7/1999

INHALT

Lesejahr A

Mitgesegnet mit Israel

von Thomas Staubli

 

Bibel: Abrahams Sippe als Kanal für Gottes Segen

Der berühmte Introitus der Erzelternerzählungen ist der erste einer ganzen Reihe von Verheissungstexten ähnlichen Wortlauts (Gen 26,2f.; 31,13; 46,3f.). Es sind redaktionelle Bindeglieder an Knotenpunkten, wo verschiedene Stoffeinheiten miteinander verknüpft werden. Sie sind am leichtesten aus der Situation des Exils zu verstehen als die Judäer/Judäerinnen «zum Entsetzen für alle Königreiche der Erde und zum Schimpf und Spott und Hohn und Fluch an allen Orten» geworden waren, wohin sie JHWH versprengt hatte (Jer 24,9; vgl. Dtn 28,37; Klgl 2,15f.).
Mit ganz ähnlichen Worten wie Deutero- und Tritojesaja (vgl. Jes 51,1f.; 60,21f.) entwerfen die Verknüpfer eine pointierte Gegenvision zu dieser Horrorsituation der verfluchten Existenz in der Fremde.
Das wird durch die Schlüsselstellung des Textes zwischen Ur- und Erzelterngeschichten noch besonders herausgestellt. Die Urgeschichten zeigen eindringlich die Segensbedürftigkeit von Gottes Schöpfung jenseits von Eden auf. Sie gipfeln in der sogenannten Turmbauerzählung (Gen 11,1­9; vgl. SKZ 21/1998), wo sich ein Volk über das Projekt einer Einheitssprache einen Namen machen und die Weltherrschaft ergattern möchte. Gottes befreiendes und segnendes Eingreifen, die sogenannte babylonische Sprachverwirrung und Völkerzerstreuung, findet im Erwählen Abrahams aus den Völkersippen heraus (12,1) und im Gross-Machen seines Namens und seines Volkes (12,2) eine Fortsetzung und in der Segensankündigung des Lesungstextes eine eschatologische Zuspitzung. Abrahams Sippe gleicht den landlosen Leviten, die für die Landbesitzenden die Rolle der Hüter des Heiligtums übernehmen. Israel ist unter allen Ländern, die von Gott gesegnet sind, selber ein Segen (vgl. Kasten), der Erbbesitz Gottes (Jes 19,24f.), gleichsam das Gotteshaus, der Tempel, unter allen Ländern. Somit wird verständlich, weshalb Abrahams Sippe nicht nur von Gott gesegnet wird, sondern durch sein segensreiches Handeln selber zum Segen für andere wird und von jenen dafür wiederum gesegnet wird (12,2­3). Die Segenstheologie mit ihren erlösend-passiven und ethisch-aktiven Elementen, wonach Gott seinen Segen nicht nach dem Giesskannenprinzip über den Erdball verteilt, sondern sich an partikularer Stelle ins Weltgefüge einnistet und von dort aus wirkt, mündet in den folgenreichen Satz «segnen werden sich lassen (nibröchu; Niphal tolerativum) in/mit dir alle Familien des Erdbodens!»

Synagoge/Kirche/Welt: Teilhabe der Völker am Abrahamssegen durch die Treue Jesu Christi

Die Rabbinen fügen zur Illustration dieses Satzes konkrete Beispiele an: Mordechai hatte Mitleid mit Artaxerxes, weil schon Jakob den Pharao gesegnet und Joseph und Daniel fremden Herrschern die Träume gedeutet hatten. Regen und Tau sollen auf Israels Bitte hin fallen, und die Völker können sich bei Israel Rat holen (GenR 39,12). Wie aber können sich Christen/Christinnen auf den Abrahamssegen berufen, ohne Israel seiner Verheissungen zu berauben oder gar ­ wie es in der Geschichte der Kirchen geschehen ist ­ als von Gott verflucht zu betrachten und zu behandeln? Das gesamtbiblische Zeugnis zeigt, «dass den Völkern der Segen Gottes Ðnurð als Abrahamssegen zukommt» (s. Lit.; vgl. Gal 3,6­14). Im Glauben an den Gekreuzigten, der durch die Auferweckung die tödliche Gewalt des Fluches entmachtet hat, werden sie zu rechtmässigen Miterben des Segens Abrahams, zu seinen Söhnen und Töchtern mit Teilhabe an der Verheissung. So wie Abraham und der gekreuzigte Abrahamssohn Gott vertrauten, sollen die Christen/Christinnen auf Christus vertrauen und im Tun der Tora aus der Freiheit der Liebe heraus wie jene im Leben und im Tod zu von Gott Gesegneten und zum Segen für andere werden. In solcher Treue zu Jesus Christus und seinem Gott, dem Gott Abrahams, würdigen wir Jüdinnen und Juden als Gesegnete Gottes. Gemeinsam mit ihnen bereiten wir das Heil, dessen Erfüllung in Gottes Händen liegt.

 

Literaturhinweis: Magdalene L. Frettlöh, Theologie des Segens. Biblische und dogmatische Wahrnehmungen, Gütersloh 1998.


Segnen (hebr. barach)

Das Hebräische barach ­ im Deutschen präsent durch den schönen Wunsch «Hals- und Beinbruch!» (d.h.: Hals und Bein baruch/mögen gesegnet sein!) ­ kann je nach Zusammenhang mit segnen, grüssen oder lobpreisen wiedergegeben werden. Ausser in sehr formelhaften Wendungen begegnen wir im Ersten Testament einem sehr konkreten Segensverständnis. Hunger, Durst, Land- und Kinderlosigkeit, Mangel jeder Art und struggle of life mit Tendenz zum Krieg sind hinter den meisten Segenswünschen spürbare Realitäten. Göttliche Segenskraft zeigt sich insbesondere im Regen (Mal 3,10; Hebr 6,7), in der Fruchtbarkeit der Äcker (Ps 65,11), in der Potenz und im Milchfluss der Frau (Gen 49,25). «Seid fruchtbar und mehret euch» (Gen 1,28) und ähnliche Zusprüche oder Nachkommenschaftsverheissungen ziehen sich wie ein roter Faden durch Urgeschichte und Erzeltererzählungen. Segen ist neben Schutz auch auf altorientalischen Siegelamuletten das zentrale Thema. Oftmals werden die Segensmächte nur durch Symbole angedeutet. Auf dem abgebildeten Beispiel verweisen Skorpion, Steinbock und Fisch auf die Sphäre der Göttin. Das den Beischlaf vollziehende Paar wird zusätzlich durch eine menschliche Gestalt gesegnet. Sie zeigt, dass Segen von Menschen durch Wort und Geste ausgedrückt und vermittelt werden kann. Im Segensspruch kommen sich Segnende, Gesegnete und der Segen selbst ganz nah. Die Macht dieses Sprechens wird durch Formeln, sei es ein einfacher Gruss (Rut 2,4), ein Wunsch (1 Sam 2,20) oder eine kunstvolle Priesterformel (Num 6,24­26; vgl. SKZ 52­53/1998), manchmal noch unterstützt. Heldinnen und Helden können für ihre Rettungstat von Menschen gesegnet/gepriesen werden (Ri 5,24; 1 Sam 25,33). Hinter allem segensreichen Wirken in Natur und Geschichte aber steht Gott, der vom singenden (Ps 104,1.35) und lobpreisenden (Ps 68,20.36 u.o.) Menschen, aber auch durch das selige Dasein der Schöpfungswerke selbst bis hin zu den Engeln (Ps 103,20ff.) gesegnet wird. Er wirkt durch die Menschen im Geist (ru'ach) und inmitten der Menschen in seinem Haus, dem Tempel, von dem der Segen ausströmt gleich einer mächtigen Quelle, die das ganze Land befruchtet (vgl. Ez 47). Wo Gott segnet, scheitert jeder Widerstand, wie die Bileamgeschichte (Num 22­24) lehrt. Gerechte Menschen, die nach dem Gesetz leben und offen sind für Gottes Geist, erhalten die Segenskraft im Land. Wenn die Bosheit überhand nimmt, verlässt die Segensmacht das Land (Ez 8­10). Was statt ihrer kommt, ist der Fluch (vgl. Lev 26; Dtn 27f.).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999