16/1999 | |
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Lesejahr A |
Kleider konnte im Alten Orient nur tragen, wer sie sich leisten konnte.
Sie waren nicht nur schützende Hülle, sondern auch Zeichen des
sozialen Status. Arme mussten oftmals den einzigen Mantel, den sie besassen,
verpfänden. Ein Gesetz legte fest, dass er dem Gepfändeten am
Abend zum Schutz vor der nächtlichen Kälte zurückgegeben
werden musste (Ex 22,25f.; Dtn 24,12f.). Der soziale Status spiegelte sich
somit auch in der Hautfarbe. Wer mit wenig Kleidern auf dem Feld arbeiten
musste, war der Sonne ausgesetzt und dunkel, wer sich ein Leben mit Kleidern
in der Stadt leisten konnte, hatte eine helle Haut. Unter den vornehmen
Töchtern Jerusalems war die braun gebrannte Weinberghüterin somit
eine exotische, fast etwas verwegene Erscheinung. Dies ist allerdings nur
eine Interpretation der kurzen Lesung, die uns die Übertragung der
EÜ nahe legt.
Anders sieht es aus, wenn wir den hebräischen Text etwas ernster nehmen.
Als «schwarz und anziehend» stellt sich die selbstbewusste Sprecherin
im Hld vor. Der Vergleich mit den langen, dunkeln Ziegenhaarzelten der Kedariter
in der fernen syrischen Steppe, betont aus Jerusalemer Perspektive ihre
exotische und faszinierende Andersartigkeit, die sie mit den Schwarzen Göttinnen
(vgl. Kasten) gemein hat. Ersetzen wir «die Sonne hat mich verbrannt»
durch «die Sonne hat mich erspäht», wie es der hebräischen
Vorlage entspricht, so werden wir auf die Sonne unter ihrem Aspekt der richterlichen
Instanz (vgl. SKZ 3/1998) verwiesen. Was bringt sie an den Tag? Auf Geheiss
ihrer Brüder sollte die Sprecherin Weinberge hüten, was normalerweise
Männerarbeit ist (vgl. Hld 8,11f. Jes 27,2f.), zum Schutze vor Wildschweinen
(Ps 80,14) und Füchsen (Hld 2,15). Stattdessen hütete sie nicht
einmal ihren eigenen Weinberg, Metapher für ihre Reize (vgl. Jes 5,1f;
27,2; Hld 8,12), wie sie mit keckem Stolz mitteilt, der ihre exotische Attraktivität
noch erhöht.
«Nigra sum, sed formosa», übersetzte Hieronymus und steht damit in einer langen patristischen Tradition, die die Kombination der Begriffe «schwarz» und «schön» nur als Paradox verstehen konnte. Worauf aber sollte der Gegensatz hinweisen? Der Alexandriner Origenes erklärt es in seinem berühmten Hld-Kommentar so: Die schwarze Schulamit ist die noch in Sünden verstrickte Heidenkirche, die im Alten Testament durch weitere schwarze Gestalten wie die Königin von Saba, Ebed-melek, den Beschützer Jeremias (Jer 38f.; vgl. SKZ 3132/1998), oder die kuschitische (äthiopische) Frau des Mose (Num 12,1) repräsentiert ist. Durch das Blut Christi wurde sie reingewaschen und weiss. Deshalb heisst es am Schluss des Hohenliedes: «Wer ist diese, die nun weiss gemacht heraufsteigt» (Hld 8,5 in der Übersetzung der Septuaginta). Ganz anders interpretierte der Syrer Theodor von Mopsuestia die Stelle, in dessen Heimat dem Hld verwandte Lieder noch als Liebes- und Hochzeitslieder gesungen wurden. Er hielt sie für eine lyrische Replik Salomos an aristokratische Kreise in Jerusalem, die die dunkle Hautfarbe der Pharaonentochter, die er heiratete, kritisierten. Während Theodors Erklärung vom Konzil in Konstantinopel 453 n. Chr. als «infanda auribus christianorum» auf den Index gesetzt wurde, gilt Origenes' antijudaistische und rassistische Interpretation bis heute als Meisterwerk der Auslegungskunst.
Afrikaner/Afrikanerinnen, die in von Weissen dominierten Gesellschaften jahrhundertelang zu spüren bekommen hatten, dass sie weniger oder nichts Wert sind, lernen in einem mühsamen Prozess der Emanzipation, der noch längst nicht abgeschlossen ist, Selbstachtung. Sie legen ihre weissen Verhaltensmuster und Brillen ab und entdecken ihren schwarzen Körper, ihre schwarze Seele und ihre schwarze Geschichte. Auf diesem Weg des Coming-out spielten nicht nur bekannte Männer wie Martin Luther King und Malcolm X eine Rolle. Ebenso bedeutend, wenn nicht wichtiger, sind Frauen wie Sojourner Truth (ca. 17991883), die noch als Sklavin geborene Prophetin der Antisklaverei-Bewegung, Anna Julia Cooper (18581964), eine der ersten schwarzen Professorinnen und eine hervorragende Erzieherin, Ida B. Wells Barnett (18621931), die Anführerin des Anti-Lynch-Feldzuges der 1890er Jahre und Fannie Lou Hamer (19171977), die «First Lady of Civil Rights». Mit dem Befreiungsruf «Black is beautiful!» brachten die schwarzen Juden aus Harlem unter der Führung von W. A. Matthew die emanzipatorischen Bemühungen auf den Punkt. Sie entliehen den Slogan direkt dem Hohenlied und bezogen ihn auf Salomo, der für sie ein Schwarzer war und die schwarze Königin aus Saba liebte. Für die schwarze brasilianische Grundschullehrerin, Journalistin und Dichterin Geni Guimarães gibt das Negerin-Sein dem Alltag seine Würde, wie sie in ihrem Gedicht «Integrität» darlegt (vgl. Lit.): «Negerin sein/ In der ruhigen lauen/ Integrität der Tage.// Negerin sein/ Mit Kraushaar/ Und glänzendem Rücken/ Leichtfüssig auf allen Wegen.// Negerin sein/ Mit Negerhänden/ Mit Negerbrüsten/ Mit Negerseele.// Negerin sein/ Im Ausdruck/ Im Gang/ In der schwarzen Empfindsamkeit.// Negerin sein/ Von allen Seiten/ Im Weinen und im Lachen/ In Wahrheit und Lüge/ Wie alle Wesen, die diese Erde bewohnen.// Negerin/ Reines Afro-Negerblut/ In vollem Strahl/ Aus allen Poren.»
Literaturhinweis: Moema Parente Augel (Hrsg.), Schwarze Poesie Poesia negra, St. Gallen/Köln/São Paulo 1988.
Ein schwarzer Faden zieht sich durch die Geschichten der Religionen: Der Faden der Schwarzen Göttinnen, die Gestaltwerdung des geheimnisvoll Göttlichen, des ganz Anderen. In schwarzer Erscheinung wurde in Ägypten die verklärte Königin Ahmes Nefertari, die Patronin der thebanischen Nekropolen im Ornat der Muttergöttin mit der Geierhaube, in Harran die Liebesgöttin Ischtar und im gesamten Mittelmeerraum die mit ihr verwandten Göttinnen Isis, Kybele, Demeter, Diana, Aphrodite und Venus verehrt. Die christianisierte Form der Schwarzen Göttin ist die Schwarze Madonna, die von Einsiedeln bis Czenstochau und von Monserrat bis Loreto weitherum verehrt wird, ob nun die schwarze Farbe der Madonna mit dem Hld bzw. der lauretanischen Litanei, einem vom Himmel gefallenen Stein (Meteor) oder schlicht mit dem Kerzenruss erklärt wird. Die Muslime, denen die Verehrung des Göttlichen unter Menschengestalt verboten ist, pilgern zum Schwarzen Stein in Mekka und die Hindus verehren bis heute mit Inbrunst die schauerlich-faszinierende schwarze Kali in Kalkutta.