20-21/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Zum innersten Kreis von Erzählungen, die sich konzentrisch um die
Erscheinung Gottes am Sinai (Ex 33) gruppieren, gehören die von Sabbatgesetzen
flankierten Erzählungen über den Bundesbruch (Ex 32) und die Bundeserneuerung
(Ex 34), und damit auch die Lesung von Trinitatis.
Hatte Gott die ersten beiden Bundestafeln selbst gegeben und beschrieben
(Ex 32,18), wie er es Mose angekündigt hatte (Ex 24,12), so musste
sich Mose nach dem Bundesbruch die zweiten, gemäss dem Vorbild der
ersten, nun selbst zurechthauen. Das göttliche Wort so belehrt
diese Episode alle Fundamentalisten ist eben nur über Umwege
und durch vielfältige menschliche Vermittlung zu haben. Das Thema der
Vermittlung des göttlichen Wortes wird durch die beiden folgenden Verse
(34,5f.), die bei manchen Exegeten für Verwirrung gesorgt haben, noch
fortgesetzt. JHWH steigt in einer Wolke herab. Die Wolke schützt Mose
vor der tödlichen Unmittelbarkeit Gottes. Also nicht nur menschliche,
auch kosmische Vermittlung ist nötig, damit die Stimme Gottes von Menschen
und sei es ein Mose gehört werden kann. In dieser Form
steht Gott nun neben Mose, zieht an dessen Angesicht vorbei und ruft dabei
seinen eigenen Namen aus, wie es 33,19.22 ja ankündigte. Gott selber
ist es also, der ruft, nicht Mose. Er ruft: «JHWH JHWH», wohl
bedeutend «JHWH ist JHWH», ein Echo auf die Selbstvorstellung
Gottes im brennenden Dornbusch, «ich bin da als der ich da bin»
(SKZ 10/1998). Die Septuaginta übersetzt: «Der Herr ist Gott»
(Kyrios ho Theos), EÜ aber lässt ein JHWH kurzerhand sausen und
zertrümmert damit den Sinn der Stelle ein krasses Beispiel christlicher
Dilettanterie im Umgang mit dem Ersten Testament. Kontrastierend zu dieser
Kürzestformel der Identität Gottes folgt eine lange Aufzählung
seiner Eigenschaften, die allem voran seine Barmherzigkeit (SKZ 17 und 2728/1998)
und Treue (SKZ 39/1998) betonen. Er ist ein Gott, der ein reichhaltiges
Angebot der Sündenvergebung und damit der Lebenserneuerung bereithält.
Der Text zählt in umgekehrter Reihenfolge genau jene Fachbegriffe für
Vergehungen auf, die auch im Sündenbekenntnis des Versöhnungrituals
am Jom Kippur genannt werden (Lev 16,21; was die ungenaue EÜ allerdings
nicht sichtbar werden lässt): Schuld ('awon), Frevel (päsch'a)
und Sünde (chatt'ah). Das sind nicht Synonyme, sondern Begriffe, die
auf die unterschiedliche Intention bei Vergehen verweisen. In den Worten
des Talmuds (bJoma 36a): «Die Weisen sagen: Sünden sind vorsätzliche
Missetaten, denn so heisst es (Num 15,31): Vertilgt werde diese Seele, ihre
Sünde haftet ihr an; Frevel sind widersetzliche Missetaten, denn so
heisst es (2 Kön 3,7): Der König von Moab widersetzte sich mir;
ferner heisst es (Ijob 8,22): Damals, zu jener Zeit, widersetzte sich auch
Libhna; Verfehlungen sind die versehentlichen Missetaten, denn so heisst
es (Lev 4,2): Wenn jemand versehentlich fehlt». Wird das Gnadenmittel
der Vergebungskraft Gottes der Begriff «vergeben/verzeihen/sühnen»
(salach) erscheint in 34,9 zum ersten Mal in der Bibel! in den dafür
vorgesehenen Ritualen von den Menschen nicht in Anspruch genommen, haben
sie die Auswirkungen ihres lebensfeindlichen Verhaltens bis in die vierte
Generation selbst zu tragen. Die destruktive Gewalt der Sünde wird
gleichsam über Generationen hinweg verteilt.
Die jüdische Tradition hat aus Ex 34,57 schon früh dreizehn Eigenschaften Gottes abgeleitet, die dem Dreizehnbittengebet die Waage halten: JHWH (ist) JHWH, barmherzig (1) und gnädig (2), langmütig (3), reich an Huld (4) und Treue (5), bewahrend Huld den Tausenden (6), wegnehmend, ohne gänzlich freizumachen, Schuld (7), Verfehlung (8), Sünde (9), ahndend die Schuld der Väter an Kindern (10), den Kindeskindern (11), an der dritten Generation (12), an der vierten Generation (13). Die katholische Leseordnung hat Vers 34,7 aus dem Text herausoperiert, offensichtlich um aus dem Gott des Ersten Testamentes einen noch barmherzigeren christlichen Gott herauszudestillieren. Doch dieser vermeintliche Läuterungsprozess wird schon durch das Evangelium des Tages in Frage gestellt, worin es heisst: «Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat» (Joh 3,18). Das Gericht wird von der Ebene der Sünde auf jene des Glaubens verlagert, dort aber verschärft. Es gibt weder eine Sühnemöglichkeit, noch eine Verteilung der Strafe über Generationen hinweg.
Die Heilmethoden des Theologen und Psychologen Hellinger (vgl. Lit.) bestätigen die in Ex 34 dargelegte Wirkweise Gottes eindrücklich. Zu ihm kommen Menschen, die unter gestörten familiären Verhältnissen leiden. Ihre Beziehungen zu den Nächsten werden durch Stellvertreter/Stellvertreterinnen im Raum aufgestellt. Oftmals müssen vier Generationen aufgestellt werden, bis klar ist, wie ein Weg aus den Verstrickungen gefunden werden kann. Das Ritual Hellingers, in dem die Versöhnung mit den Ahnen eine zentrale Rolle spielt, ist eine zeitgemässe Form, die Kraft des barmherzigen Gottes unter den Menschen wirksam werden zu lassen.
Literaturhinweis: Gunthard Weber (Hrsg.), Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers, Heidelberg 1996 (8. Aufl.).
Sündlos in den Tod gehen zu können, ist eine der ganz grossen menschlichen Sehnsüchte. Das Totenbuch der alten Ägypter, ihr vielleicht wichtigstes Stück Literatur, widmet sich diesem Anliegen. Die von der Weisheit im Alltag erprobten und propagierten Verhaltensregeln werden nun zu schützenden Zaubersprüchen, um die Gewissensprüfung im Totenreich, die Wägung des Herzens (vgl. auch SKZ 2930/1998), erfolgreich zu bestehen. Dazu gehören lange Listen von Sünden, die begangen zu haben der Verstorbene bestreitet. «Ich bin rein, ich bin rein, ich bin rein», bekennt der oder die Tote vor Osiris, dem unbestechlichen Totenrichter. In Israel hat man sich wenig um den Fortbestand der Toten, wohl aber um das Wohlergehen der künftigen Generationen gesorgt. Das wichtigste Mittel, um Sühne zu erwirken war nach der Zerstörung des Tempels das Gebet. «Stünde es nicht geschrieben, so könnte man es unmöglich aussprechen: Der Heilige umhüllte sich wie ein Vorbeter und zeigte dem Mose den Wortlaut des Gebetes; er sprach zu ihm: immer wenn Israel sündigt, sollen sie hiernach vor mir verfahren, und ich werde ihnen vergeben... ein Bund (vgl. 34,10) ist hinsichtlich der 13 Middot (Attribute; s.o.) geschlossen, dass sie nie unwirksam bleiben sollen» (bRosch haSchanah 17b).
Die deuteronomische Gesetzessammlung (Dtn 1226) geht auf politische
Reformen zurück, die besonders Schafan, Oberhaupt einer einflussreichen
judäischen Familie und Kanzler am königlichen Hof vorantrieb.
Zu seinen Freunden gehörte der Prophet Jeremia. Unter seinem Schützling,
König Joschija, wird das Gesetz nach seiner Approbation durch die Prophetin
Hulda und unterstützt durch eine Auffindungslegende für verbindlich
erklärt (vgl. 2 Kön 22f.). Der hochrhetorische Codex wird durch
einen historischen Prolog mit predigthaften Grundsatzerklärungen (Dtn
511) und einen Epilog mit einer langen Segens- und Fluchliste, für
den Fall des Einhaltens bzw. Nichteinhaltens des Gesetzes (Dtn 28) gerahmt.
Damit hat das Werk die Form eines damals üblichen Vasallenvertrages
zwischen zwei politischen Grössen, wobei im Dtn Gott die Hegemonialmacht
und Israel den Vasall verkörpert.
Das Dtn setzt u.a. die alten Erzählungen der Tora über Exodus,
Sinai und Wüstenwanderung voraus. Auf sie nehmen die predigthaften
Kommentare zum ersten Gebot im Anschluss an den sog. «ethischen Dekalog»
(Dtn 5,621) Bezug. Alle Gesetze werden nun als Konkretisierungen der
zehn Gebote aufgefasst, die am Horeb an Israel ergingen. Der sterbende Mose
auf dem Berg Nebo gibt angesichts des Gelobten Landes auf der anderen Seite
des Jordan dieser Auslegung seine Stimme.
Auch der Lesungstext gehört zum predigthaften Prolog des Deuteronomiums.
Mose erinnert das Volk in Kap. 8 an alle Wohltaten, die Gott seinem Volk
in der Wüste erwiesen hat. Der Text gleicht den Geschichtspsalmen,
die litaneiartig die Rettungstaten JHWHs aufzählen (Ps 78; 105f.).
Die Wüste war die Grundschule, in der JHWH Israel erzogen hat wie ein
Kind (8,5), wie besonders eindrücklich die Mannageschichten zeigen.
Zuerst liess er Israel hungern, bevor er es wunderbar speiste. Der Sinn
dieser Erziehungsmassnahme liegt für das Dtn in der Erkenntnis, dass
der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern so ist zu ergänzen
vor allem durch den Gehorsam gegenüber Gott, der Israel aus dem
Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat und seinem Gesetz, das dazu
dienen soll, die gewonnene Freiheit zu bewahren. Darüber hinaus geht
es um ein demütiges Bewusstsein: Nicht mir habe ich den Segen des Gelobten
Landes zu verdanken, sondern Gott.
Die Bedeutungsverschiebung des Mannas als Leibesnahrung hin zur Seelenspeisung, die sich im Dtn anbahnt, wird in den Weisheitsschriften noch verstärkt. Nach der Weisheit Salomos sollten die geliebten Kinder Gottes daraus lernen, dass nicht die verschiedenartigen Früchte den Menschen ernähren, sondern dass das Wort Gottes alle erhält, die darauf vertrauen (Weish 16,26). Solchen Weisheiten zum Trotz hat das wundersame Himmelsbrot die Phantasie des frommen und oft hungrigen Volkes mächtig beflügelt. Die Engel des Himmels würden es fortwährend backen, weiss die jüdische Legende zu berichten, und zwar in einer solchen Fülle, dass von der Menge eines Tages das jüdische Volk zweitausend Jahre leben könnte. Sein Genuss mache die Menschen quasi den Engeln gleich und geradezu süchtig nach Gott. Damit es nicht in den Schmutz falle, hätten Nordwind und Regen und vereister Tau für eine saubere Unterlage gesorgt. Auch die vierzigjährige Menüeinfalt war für die Volksfrömmigkeit kein Problem, denn den Geschmack dessen, was man sich gerade wünschte, nehme das Manna an. Den Kindern schmecke es wie Milch, den Erwachsenen wie Brot, den Alten wie Honig und den Kranken wie in Öl und Honig gestampfte Gerste. Auf einem Kirchenfenster der Jakobskirche in Rothenburg ob der Taur ist zu sehen, wie Brote und Brezeln auf die Israeliten herabregnen. Die Offenbarung verspricht Manna all jenen, die sich in den endzeitlichen Nöten bewähren (Offb 2,17). In Joh 6,3035.4851 wird dem Manna, das die Israeliten nicht vor dem Tod bewahren konnte, jedoch Christus als das wahre Brot des Lebens gegenübergestellt. Diese abstrakt-vergeistigte Deutung dominiert denn auch die christliche Auslegung. Das Manna wird als Typos der Brotvermehrung betrachtet oder auf die Eucharistie bezogen und deshalb meistens wie Hostien dargestellt. Christus selbst ist das Manna, das, beheizt durch das Feuer des Heiligen Geistes, neun Monate im Leib Mariens gebacken wurde. Von ihr heisst es deshalb in der Beischrift zum Manna am Bilderhimmel von Hergiswald (LU), dass sie schmackhafter gebacken habe. Dort wird sie auch mit einer Monstranz verglichen, die jenem geistlichen Backofen gleich den Leib Christi enthält, der speziell an Fronleichnam dem Volk präsentiert wurde und dem früher sogar die Juden, wenn sie in Ruhe unter den Christen leben wollten, die Referenz erweisen mussten. Solch triumphalistischer Heilsgewissheit widerspricht bereits Paulus, wenn er im Hinblick auf jene, die blindlings Taufe und Eucharistie als Heilsmitteln vertrauen, an die Israeliten erinnert, die trotz Quellwasser und Manna in der Wüste gestorben sind.
Im neuen Zürcher Religionslehrmittel «Gott hat viele Namen» wird die Geschichte vom Mannawunder mit einem Hamburger illustriert. Eine blasphemischere Auslegung kann man sich kaum denken. Als aus unökologischen Produkten in unsozialen Arbeitsbedingungen hergestelltes, höchst ungesundes Nahrungsmittel ist der Hamburger eher eine Höllen- als eine Himmelsspeise.
Eine junge Glosse im Buch Numeri (11,79) erklärt die Beschaffenheit des Manna. Ihrzufolge sah Manna der Form nach wie Koriandersamen aus, also kugelrund, und farblich wie Bdelliumharz, das in Südarabien (Jemen) vom Balsamodendron (Commiphora mukul Engler) ausgeschwitzt wird. Es schmeckte wie Ölkuchen, war demnach eine Delikatesse. Der antike jüdische Historiker Josephus Flavius erklärt den Namen Manna, der bei den Sinaibeduinen bis heute in Gebrauch ist, mit dem aramäischen Fragewort man, «was (eigentlich wer) ist das?», denn das Volk wusste nicht, was es war. Was von den Israeliten/Israelitinnen für eine wunderbare Gabe des Himmels (vgl. Joh 6,31) oder Engelsspeise (Ps 78,25; 105,40), die über Nacht wie Tau fiel, angesehen wurde, erklärt man heute als Zuckerüberproduktion der Larven zweier Schildlausarten, Najacoccus serpentinus minor Green und Trabutina mannipara (Ehrenberg) Bodenheimer, die sich insbesondere vom Saft der Tamariske ernähren. Die Hitze des Tages bringt die Kügelchen zum Schmelzen (vgl. Ex 16,21), weshalb sie früh gesammelt und verzehrt werden müssen. Nach Ex 16,29ff. ass das Volk vierzig Jahre lang Manna (vgl. Jos 5,12). Es fiel am Sabbat nicht und wurde der Vergänglichkeit des Mannas widersprechend vor der Bundeslade in einem Krug wie in einem Museum für spätere Generationen aufbewahrt.
Mehr noch als im Südreich Juda musste sich der JHWH-Kult im Nordreich
Israel mit allerhand anderen Kultformen auseinandersetzen. Die einheimische
kanaanäische Religion war noch sehr lebendig, besonders in der starken
Verehrung der Göttin in ihrer Erscheinungsform als Baum. Die Sidonier,
mit welchen das Königshaus Ahabs verschwägert war, hatten eigene
religiöse Traditionen, zum Beispiel die Verehrung Molochs, und waren
offen für ägyptische und ägäische Impulse. Die mächtig
gewordenen Aramäer siedelten bis nach Galiläa hinein, kontrollierten
die Handelsstrassen nach Mesopotamien, hatten in Samaria ihre Handelskontore
und setzten die Stadt nun auch militärisch unter Druck. Sie verehrten
traditionellerweise den Mondgott, hier im Westen aber in spezieller Kombination
mit dem heimischen Wettergott, den man in Damaskus Hadad nannte. Darüber
hinaus wuchs die koloniale Macht der Assyrer bedrohlich schnell und stellte
die Eigenständigkeit in Frage. Inmitten dieser Spannungen, deren katastrophales
Ende der Prophet voraussah, versuchte Hosea während der rund dreissig
letzten Jahre Israels Orientierungshilfen zu geben. Sein Hauptthema: Israels
Treue zu JHWH.
Der grosse zweite Teil des Buches (Hos 4,111,11) scheint einen Rechtsstreit
(rib) zwischen Gott und seinem Volk darzustellen. Doch Hoseas schriftliche
Überlieferungen sind schwierig zu gliedern. Assoziativ, teilweise leitmotivisch
greifen die Themen ineinander. Propheten- und Gottesrede sind unentwirrbar
ineinander verwoben und wurden dazu noch über Generationen hinweg ergänzt
und kommentiert. Dieser spezielle Charakter des Buches verleiht ihm passagenweise
Züge einer weisheitlichen Aphorismensammlung zu bestimmten Themen und
lässt es berechtigt erscheinen, einzelne Verse für eine Lesung
mit Predigt herauszuziehen.
Der Lesungstext lässt zwei Bewegungen erkennen: Die Suche Gottes durch
die Menschen (1) und die Heimsuchung der Menschen durch Gott (2). Zu (1):
Hosea ruft in einer Selbstaufforderung sein Volk zu weisheitlichem Bemühen
auf. Erkenntnis (da'at) JHWHs verlangt er (6,3) und wenig später ertönt
das Echo JHWHs selbst, der Erkenntnis Gottes verlangt (6,6). Die weisheitliche
Form der Gottessuche dürfte vor allem die Beachtung der väterlichen
und mütterlichen Weisungen, Sitten und Gebräuche umfassen, die
durch fremde Lebensweisen in Frage gestellt wurden. Sie wird in einen Gegensatz
zu kultischen Formen der Gottesverehrung gesetzt, Schlacht- und Brandopfern.
Der öffentliche Kult war anfälliger für Fremdeinflüsse
als die im familiären und dörflichen Kreis ergehende Belehrung,
die die Sympathie (chäsäd; EÜ: Liebe) des Volkes für
Gott stärken sollte. Doch mit der ist es nicht weit her. Gott vergleicht
sie mit einer Morgenwolke bzw. dem Tau (6,4). Beide putzt die Hitze des
Tages schnell weg. Zu (2): Gottes Kommen zu den Menschen gleicht demgegenüber
der segensreichen Kraft des Spätregens (malqosch), der besonders üppige
Ernten verheisst (vgl. Kasten). Der Vergleich wurzelt in den kanaanäischen
Vorstellungen vom Wettergott. Er zeigt, dass sich Hosea hier wie andernorts
im Sinne einer inkulturativen Theologie bemühte, Bilder der bekämpften
Religion in den JHWH-Glauben zu integrieren. Gott wirkt aber nicht nur aufbauend,
sondern auch zerstörerisch, nämlich im leidenschaftlichen Kampf
der Propheten, die wie besonders die Elija-Geschichten zeigen
in Israel mitunter zu drakonischen Mitteln griffen, um dem Wort Gottes Nachdruck
zu verleihen. Aber beides, Segen und Fluch, ereignet sich im Hinblick auf
die Verwirklichung des Rechts (mischpat; vgl. SKZ 47/1997), das durch zwei
verwandte Grössen beschworen wird, Morgenrot (schachar; 6,3) und Licht
('or; 6,6), die in Israels Umwelt auch als Gottheiten verehrt werden konnten.
Das Evangelium vom Sündermahl (Mt 9,913) ist eine praxisbezogene Relektüre der Hosea-Passage, wie Jesus selber sagt: «Geht und lernet verstehen, was das heisst: Erbarmen (eleos) will ich und nicht Opfer.» Wie wichtig dieser Schriftbezug Jesus war, zeigt dessen wörtliche Wiederholung in Mt 12,7 und des Gedankens in Mt 23,23. Dabei ist mit Opfer nicht die kultische Praxis im Tempel, sondern eine pseudofromme Gestaltung des Alltags gemeint, die vor lauter Regeln, gesellschaftlichen und vor allem wirtschaftlichen Konformen und Nötigungen man denke etwa an die verschiedenen Konsumzwänge keinen Raum für echte menschliche Begegnung und Bekehrung übriglässt.
Der Regen kommt in Palästina mit den winterlichen Westwinden. Die feuchte Mittelmeerluft kondensiert beim Anstieg an den Hügeln und Bergen der Levante. Die kurzen, aber intensiven Regenschauer werden oft von Blitz und Donner begleitet. Der sog. Frühregen fällt Ende Oktober. Die steinharte Sommererde kann nun gepflügt werden. Von Dezember bis Februar fällt der meiste Niederschlag, in den höheren Regionen zuweilen als Schnee, der im Libanon und auf dem Hermon bis weit in den Sommer hinein liegen bleiben kann und eine wertvolle Wasserreserve für die Region ist. Besonders wichtig für eine gute Ernte ist der Spätregen, der im März und April noch fallen kann. In Jerusalem fällt durchschnittlich gleichviel Regen wie in London, ca. 550 mm/Jahr, allerdings nicht über 300, sondern nur über 50 Tage im Jahr verteilt. Ausserdem schwankt die Regenmenge von Jahr zu Jahr enorm. Kurz: Segen reimt sich in Syrien und Palästina, wo es keine grossen Flüsse gibt wie in Mesopotamien und Ägypten, in ganz besonderem Masse auf Regen. Er galt wie der Tau als Geschenk der Gottheiten. Im 3. Jahrtausend v.Chr. werden sie noch als nackte Frauen mit Regenkrügen auf dem Kopf dargestellt. Um 2300 v. Chr. wird das Regenmachen als Kooperation einer Göttin mit Regenströmen auf Mischwesen und eines Gottes mit Blitzpeitschen in einem Wagen dargestellt. Später ist die Göttin nur noch die erotische Animatorin des Gewittergottes, der in der kanaanäischen Mythologie Jam (Meer) und Mot (Dürre) bezwingen muss, bevor er als Baal (Besitzer) seine segensreiche Herrschaft über das Land antreten kann. In Israel ist JHWH der Name des Wettergottes, wie aus vielen Bibelstellen hervorgeht (Dtn 11,1117; Ijob 5,10.36f.; Ps 104,13; Jes 30,23ff.; Jer 51,15f.; Hos 4,18; Joël 1,920; 2,1227; 3,18; Hag 1,8ff.; Sach 10,1; 14,17; Mal 3,10ff.). Die Palette der Akzentuierungen dieses Sachverhaltes ist gross. Während in der Geschichte von Elija auf dem Karmel JHWH als Wettergott gegen Baal ausgespielt wird (1Kön 17f.), übernimmt Ps 65,1014 Motive aus kanaanäischen Regenhymnen ohne Polemik. Das Ausbleiben von Regen wurde sinngemäss als Strafe Gottes aufgefasst, die man rituell und später mit Bussfeiern zu besänftigen versuchte.