24/1999

INHALT

Lesejahr A

Grenzfälle des Lebens

von Thomas Staubli

 

Bibel: Die grosse Frau von Schunem und der Gottesmann Elischa

In den Elija-Elischa-Zyklen der Königsbücher findet sich viel volkstümliches Material, das von jenen Kreisen gesammelt und bearbeitet wurde, die die Geschichtswerke Israels (Jos­2 Kön) im Geiste des Deuteronomiums redigierten und herausgaben. Diesen Theologinnen und Theologen lag einerseits die Volksnähe am Herzen, wie nebst den Stoffen auch ihre einprägsame Rhetorik zeigt, andererseits verfolgten sie «aufklärerische» Ziele indem sie die zum Aberglauben neigende Volksfrömmigkeit in einen monotheistischen JHWH-Glauben einzubinden versuchten.
Diese beiden Seiten der deuteronomistischen Theologie treten besonders deutlich zutage, wenn der Lesungstext mit der Auferweckungsgeschichte des Elija-Zyklus verglichen wird, der Erzählung von der Witwe zu Sarepta und ihrem Sohn (1 Kön 17,17­23). Während es in jener ausschliesslich JHWH ist, der die Heilung des Knaben auf das Gebet des Gottesmannes hin bewirkt, sind in der vorliegenden Erzählung noch schamanistische Praktiken erkennbar. Wird dort die Vorgeschichte der Witwe durch ihren Satz «du bist zu mir gekommen, um meine Schuld in Erinnerung zu rufen und meinen Sohn zu töten» (1 Kön 17,18a) nur dunkel angedeutet, so werden wir hier in eine längere Vorgeschichte mit hineingenommen.
Sie beginnt damit, dass die Hausvorsteherin einer offenbar vermögenden Familie dem umherziehenden Gottesmann Elischa ein Obergemach in ihrem Haus zur Verfügung stellt. Ihr Name ist uns nicht überliefert, obwohl sie sogar als «grosse Frau» ('ischah gödolah) tituliert wird ­ ein für Frauen in patriarchal dominierten Schriftkulturen typisches Schicksal. Sie wird nach dem Ort in der Jesreelebene benannt, in dem sie wohnt. Der Gottesmann Elischa ruft nach der Frau, die sich in die Tür seines Zimmers stellt und sich dort die Verheissung eines Kindes anhören muss. Ihre Reaktion ist ein entschiedenes, doppeltes Nein ('al'al), das im Ersten Testament nur noch an zwei anderen Stellen verwendet wird (Ri 19,23; 2 Sam 13,12) ­ beide Male um eine Vergewaltigung zu verhindern (4,16): «Nein, mein Herr, belüge/beschmeichle (tökaseb) deine Dienerin nicht!» Diese Übersetzung, die genauer ist als EÜ macht den sexuell zweideutigen Charakter der Stelle deutlich. Dass die Frau gegen ihren Willen vom Gottesmann bedrängt wurde, macht sie später noch zweimal deutlich (2 Kön 4,28; auch hier wird der doppeldeutige Sinn durch EÜ nicht sichtbar): «Habe ich etwa von meinem Herrn einen Sohn erbeten?» und «Habe ich nicht gesagt, du wirst es mir nicht wohlig machen?» Der Mann der Schunemiterin erscheint als hilflos und dröge. So enthält die Geschichte viele Details, die auf eine sexuelle Affäre zwischen Elischa und der Frau gedeutet werden können, aber nicht so verstanden werden müssen ­ eine Dorfburleske für solche, die Ohren haben, zu hören. Dabei ist es freilich nicht geblieben. Die deuteronomistischen Redaktoren haben der Story vom Lande (ihr dürften ungefähr die Verse 4,8­111.15b­25.28.30b.33f.36b.37b entsprechen) zwar erstaunlich viel Volksmundiges belassen und nicht einmal die schamanistischen Praktiken Elischas beschönigt, aber sie haben das Eine und Andere dazukomponiert. Insbesondere haben sie Elischas Diener, Gehasi eingeführt, der wie ein Wesir zwischen Elischa und der Schunemiterin steht und so erzählerisch geschickt für Distanz sorgt, wo die Dorfgeschichte zu viel Nähe vermuten liess.

Kirche: Variationen über ein Thema

Die Leseordnung versteht die Lesung, der Zuordnung zum Evangelium (Mt 10,37­42) entsprechend als Beispielgeschichte dafür, in welcher Art ein Prophet aufgenommen werden soll und welcher Lohn dafür erwartet werden darf. Lukas hingegen benutzt beide Auferweckungsgeschichten der Königsbücher als Vorlagen für die literarische Gestaltung urchristlicher Wunderberichte. Naïn (vgl. Lk 7,11­17) liegt nicht weit von Schunem entfernt und das Mädchen Gazelle in Joppe wird auch in einem Obergemach geheilt (vgl. Apg 9,36­43).

Welt: «Lach, wenn's zum heul'n nit reicht!»

Geistliche, die in zwielichtigen Situationen im Hause von Frauen entdeckt werden, Heiler/Heilerinnen, die Menschen in Not beistehen, Tote, die wieder zum Leben kommen das sind Stoffe, die auch in deutschen Schwänken und Märchen mit einem gerüttelt Mass an Humor gegenwärtig sind. Um die Grenzfälle des Lebens über- und verwinden zu können, so scheint es, ist ihre humorvolle Nacherzählung ein probates Mittel. Ähnliche Geschichten finden sich heute meist auf der letzten Seite der Zeitungen: die Kehrseite des Todes, der auf den Vorderseiten regiert.

 

Literaturhinweis: Uehlinger Christoph, Totenerweckungen ­ Zwischen volkstümlicher Bettgeschichte und theologischer Bekenntnisliteratur: S. Bieberstein/K. Kosch (Hrsg.), Auferstehung hat einen Namen. Biblische Anstösse zum Christsein heute (FS H.-J. Venetz), Luzern 1998, 17­28.


Totenerweckung

«Die Toten preisen JHWH nicht» (Ps 115,17; vgl. 88,11­13). Der Satz bringt die illusionslose Haltung der altisraelitischen Weisen gegenüber dem Tod auf den Punkt. Tote führen allenfalls noch eine dämmrige, zirpende Existenz (Jes 8,19; 29,4; 38,14; 59,11), aber das eigentliche Leben ist ihnen abhanden gekommen. Noch der jüngste aller biblischen Weisen, Qohelet, warnt vor spekulativen Jenseitsträumen (Koh 3,18­22). Er hält das Fest im Hier und Jetzt ­ Wohlstand in glücklicher Gemeinschaft ­ für die einzig mögliche Glückserfahrung. Archäologie und Religionsgeschichte können demgegenüber zeigen, dass es auch im Alten Israel Totenversorgung, -beschwörung und Ahnenverehrung gab. Auf einem mesopotamischen Schutztäfelchen gegen die Fieberdämonin Lamaschtu ist zu sehen, wie ein Kranker oder Toter von Priestern in Fischkostümen beschworen wird. In den oberen Registern sind die segensvermittelnden guten Mächte dargestellt, in den unteren die fluchbringenden Dämonen. Praktiken dieser Art wurden von den JHWH-frommen Kreisen der Bibel zwar abgelehnt, hatten für das Volk aber oft existentielle Bedeutung. Allerdings nicht im Sinne einer Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod, sondern vielmehr im Hinblick auf ein Zurückholen ins Leben vor dem Tod. Erst unter hellenistischem Einfluss sich ausbreitende Vorstellungen einer dualistischen, Leib und Seele spaltenden Anthropologie lassen auch Gedanken an eine postmortale Auferstehung und ein Leben nach dem Tod zu ­ ein Konzept, das für die makkabäischen Märtyrer bereits von grosser Bedeutung ist (vgl. SKZ 44/1998). Aus den wenigen Stellen, wo im Ersten Testament von Auferweckung die Rede ist, wird deutlich, dass es letztlich um die Rechtfertigung zu früh verstorbener Gerechter geht (vgl. Jes 26,14.19; Dan 12,2f.; 2 Makk 7,14; 12,43­45; Weish 2f.). «Wo die Rede von der «Auferstehung« diese Dimension des theologisch motivierten Protests gegen Bedrückung und Bedrücker verliert, droht sie den Boden der Schrift unter den Füssen zu verlieren» (Christoph Uehlinger; vgl. Lit.).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999