8/1999 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Refidim, Massa und Meriba können bis heute nicht befriedigend lokalisiert
werden. Es handelt sich um Orte in einer theologischen Landschaft, in der
die Beziehungen zwischen Volk (Israel), Rechtsinstanz (Mose), Kult (Aaron)
und Gott dramatisch und exemplarisch zur Darstellung gebracht werden.
Die Massa-und-Meriba-Episode ist der Höhepunkt einer Reihe von Murr-Geschichten.
Schon kurz nach dem Exodus (vgl. SKZ 1516/ 1998) murrt das Volk, weil
es das bittere Wasser von Mara nicht trinken kann, worauf es von Mose durch
ein Stück Holz, das ihm JHWH zeigt, süss gemacht wird (15,2325).
Wenig später beschwert sich das Volk bei Mose und Aaron, weil es Hunger
hat (16,2f.). Schon hier wird es von Mose gewarnt, dass er und Aaron nichts
vermögen, dass sich sein Murren letztlich gegen JHWH richte (16,68).
Es wird aufgefordert, vor JHWH zu einem Gottesurteil hinzutreten, und dieser
offenbart seine Wundermacht mit Wachteln und Manna (16,9ff.). Erst auf dem
Hintergrund dieser Geschichten können die Pointen der Lesung richtig
erfasst werden.
Durch die Lokalisierung in Refidim werden die Ereignisse in Massa und Meriba
und der folgende Kampf mit Amalek (SKZ 41/1998) in eine enge Beziehung zueinander
gesetzt. Versucht hier das Volk Gott, indem es Wasser fordert, so dort Gott
das Volk, indem er es durch Amalek zum Kampf herausfordert. Verschiedene
Elemente machen den Ernst der Lage deutlich: 1. Nur hier wird gesagt, dass
das Volk mit Mose streitet (17,2) und gegen ihn murrt (17,3). 2. Nur zu
Beginn des Abschnittes fällt der typisch priesterschriftliche Ausdruck
«die ganze Gemeinde der Israeliten» (kol-'edat böne-Jisra'el).
Danach ist bis auf den zusammenfassenden Schlussvers (17,7) distanzierend
und kühl vom «Volk» (ha'am) die Rede. Die von Gott erwählte
Gemeinde wird nur noch durch die «Ältesten Israels» (sikne
Jisra'el) repräsentiert. 3. Moses Hilfeschrei zu JHWH ist nicht mehr
ein Fürbittgebet für das Volk, sondern eines für ihn selbst,
der sich der Gewalt des Volkes ausgeliefert sieht (17,4; vgl. SKZ 36/ 1998).
4. JHWHs Antwort beginnt mit dem Imperativ «geh vorbei!» ('avor)
nämlich am Volk vorbei, und sie endet mit der Aufforderung «und
du wirst gehen» (wöhalachta) nämlich aus dem Lager
der Israeliten hinaus. «Wer Gott verschmäht und verlässt,
den hat Gott verlassen. Wenn das Volk zu zweifeln scheint: Ist ER in unserer
Mitte oder nicht, dann ist er es schon nicht mehr. Darum muss das helfende
Wunder ausserhalb des Lagers des Volkes geschehen. Geholfen soll ihnen werden,
denn sie sind in Not, aber weil sie in Ungnade gefallen sind, wird Gott
nicht in ihrer Mitte wirken» (Benno Jacob, Rabbiner von Göttingen
und Dortmund, in seinem monumentalen Exodus-Kommentar, der zwischen 19341944
entstand; s. Lit.). Die Umstände, unter welchen sich das Wunder ereignet,
entsprechen ebenfalls in mehrfacher Hinsicht der dramatischen Situation:
1. Mit Fels (vgl. SKZ 47/1998) und Wasser (vgl. Kasten) treffen zwei der
bedeutendsten Gottessymbole superlativartig aufeinander. 2. Der bezweifelte
Gott steht über dem Felsen und erweist sich als mächtig. 3. Das
Wunder ereignet sich am Horeb, dort, wo JHWH Mose im Dornbusch erschienen
ist. 4. Mit demselben Stab, der die Ungläubigen in Ägypten gezüchtigt
hat, sollen die Ungläubigen in der Wüste eines Besseren belehrt
werden durch die Zeugenschaft der Ältesten, die Mose zur Seite treten.
Dass Mose einfach am Volk vorbeigeht, hat die jüdischen Prediger sehr beschäftigt. Im Midrasch wird dieser Grenzfall seelsorgerlich gelöst. Gottes Befehl bedeute: Vergib ihre Worte! Gleiche mir! Vergib Böses mit Gutem (Mi 7,18)! Übersieh die Sünden bzw. lass sie das Volk den Ältesten beichten (ExM 26,2). Seelsorgerliche Anliegen finden sich auch in der christlichen Auslegungstradition, etwa in der Bible moralisée (13. Jh.): «Dass die Söhne Israels vor Moses kommen und sich über ihren grossen Durst beklagen und Moses ihnen sagt, dass er nichts habe, um ihnen zu geben, bedeutet die guten Christen, die zu ihren (?) Prälaten kommen und sagen, dass sie vor Durst sterben, vom Wort Gottes zu lernen. Und diese nehmen ihre Bücher hinter den Rücken und sagen, dass sie nicht wüssten, was sie ihnen geben sollen. [] Dass Gott zu Moses sagt: Kehre um und schlage mit deinem Stab auf den Stein und du wirst Wasser haben, um dein Volk zu sättigen, bedeutet den Vater des Himmels, der zu den guten Prälaten sagt: kehret um und schlagt auf den rechten Stein, das ist auf Jesus Christus, und ihr werdet süsses Wasser eurem Volk zu trinken geben können.» Eine christologische Deutung von Fels und Wasser (mit antijudaistischem Unterton?) scheint auch die Leseordnung vorauszusetzen, wenn sie unsere Lesung dem Evangelium vom Jakobsbrunnen zuordnet (vgl. Joh 4,13f.). Das Neue Testament selber bleibt demgegenüber bei der eigentlichen Thematik des Textes und erinnert, einen älteren Predigttext (Dtn 6,16) zitierend, anlässlich der Versuchung Christi durch den Teufel an die Versuchungsgeschichte von Massa und Meriba (Lk 4,12).
Trinkwasser ist, allem technologischen Fortschritt zum Trotz, noch immer für viele Menschen Mangelware. Wasser ist je länger desto mehr ein Politikum, weil sich Herren auf die Quellen Gottes gesetzt haben, seine Flüsse stauen und seine Grundwasserseen in verantwortungsloser Weise ausbeuten. Nicht das rebellierende, durstige Volk, sondern die rücksichtslosen Profiteure suchen den Rechtsstreit und stellen Gott auf die Probe.
Literaturhinweis: Benno Jacob, Das Buch Exodus, Stuttgart 1997.
Wasser gilt unbestritten als der wichtigste und kostbarste Rohstoff des Lebens. Wo Wasser ist, da ist Leben, und wo Leben ist, da ist Gott. Diese Gleichung wurde im wasserarmen Orient besonders intensiv erlebt und in der Gebetssprache in umgekehrter Richtung zum Ausdruck gebracht: «Bei dir ist der Quell des Lebens» (Ps 36,10). Quellorte par exellence und damit Wohnorte Gottes sind die Berge, wie es ein kassitisches Rollsiegel (14. Jh. v. Chr.) durch eine menschengestaltige Berg- und Wassergottheit eindrücklich darstellt (vgl. Bild). So stellte man sich das Paradies vor: Mitten in Eden entspringt ein Strom, der sich in vier Arme spaltet und alles bewässert (Gen 2,1014). Als Abbild des Paradieses ist auch der Tempel ein Ort, wo sich Gottes segnende Gegenwart in reichlich fliessendem Wasser manifestiert (Ez, 47,112; Sach 14,8; Offb 22,1). Im Christentum tritt schliesslich Christus und wer an ihn glaubt an die Stelle von Berg und Tempel(berg): «Wenn jemand dürstet, komme er zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fliessen» (Joh 7,37f.).