10/1999 | |
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Lesejahr A |
Der aus priesterlichen Kreisen stammende Ezechiel wurde noch vor der
Zerstörung Jerusalems durch die Neubabylonier zusammen mit anderen
Vertretern der städtischen Oberschicht nach Babylon deportiert. Er
deutete die dramatischen Ereignisse in Jerusalem mit kultischen Kategorien
und vermittelte diese mit prophetischen Methoden. In meisterhaften Visionen
entwickelte er die Theologie eines Gottes, der seinen Erbbesitz zusammen
mit seinem deportierten Volk verlässt (Ez 1,13,15), demontierte
und kritisierte den Tempelbetrieb in Jerusalem (Ez 811) und antizipierte
die Zukunft in Gestalt eines futuristischen Tempelmodells (Ez 4048).
In die Serie dieser Visionen gehört auch der Lesungstext, der insofern
aus der Reihe herausgehoben wird, als es die einzige Vision ist, in der
Ezechiel selbst als Prophet aktiv wird, wenn er im Auftrag JHWHs dem Geist
gebietet, die toten Körper zu beleben (37,9f.). Die Geistthematik ist
im Übrigen schon vorbereitet durch den vorangehenden Abschnitt, worin
das Volk gereinigt und mit einem neuen Herz und einem neuen Geist ausgestattet
wird (vgl. SKZ 20/1998).
Ausgangspunkt von Ezechiels Vision scheint ein im Volk kursierendes Wort
gewesen zu sein (37,11b): «Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere
Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren.» Diese Volksweisheit
ist eine Variante vieler überlieferter Sprichwörter, wonach ein
zerrütteter Geist auch den Leib und damit den ganzen Menschen bis hin
zu den Knochen allmählich dahinrafft (vgl. Kasten). Die Knochen legt
man normalerweise in ein Grab. Genau damit vergleicht das Volk das Exil.
Es ist, als wären alle bereits lebendig begraben. In dieser Situation
verkündet Ezechiel JHWH als Wundertäter, für den auch der
Tod keine unüberwindbare Grenze darstellt (vgl. Num 16,22; 27,16; 1Kön
17,1724; 2 Kön 4,3137; Ijob 14,14). Nicht anders als er die
Hebräer aus Ägypten herausführte, wird JHWH das Volk aus
seinen Gräbern herausholen und wieder in ihr Land zurückbringen.
Aber es bleibt nicht beim Spruch JHWHs. Die Wahrnehmung Ezechiels ist so
intensiv, dass er noch einen Schritt weitergeht. «Vor seinen Augen
ist in seiner visionären Schau das in (36,)1214 dem Volk zu Verkündende
schon Geschehnis geworden» (Walther Zimmerli). Die überlieferte
Schau Ezechiels ist denn auch das, was bei den Hörern und Hörerinnen
des Textes den nachhaltigsten Eindruck hinterlässt. Ezechiel sieht
sich in eine Ebene versetzt. Um welche Ebene handelt es sich? Um einen abstrakten
Raum? Das Zweistromland? Das Kidrontal am Fuss des Ölbergs im Anschluss
an Sach 14,4f.? Antworten bleiben spekulativ und müssig, denn wir befinden
uns in einem symbolischen Raum. Das zeigt deutlich die Tatsache, dass der
Priesterprophet, sonst peinlich auf Reinheit bedacht (Ez 4,14; 39,1216),
sich nicht um eine Verunreinigung durch die Knochen kümmert. Anatomisch
trocken wird die allmähliche Wiederbelebung der Totengebeine beschrieben.
Sehnen, Fleisch und Haut überziehen die Knochen. Aber erst der Geist
in Gestalt eines Vierwindes (im mesopotamischen Epos Enuma Elisch ein Geschöpf
des Gottes Bel) bringt Bewegung in die Gestalten. Es wäre anachronistisch,
daraus eine zweiteilige Anthropologie abzuleiten, wie sie der griechischen
Philosophie zugrunde liegt und wie es geschehen kann, wenn der ersttestamentliche
Text im Kontext von neutestamentlicher Auferstehung gelesen wird. Der Geist
hat nichts mit einem der Materie entgegengesetzten oder übergeordneten
Prinzip zu tun. Es handelt sich um die Lebenskraft, die den Menschen (Gen
2,7) und alle anderen Lebewesen durchflutet (Koh 3,20f.).
Eine Wertung von Geist (gr. pneuma) und Fleisch (gr. sarx) im Sinne der Griechen setzt demgegenüber Paulus voraus, wenn er dem willigen Geist das schwache Fleisch gegenüberstellt. Der Getaufte ist im Geist und damit in Christus. Der Geist ist die Erstlingsgabe (Röm 8,23) bzw. Anzahlung (2 Kor 1,22; 5,5) auf das Heil der Endzeit. Er macht den sterblichen Leib, der für die Christen eigentlich tot ist, lebendig (Röm 8,811). Ganz anders als in der zweiten Lesung tönt es im Evangelium. Johannes' Bericht über die Auferstehung des Lazarus übertrifft Ezechiels Vision allerdings auf einer individuellen Ebene noch an Materialismus, wenn er uns auf den Leichengeruch aufmerksam macht. Von Geist ist nicht die Rede, ja sogar das Gebet Jesu findet nur um des Volkes willen statt. Es ist die «nackte Begegnung» von Mensch zu Mensch, die zur Auferweckung führt.
Dass die Existenz im Ausland ins Elend führen kann ist eine Erfahrung, die sich sogar in der Sprache niedergeschlagen hat. Viele Immigranten und Immigrantinnen, die in den letzten Jahrzehnten Zuflucht in den Wohlstandsländern gesucht haben, leiden unter psychosomatischen Krankheiten. Was sie brauchen, sind Menschen, die wie Ezechiel und Jesus, eine Vision vom künftigen Leben haben und auf die Totgesagten unerschrocken zugehen.
Die Knochen gesunder Menschen sind von Muskelbündeln umgeben und in Haut verpackt. Doch das Fleisch (basar) ist vergänglich. Wenn sich die Knochen am Körper abzeichnen, so verweisen sie auf Krankheit, Mangel und Not, wie bei den hungernden Nomaden auf einem altägyptischen Relief; liegen sie blank zutage, so künden sie den Tod. Schonungslos wird der Prozess des Dahinsiechens im Buch Ijob in Worte gefasst (33,1821; vgl. 7,5; 30,30): «Er (Ijob) wird gewarnt durch Schmerz auf seinem Lager,/ und ständig ist der Kampf in seinen Gliedern./ Am Brot ekelt sich sein Lebensgeist,/ und seine Kehle an der Lieblingsspeise./ Sein Fleisch verschwindet zusehends,/nackt liegt sein Gebein zutage, das andere ist weg.» Auffällig oft berichten die Psalmisten davon, dass ihnen der Todesschrecken in die Knochen gefahren ist und ihr Leben gefährdet (Pss 6,3; 22,15.18; 31,11; 32,3; 38,4; 42,11; 102,4). Eine schändliche Frau (Spr 12,4) kann die Knochen ihres Gatten ebenso zersetzen wie Eifersucht bzw. Stress (Spr 14,30). Ganz generell lässt ein abgehackter (sic!) Geist die Gebeine verdorren (Spr 17,22). Es gibt aber auch psychosomatische Zusammenhänge in umgekehrter Richtung. So kann eine gute Botschaft die Knochen erquicken (Spr 15,30). Nach dem Tod sind die Knochen das, was von den Sterblichen übrigbleibt. Um diese letzte, kärgliche Existenzform nicht zu gefährden, musste der Leichnam vor wilden Tieren geschützt (vgl. 2 Sam 21,10) und in Erd- oder Felsengräbern bestattet werden. In Ägypten schenkte man dem intakten Skelett schon vor der Kenntnis der Mumifizierung besondere Beachtung, wie etwa aus folgendem Pyramidenspruch hervorgeht: «Wohlan, NN, dir ist dein Kopf an deine Knochen geknüpft, deine Knochen sind dir an deinen Kopf geknüpft. Geöffnet werden dir die Türflügel des Himmels, zerbrochen werden dir die grossen Riegel...»