlich am Ziel angekommen, muss der Prophet seine eigenen Tendenzen zur Vergötzung hinter sich lassen. Nicht in Feuer, Sturm und Beben zeigt sich Gott, sondern erst in der Stille. In ihr findet Elija zu sich selbst, das heisst zu seiner neuen Bestimmung, die zu einer Lösung der Konflikte führt: Diplomatischer Weitblick tritt an die Stelle der kämpferischen Rebellion und die Salbung eines Nachfolgers entlastet ihn von einer Aufgabe, die ihn zu erdrücken drohte.

 

Literaturhinweis: Thomas Staubli, Leidenschaft für die Sache der Armen. Elija (1 Kön 17 bis 2 Kön 2) in: D. Bauer/A. Meissner (Hrsg.), Männer weinen heimlich. Geschichten aus dem Alten Testament, Stuttgart 1993, 130­144. ­ Susanne Wolf-Withöft, Elia in der Trias der Ambivalenzen. Ein Prophet im Spiegel psychologischer Auslegung, in: K. Grünwaldt/H. Schroeter (Hrsg.), Was suchst du hier, Elia? Ein hermeneutisches Arbeitsbuch, Rheinbach-Merzbach 1995, 228­242.


Wind und Sturm

Wind und Sturm stehen im Mittelmeerraum in Verbindung mit Wolken, Blitz, Donner und dem Winterregen. An der Spitze der Götter steht bei Griechen und Römern eine blitzeschleudernde, männliche Gottheit, Zeus bzw. Jupiter. Prototyp des antiken Gottes ist der kanaanäische Sturm- und Wettergott, der zusammen mit seiner Partnerin verantwortlich ist für die alljährliche Regeneration der Natur (vgl. SKZ 20­21/1999). Er wurde bei vielen Völkern unter verschiedenen Namen verehrt. Bei den Phöniziern als Baal, in Syrien als Hadad, in Kleinasien als Teschub, Humunna, Mutala oder Muwatallu und in Mesopotamien als Ningirsu-Ninurta oder Uschumgallu. Eine nordsyrische Basaltstele zeigt den Gott auf einem Stier ­ Symbol der Kampfkraft und der Fruchtbarkeit ­ einherstürmend, mit Blitzbündeln in der Hand. Zum Image des Gottes gehört vor allem sein kämpferisches Eintreten für die Rechte des Lebens. Er gilt als Besieger des Meeres und der Wüste, den beiden Bedrohungen menschlicher Kultur. Als Kämpfer für das Gute ist er Vorbild und Legitimation jeder kämpferisch-politischen Macht. Auch JHWH hat den Aspekt der Wind- und Wettergottheit in sich aufgenommen, worauf schon sein Name deutet (vgl. SKZ 10/1998). «Er lässt Wolken aufsteigen vom Ende der Erde, er macht Blitze für den Regen. Er lässt den Sturm aus seinen Speichern fahren» (Ps 135,7). So und ähnlich (vgl. Pss 18,10­15; 29,7­11; 97,2­4) wird er in den Psalmen vorgestellt und als Helfer der Bedrängten angerufen (Ps 144,6).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999