6/1999

INHALT

Lesejahr A

Die Herkunft der Scham

von Thomas Staubli

 

Bibel: Klug und nackt

Die in den Urgeschichten (Gen 1­11) versammelten Stoffe sind ein buntes Konglomerat volkstümlicher Weisheiten und Sagen, theologischer Systeme und gelehrter Kommentare, deren Herkunft, Sitz im Leben und Alter im Einzelnen kaum zu rekonstruieren ist. Ihre Verbindung zu einem zusammenhängenden Prolog der Tora ist eine Meisterleistung hebräischer Schriftgelehrsamkeit, wohl zu Beginn der Perserzeit.
Die sonntägliche Perikope besteht aus zwei in der Bibel durch weiteren Text getrennten Abschnitten. Nach dem ersten Abschnitt bildet JHWH Gott aus der Erde ('adamah) den Erdling ('adam), macht ihn durch Beatmung zu einem lebendigen Wesen (näfäsch; vgl. SKZ 4/1999) und pflanzt ihm eigens einen prächtigen Garten namens Eden, ein Wort, womit auch reichlich bewässerte, üppige Gartenanlagen in luxuriösen Städten (vgl. die hängenden Gärten von Babel als eines der Weltwunder; Tyrus/Ez 28,13 u.a.) bezeichnet werden konnten. Mitten im Garten wächst der Baum des Lebens ('ez hachajjim), ein im Alten Orient weitverbreitetes Bild für die heile, geordnete und gesegnete Welt (vgl. Bild). Im Hinblick auf die in Gen 3,1­7 erzählte Geschichte wird auch der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ('ez hadda'at tov war'a) erwähnt, eine Dualität, die die Idee einer Gartenmitte etwas stört. Der Abschnitt, wonach aus dem Erdling zwei geschlechtlich differenzierte Wesen ('isch und 'ischschah) geschaffen werden, wird von der Lesung übersprungen, im Folgenden aber vorausgesetzt.
Es ist die unvermittelt eingeführte Schlange (nachasch, männlich), die die Handlung voranbringt. Sie wird als klüger bzw. nackter ('arom/'arum, im Konsonantentext nicht zu unterscheiden!) als alle anderen Tiere des Feldes charakterisiert. Ihre Kennzeichnung durch dieses ambivalente Wort ist der Schlüssel zum Verständnis der weiteren Handlung, die dem Paar im Paradies ja seine Nacktheit vor Augen führt. Dass es die Frau ist, mit der die Schlange Kontakt aufnimmt, hängt vielleicht damit zusammen, dass sie in der Regel nackter (unbehaarter)/klüger ist als der Mann. Nicht zufälligerweise wurde die Weisheit (chokmah) in Israel weiblich personalisiert (vgl. SKZ 35/1998). Die Affinität zwischen Schlange und Frau ist im Alten Orient ausserdem ikonographisch reichlich belegt. Dank Schlange und Frau gelangt auch der Mann schliesslich zu einer neuen Erkenntnis. In Gen 3,1­7 wird narrativ und damit einprägsam dargelegt, dass der spezifisch menschlichen Empfindung der Scham ein moralisches Urteil und damit ein göttliches Privileg, eben das Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse, zugrunde liegt. Damit öffnet die Erzählung auch den Lesern/Leserinnen bzw. Hörern/Hörerinnen die Augen: Einsicht in die Gott vorbehaltenen Zusammenhänge macht zwar klüger, aber auch nackter. Das Eindringen in höheres Wissen beraubt die Menschen des Schutzgewandes kindlicher Naivität, das nun durch kulturelle Konstrukte wie die Kleidung ersetzt werden muss.

Kirche: Frau, Sünde, Tod und Teufel ­ Abschied von einem patriarchalen Erzmythos

Obwohl im Text nichts von Sünde steht, wird die Geschichte der Erkenntnis von Gut und Böse schon bei Jesus Sirach in eine patriarchale Sündenfallgeschichte umgemünzt, derzufolge Sünde und Tod von der Frau ausgehen (Sir 25,24; vgl. SKZ 52­53/1998). Texte wie Weish 2,24 haben dazu beigetragen, in der Schlange den Teufel zu sehen (Offb 12,9; 20,2), mit dem die Frau im Bunde steht. Diese verhängnisvolle biblische Connection wurde von den Kirchenvätern eifrig in eine frauenfeindliche Auslegung umgesetzt, die teilweise bis heute weiterwirkt, nicht zuletzt in der Werbung, wo Schlange, Frau und Apfel (auch von ihm steht nichts im Text) zu den beliebtesten Sujets gehören. Dank der exegetisch-feministischen Bibelkritik ist ein epochaler Umdenkprozess in Bewegung geraten, der sich unter anderem in der Kapitelüberschrift zu Gen 3 in den Bibelausgaben der letzten Jahre niederschlägt: «Der Sündenfall» (Herder 1968; Luther, rev. Fassung 1984), «Der Fall des Menschen» (Einheitsübersetzung 1981), «Die Menschen müssen den Garten Eden verlassen» (Gute Nachricht, rev. Fassung 1997).
Eine überraschend positive Wendung nimmt die Auslegung bei Paulus (Röm 5,12­19; 2. Lesung). Auch für ihn zeigt die Geschichte, wie die Sünde durch einen einzigen Menschen (Adam!) in die Welt kam. Sein Schluss vom Kleineren aufs Grössere aber lautet: Wenn schon die Sünde, die den Tod brachte, durch einen einzigen Menschen (Adam) für alle in die Welt kam, so kommt erst recht durch die gerechte Tat Jesu Christi die Gnadengabe, die lebenwirkende Rechtfertigung bringt, zu allen Menschen.

Welt: Wer will mehr wissen als nötig?

Will der Mensch mehr wissen als er darf? Diese Frage ist insbesondere im Bereich der Bioethik mit den Fortschritten der Genforschung zu einem Dauerbrenner geworden. Korrekterweise müsste diesmal die Frage lauten: Wollen gewisse Männer mehr wissen als zum Schutze und zur Förderung des Lebens auf unserem Planeten notwendig ist? Und welches Tier reicht ihnen die Frucht? Ist es der König der Tiere, der Vielfrass oder gar das Chamäleon? Vielleicht muss für die Sonntagspredigt des ersten Fastensonntags der Text neu geschrieben werden.

 

Literaturhinweis: Silvia Schroer, Die geheimnisvolle Beziehung zwischen Schlange und Frau. Schlangen- und Drachensymbolik im Alten Israel und in seiner Umwelt: Schlangenbrut Nr. 60 (1998), 33­38.


Schlangen

Kaum ein anderes Tier hat die Phantasie der Menschen so beschäftigt wie die Schlange. Zwischen Faszination und Schrecken entwickelte sich eine komplexe Symbolik. Die Schlange verkörpert das Gute und das Böse, Todesgefahr und Unsterblichkeit, Sexualität, Klugheit, Schutz, Heilkraft und anderes. Als Wächterinnen des Heiligen spielen geflügelte Kobras bei der Gottesvision Jesajas eine entscheidende Rolle (vgl. SKZ 5/1998). Mose stellte in der Wüste eine Bronzekobra auf, deren Anblick die von den Schlangen Gebissenen wieder heilt (Num 21,6­9). Bis zur Zeit Hiskijas wurde in Jerusalem ein bronzenes Schlangenbild von der Bevölkerung mit Rauchopfern bedacht (2 Kön 18,4). Kanaanäische Göttinnen halten gern Schlangen in den Händen, um sich als Herrinnen der sexuellen und aller positiven Lebenskräfte zu erweisen. Bei Lamaschtu, einer gefürchteten Dämonin in Mesopotamien, sind es hingegen Schlangen des Verderbens. Als negative, das Chaos symbolisierende Grösse wird die Schlange, wie der ihr bedeutungsmässig sehr verwandte Drache oder das Krokodil von Baal, Baal-Seth oder JHWH (Ijob 26,13) bekämpft. Ein altsyrisches Rollsiegel zeigt einen Wettergott, der einer Schlange, die den Weltenbaum bedroht, den Rachen spaltet. Ihm gegenüber steht segnend seine Partnerin, die nackte Göttin. Bei Gen 3,1­7 könnte es sich um eine spezifisch israelitische Variante dieser Konstellation handeln, die verdeutlichen will, dass die Menschen der schwierigen Aufgabe der Bewahrung der göttlichen Ordnung nicht gewachsen sind.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999