9/1999

INHALT

Lesejahr A

Schönheit

von Thomas Staubli

 

Bibel: Davids Salbung zum König

Der Lesungstext stellt die redaktionelle Einleitung zur sogenannten «Aufstiegsgeschichte Davids» (vgl. SKZ 7/1998) dar. Sein Zweck ist es, den Lesenden/Hörenden von Anfang an klar zu machen, dass jener Held David ben Isai, dessen Karriere im Folgenden erzählt wird, der spätere König Israels ist. Wir werden gleichsam zu Mitwissern/Mitwisserinnen der geheimen Ratschlüsse Gottes gemacht, die sich der Welt erst später offenbarten, als David in Hebron zum König über Juda (2 Sam 2,4) und später zum König über Israel (2 Sam 5,3; vgl. SKZ 46/1998) gesalbt wurde. Theologische und historische Wahrheit werden gleichermassen auf eine erzählerische Ebene projiziert. Was sich den Kindern und Geniessern als ein einziger, prächtiger, buntgewirkter Teppich präsentiert, ist für Weise und Gelehrte ein raffiniertes, künstliches Gewebe vieler Fäden und Farben.
Da es sich also um eine Kunstgeschichte handelt, darf es nicht Wunder nehmen, dass sie verschiedene traditionelle und märchenhafte Motive enthält. Unschwer lassen sich Parallelen zur Salbungsgeschichte Sauls erkennen: In beiden Fällen wird der Seher von Gott auf die Salbung (vgl. Kasten) vorbereitet. Stammt Saul aus der kleinsten Sippe des kleinsten Stammes, so ist David der jüngste seiner sieben Brüder. Umso auffälliger ist der Unterschied zur Saulberufung: Heisst es von Saul gleich zu Beginn, dass er jung (bachur) war und schöner (tov) als alle Israeliten, die er um Haupteslänge überragte (1 Sam 9,2), so ist David der kleinste (qatan; EÜ: jüngste) seiner Familie, der das Kleinvieh (zo'on; EÜ: Schafe) hütet und den man zunächst gar nicht zum Opferfest einlädt. Die Tatsache, dass David nicht den gängigen Schönheitsidealen und Heldenvorstellungen entsprach, wird in der Salbungslegende zum Anlass für eine weisheitliche Belehrung genommen (17,7): Der Mensch sieht, was er vor Augen hat, Gott aber sieht auf das Herz, das heisst auf das Innere, das Denken und Gewissen eines Menschen und nicht auf sein Aussehen. Doch ganz ohne äussere Schönheit kommt eine so zentrale Heldengestalt wie David nicht davon, und so heisst es denn von ihm (17,12): «...er war rötlich (vgl. Esau; Gen 25,25), mit schönen Augen und gutaussehend».

Kirche: Ist der Messias schön?

Die Kombination des Lesungstextes mit der Blindenheilung (Joh 9,1­41) ist unglücklich, da es hier und dort um ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Qualitäten des Sehens geht. Nur eine Lektüre des Ersten Testamentes durch die christologische Brille muss in Saul den Typos des Blindgeborenen sehen, der in der Lage ist, den Messias zu erkennen, weil er auf die Stimme Gottes hört. Die weisheitliche Belehrung Gottes an Samuel sollte aber auch beim Lesen biblischer Texte ernst genommen werden. Auf das Herz einer Geschichte sehen, würde dann heissen, ihre ursprüngliche Aussageabsicht ernst zu nehmen und sie nicht zum Vornherein für eigene Zwecke zu vereinnahmen. Die Geschichte verweist uns dann auf die für die theologische Ästhetik zentrale Unterscheidung zwischen dem «Scheinen Gottes» und der «Scheinbarkeit des Nichts» (Hans Urs von Balthasar). In der Gestalt Jesu Christi spitzt sich christliches Schönheitsverständnis, basierend auf dem ersttestamentlichen, jüdischen, das den Ausdruck und nicht die Form betont, zu. Dass die Christen einen Gekreuzigten als Gott verehrten, war für die Griechen, deren Götter alle auf ihre Weise vollkommen schön waren, schlicht eine Torheit (1 Kor 1,23). Aber gerade im Kreuz ist die Strahlkraft (hebr. kabod; gr. doxa) Jesu am stärksten. Der, der sein ganzes «Ansehen» auf Gott verlagerte, ist für die seinen, die er liebt bis in den Tod, voll «Liebreiz und Treue» (Joh 1,14). David ben Isai und Jesus ben Joseph waren deshalb so anziehende Männer, weil sie mit all ihren Sinnen für andere da waren.

Welt: Gestylte Abwesenheit

Sinnliche Präsenz ist im Zeitalter des Telefonbeantworters nicht das, was moderne Menschen auszeichnet. «Abwesenheit» (Peter Handke) wird so zu einem typischen Zug. Die Fähigkeit, überall und nirgends zu sein, wird unter Städtern sogar als Tugend gehandelt. Dabei wird die fehlende Attraktivität (Liebreiz), die durch den Mangel an Beziehung (Treue) entsteht, durch modisches Styling kompensiert.


Salbung

Terrassierte Hänge mit Ölbäumen prägen bis heute die Kulturlandschaften der Levante. Olivenöl war ein wichtiges (Export-)Produkt der Region (Dtn 6,11; 8,8; Neh 5,11; 9,25; Am 4,9). Der immergrüne, prächtige Baum (Hos 14,7) konnte den König (Ri 9,8ff.), den Hohepriester (Sach 4,3.11­14; Sir 50,10), die Gottesfürchtigen (Ps 52,10) und das ganze Volk Israel (Jer 11,6; vgl. Röm 11,13­24) repräsentieren, seine Schösslinge wurden mit Kindern verglichen (Ps 128,3) und ein einzelner Zweig konnte Hoffnung und Leben symbolisieren (Gen 8,11). Salben mit Olivenöl spielte im altorientalischen Alltag eine wichtige Rolle bei der Hautpflege (Dtn 28,40; Am 6,6; Dan 13,17; Est 2,12) und als Heilmethode (Jes 1,6; Mk 6,13; Lk 10,34). Nach der Heilung von Aussätzigen war es sogar vorgeschrieben (Lev 14,17f.28f.). In Ausnahmefällen wurden auch Leichen gesalbt (Gen 50,2f.26; Mk 14,8; 16,1), ansonsten aber war jede Salbung Ausdruck der Freude (Jes 61,3) und der Ehrerweisung gegenüber Gästen (Ps 23,5; Mk 14,3) und wurde im Zustand der Trauer und Busse unterlassen (2 Sam 14,2; Mt 6,17). Von daher ist es nicht weiter erstaunlich, dass die Salbung im syropalästinischen Raum zur bedeutendsten rituellen Handlung bei der Weihe von Königen und Priestern werden konnte. Die Königssalbung ist schon in den Texten von Ebla (um 2400 v. Chr.) bezeugt. Sie erfolgte in Israel durch einen Volksvertreter (2 Sam 2,4; 5,3; 2 Kön 23,30) bzw. durch einen Charismatiker (1 Sam 9,16; 10,1; 16,3; 2 Kön 9,3­12) mit Öl aus einem eigens dafür verwendeten, kostbaren Salbhorn, das typisch zu sein scheint für Syrien, wie der Tribut eines Syrers in Ägypten zeigt (vgl. Bild). Der so für sein Amt Legitimierte und mit JHWHs Geist Beschenkte (1 Sam 16,13) wurde auch schlicht «der Gesalbte» (maschiach) genannt. Die Priester-/Priesterinnensalbung ist bereits in den Texten von Emar (13. Jh. v. Chr.) bezeugt. Auch in Israel wurden nebst Kultgegenständen (Ex 30,26­29; 40,9­11) auch Priester und speziell der Hohepriester nach genau festgelegten Riten gesalbt (Ex 29,7; 40,15; Lev 8,12; Sach 4,14).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999