15/1999 | |
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Lesejahr A |
Das erste Beschreibungslied (vgl. SKZ 13/1999) des Hohenliedes besteht in 4,15 aus einer langen Reihe von Vergleichen, die im Hebräischen ohne die Kopula «ist» bzw. «sind» konstruiert werden. Der Körperteil und sein Vergleichspunkt stehen, nur durch ein «wie» verbunden, schwebend nebeneinander. Im Falle der Augen fehlt sogar dieses «wie»: «Deine Augen Tauben ('enaik jonim) hinter deinem Schleier hervor.» Dabei wird im Deutschen das Wort «Augen» besser durch «Blicke» wiedergegeben, denn der Vergleichspunkt in den Beschreibungsliedern ist selten die Form der Körperteile, sondern, orientalischem Schönheitsempfinden entsprechend, ihr lebendiger Ausdruck (vgl. Lit.). Was aber haben Blicke und Tauben gemeinsam? Die Antwort gibt uns die altorientalische Bildwelt, wo die Taube zum Symbolschatz der Liebesgöttinnen gehörte (vgl. Kasten). Entschlüsselt bedeuten die zwei Worte demnach: Deine Blicke sind Liebesbotschaften. Dass die Frauen damals Schleier getragen hätten, widerspricht nach dem Zeugnis von Darstellungen judäischer Sitte. Vielleicht haben Städter der Oberschicht diese assyrische Sitte aufgegriffen. Im Kontext unseres Liebesliedes geht es aber nur darum, den Reiz des Bildes zu steigern, denn schon im nächsten Satz ist vom frei wallenden Haar die Rede, das einen unverschleierten Kopf voraussetzt. Der Vergleich mit den vom abgelegenen, wilden Gebirge Gilead herabstürmenden Ziegen, die in Palästina meistens tiefschwarzes, starkes Haar haben, betont den kraftvollen, lebensstrotzenden und widerspenstigen Charakter der Freundin. Langes Haar ist typisch für Krieger (Ri 5,2), Nasiräer (Ri 16,17) und Rebellen (Ps 68,22). Es steht für eine Vitalität, die, wie der Ziegenbock (Lev 16; 17,7; Jes 13,21), sogar ins Dämonische gehen kann und gerade deshalb so attraktiv ist. Scharf ist der Kontrast zwischen den schwarzen wilden Haaren und den weissen, feierlich-statischen Zähnen, die mit frisch gewaschenen Schafen verglichen werden. Steht die Ziege für Übermut, so das Schaf für Sanftmut (vgl. Jes 53,7). Die Zwillinge verweisen auf das komplette, symmetrische Gebiss, das bei unterernährten und älteren Menschen eine Seltenheit gewesen sein dürfte. Sie sind aber auch ein Bild des Segens und der Heiterkeit. Indem EÜ das Bild bereits überträgt, geht dieser Bedeutungsaspekt verloren. Nun wechselt die Farbe ins intensive Rot. Der Farbstoff Karmesin, mit dem man kostbare Stoffe färbte, wurde aus der Schildlaus der Kalliprinos-Eiche gewonnen. Mit der Farbe Rot wird Blut und damit Leben assoziiert. Rahab bezeichnet mit einer scharlachroten Kordel ihr lebenrettendes Haus (Jos 2,10). Während die Zunge im Hebräischen (wie im Französischen) für die Sprache stehen kann, stehen die Lippen für die Redeweise, das heisst für den Ausdruck beim Reden, die Rhetorik bzw. die Anmut der Geliebten beim Sprechen. Dabei wird «das Feine» (raqqah) sichtbar. Damit ist wohl weniger die Schläfe (EÜ) oder die Wange (LXX; Hieronymus) gemeint als vielmehr der Gaumen. Dazu passt auch der Vergleich mit dem Riss im reifen, aufgesprungenen Granatapfel, der die von rosafarbenem Fruchtfleisch umgebenen Kerne sichtbar werden lässt. Allerdings ist auch hier nicht nur der formale Vergleich gemeint, sondern die Bedeutung des Granatapfels als Aphrodisiakum, Frucht des Paradiesbaumes und Zeichen des Lebens schlechthin mitzudenken. Der Vergleich des Halses mit einem Turm charakterisiert die Geliebte als stolze, uneroberte Stadt. So, wie Städte im Bilde der Frau (Jungfrau, Mutter, Dirne, Witwe usw.; vgl. SKZ 48/1997) erfasst werden konnten, war auch das Umgekehrte möglich. Die durch den Hals ausgedrückte stolze Zurückhaltung wurde gerne durch mehrbändige Colliers unterstrichen. Als Bild verstanden sind die Gazellen, die im Lotos (schoschannim; nicht Lilien wie EÜ) weiden, surreal, denn sie leben nicht im Sumpf und ernähren sich nicht von Seerosen, sondern bevölkern in graziler Behendigkeit trockene Steppen. Die Kombination zweier Regenerationssymbole erfasst aber ausgezeichnet die intensive belebende Wirkung, die für den Geliebten von den Brüsten seiner Freundin ausgeht. Kommt dazu, dass beide Symbole zur Sphäre der Liebesgöttin gehören. Damit ist die Beschreibung der Geliebten, eines exotischen Wunderlandes («Myrrhenberg»; «Weihrauchhügel»), zu dem hin es den Freund beim Aufkommen des Abendwindes zieht, zu Ende.
Nirgends wird die Krampfhaftigkeit christlicher Allegorese, die die Geliebte auf die Kirche bzw. die Seele hin auslegt, deutlicher als bei diesem Beschreibungslied. Etwa, wenn Augustinus die Zähne der Geliebten, die der Schafherde aus der Schwemme gleichen, mit den von den Sünden geläuterten Heiligen vergleicht. Dass die liebliche, stolze und wilde Schönheit der Frau ein Daseinsrecht ohne Warum und Wozu hat, bleibt für die Kirche ein noch zu entdeckendes und zu würdigendes göttliches Geheimnis.
«Ich habe Augen/ weil ich dich sehe/ Ich habe Ohren/ weil ich dich
höre/ Ich habe einen Mund/ weil ich dich küsse/ Habe ich/ dieselben
Augen und Ohren/ wenn ich dich nicht/ sehe und höre/ und denselben
Mund/ wenn ich dich nicht küsse?»
(Erich Fried).
Literaturhinweis: Othmar Keel, Deine Blicke sind Tauben. Zur Metaphorik des Hohen Liedes (SBS 114/115) Stuttgart 1984.
Im Alten Orient waren vor allem die ziehende Turteltaube und die Felsentaube verbreitet. Letztere hat man domestiziert, gegessen, geopfert (Lev 1,4) und offenbar auch in Bezug auf Farbe und Aussehen gezüchtet. Schon auf einem Fresko aus dem Ischtarheiligtum von Mari (18. Jh. v. Chr.) ist eine übergrosse, weisse Taube zu sehen, die von einer mächtigen Palme auffliegt. Täubchen schmücken auch kleine Modellheiligtümer der Göttin, die man in der Levante und auf Zypern gefunden hat. Bei den Heiligtümern der Ischtar und der ihr entsprechenden Aphrodite bzw. Venus gab es grosse Taubenschläge für die heiligen Tiere der Göttin. Auf Rollsiegeln wird dargestellt, wie die sich entschleiernde Göttin ihren Freund, den über die Berge schreitenden, siegreichen Baal empfängt und ihm zum Zeichen ihrer Liebesbereitschaft Tauben entgegenschickt. Noch bei der Taufe Jesu im Jordan bedienen sich die Evangelisten dieser traditionsreichen Symbolik, wenn sie den zu Jesus geschickten Geist mit «wie eine Taube» charakterisieren und das Bild mit der Stimme ergänzen: «Dies ist mein geliebter Sohn» Gnostische Schriften (z.B. Thomasakten) und eine Stelle bei Philo von Alexandrien (Quis rerum divinarum heres 126ff.) zeigen, dass in jüdischen und frühchristlichen Kreisen die Taube mit der göttlichen Chokmah/Sophia in Verbindung gebracht wurde, dass man also noch um die Herkunft des Taubensymbols aus der Sphäre der Göttin, deren Erbe die Sophia angetreten hatte, wusste.