23/1999

INHALT

Lesejahr A

Zwang zur Wahrheit

von Thomas Staubli

 

Welt: Die «Kultur des Schweigens»
(Paolo Freire)

Noch nie seit Einführung der parlamentarischen Demokratien in der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde in Europa so oppositionslos regiert (vgl. Lit.). Die sozialdemokratischen Regierungen in Deutschland, England und Frankreich führen die Politik ihrer bürgerlichen Vorgänger weitgehend fort. Der reformerische Visionär Oscar Lafontaine hat sich sang- und klanglos zurückgezogen. Die grünen Parteien haben vielerorts Mühe, ihre Mandate zu behalten, und Joschka Fischer verteidigt den Krieg in Jugoslawien. Für fast alle Parteien, die christlichen miteingeschlossen, ist der «Freie Markt» und die damit verbundene Wirtschaftweise zu einem alternativlosen Dogma geworden, mehr noch: zu einem Naturgesetz, dem sich zu widersetzen den meisten als absurd erscheint. Der Markt ist gut, nur der Mensch, der seine Weisheit noch nicht erkannt hat, ist schlecht. Mit diesem Götzenknüppel aus dem Sack der Wirtschaftsgiganten und ihrer Experten wird jeder gegenläufige Gedanke der Lächerlichkeit preisgegeben. Zensuren und Repressionen sind unnötig, denn die neuen Medien lassen die Unternehmer ein von der Kritik unbehelligtes Leben führen, umso mehr als sie sich weitgehend vom Staat entkoppelt haben und dieser damit beschäftigt ist, die wirtschaftlich verursachten Probleme (Umweltschäden, Arbeitslosigkeit) zu lösen. Wer in den Ländern der unbegrenzten technischen Möglichkeiten an sozialistische Projekte, ökologische Forderungen nach Selbsteinschränkung oder christliche Utopien erinnert, gilt als reaktionär, romantisch und unrealistisch. Für realistisch und vernünftig hält man jene, die an einem technologiegläubigen Projekt der Moderne festhalten, das einem Drittel der Menschheit eine massgeschneiderte Zukunft verheisst, während die anderen zwei Drittel für den Wohlstandswahn die Zeche bezahlen, ein immer unwürdigeres Dasein fristen und einen vorzeitigen Tod sterben.

Bibel: Gesang des vergewaltigten Propheten

Kein Zweifel, Jeremia lebte unter völlig anderen ökonomischen Bedingungen als wir, aber auch er sah sich mit seinen öffentlichen Vorschlägen der Lächerlichkeit preisgegeben. Er leidet schrecklich unter den Folgen seiner Auftritte. Nach seiner Performance am Eingang des Scherbentors im Hinnomtal, wo er die Zukunft von Stadt und Volk an einem Krug demonstriert, den er zerbricht, wird er vom Priester Paschur gefoltert. Aber Jeremia handelt und spricht unter einem inneren Zwang. Er selber führt seinen Zustand auf eine Vergewaltigung durch JHWH zurück. Er, Gott, hat ihn, den zölibatären Propheten, betört, gepackt und überwältigt (20,7). In den Augen seiner Umgebung handelt er einfach idiotisch. Man munkelt hinter seinem Rücken und verschwört sich gegen ihn. «Grauen ringsum» (magor missabib). Mit diesem Ausdruck charakterisiert der Gequälte seine Situation und so bezeichnet er ­ zumindest in der vorliegenden redaktionell überarbeiteten Fassung des Jeremiabuches ­ auch den Folterer Paschur (20,3). Doch schlimmer noch als die Demütigungen, die er durch das Volk und sogar durch seine Nächsten erfährt, ist das innere Feuer, das ihn quält, wenn er sich weigert, im Namen JHWHs zu sprechen. So sieht sich der Prophet unweigerlich gezwungen, in sein Verderben zu rennen. In dieser Ausweglosigkeit ruft er denselben an, der ihn in sein Unglück gestürzt hat, JHWH, der ihm als gewaltiger Held (gibbor 'ariz) beistehen wird. Nicht nur dieses Paradox, auch der ganz andere hymnische Stil und vor allem die sich in diesem Abschnitt häufenden liturgischen Wendungen lassen den Schluss zu, dass der zweite Teil des Gesanges (20,10­13) erst von der nachexilischen Gemeinde in Jerusalem an dieser Stelle eingefügt wurde. Zu diesen formelhaften Teilen gehört auch die hoffnungsvolle Selbstvergewisserung, dass JHWH die Menschen auf Herz und Nieren prüft (vgl. Kasten) und das an den Armen und Hilflosen begangene Unrecht an den Übeltätern ahndet (vgl. SKZ 49/1998).

Kirche: Ermutigung zum Bekenntnis

Während sich der Prophet im Psalm des Jeremiabuches gezwungen sieht, so zu reden und zu handeln, wie Gott es von ihm verlangt, lädt der Evangelientext (Mt 10,26­33) die Gemeinde ein, sich freiwillig zu Christus zu bekennen und damit Verfolgung zu riskieren. Diese andere Sicht wird im Text selber mit einer neuen Anthropologie begründet: Leib und Seele werden als zwei getrennte Welten behandelt. Nur die Missachtung des ersteren kann die Christen zu einem scheinbar absurden Verhalten motivieren, das die Grenze des Todes ignoriert. Die Ahndung der Märtyrer wird im Christentum ins Jenseits verlagert, da innerhalb der von den Römern kolonialisierten Welt der Zusammenhang von Tun und Ergehen, den Jeremia noch voraussetzt, endgültig verloren gegangen ist.

 

Literaturhinweis: Ignacio Ramonet, Die moderne Rechte: Le Monde diplomatique 5 (1999 Nr. 4), Seite 1.


Läutern und prüfen

Geldlieferungen erfolgten vor der Erfindung von Münzen im 5. Jahrhundert (vgl. SKZ 18/1998) meistens in Form von Erzbarren. Um das Metall auf seine Reinheit zu prüfen, wurde es in einen mit Blasbälgen belüfteten Schmelzofen gegeben, wo sich das Erz von der Schlacke trennte und so geläutert wurde. In einem Brief an Pharao Echnaton beklagt sich der babylonische König Burnaburiasch II. über eine unlautere Lieferung Gold: «Was deinen Boten betrifft, den du geschickt hast, so waren die 20 Minen Gold, die er brachte, nicht voll, denn als man es in den Ofen legte, kamen nicht fünf Minen hervor.» Einer ähnlichen Prüfung ­ so stellte man sich vor ­ unterzieht JHWH die Herzen und Nieren der Menschen (Ps 11,4­7; 17,3; 26,2; 66,10). Während das Herz für den inneren Bereich der Menschen überhaupt steht, besonders aber für das Gewissen und die Vernunft, verweisen die Nieren als besonders empfindliche innere Organe auf den Gefühlsbereich, der in der Bauchgegend situiert wurde. Gott prüft somit jene, die vor sein Angesicht im Tempel treten, auf Verstand und Gefühl. Wer seine Prüfung besteht, darf sich der glücklichen Gemeinschaft im Heiligtum erfreuen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999