3/1999

INHALT

Lesejahr A

Ein Rest mit Zukunft

von Thomas Staubli

 

Bibel: Orthodoxie und Orthopraxie

Als Zefanja als Prophet auftrat, stand Juda unter dem Druck des mächtigen neubabylonischen Reiches. Die joschianischen Reformen mit ihren nationalistisch-theokratischen Zielen, konzeptuell dargelegt in den ältesten Teilen des Deuteronomiums, konnten nicht greifen und eine kluge Unterwerfungspolitik scheiterte an den Eigeninteressen der Reichen, die lieber auf eine Bündnispolitik mit antibabylonischen Nachbarn wie den Ägyptern setzten. Zefanja sah die Katastrophe voraus und kündigte sie an als «Tag JHWHs», der ein «Tag des Zorns» (jom ävrah; lat. dies irae) sein werde für jene, die sich unter Missachtung der JHWH-Weisungen bereichert hatten. Aber der Prophet findet nicht nur rhetorisch erschütternde Worte für das sich anbahnende Desaster, er (oder seine Schüler; vgl. SKZ 50/1997) entwickelt auch ein Überlebenskonzept für solche, die dem Lauf der Dinge nicht gleichgültig zusehen wollten.
Zukunft verheisst Zefanja all jenen, die arm leben und das Recht JHWHs beachten. Bei dieser Armut handelt es sich nicht, wie viele Exegeten meinen, um eine geistliche Haltung der Demut, im Gegensatz zu einer sozial-ökonomischen Realität. Diese Unterscheidung ist der Bibel fremd (vgl. SKZ 33­34/1998). Entscheidend ist die Verbindung eines schlichten Lebenswandels mit Recht und Gerechtigkeit (vgl. SKZ 47/1997). Was in 2,3 als Prophetenmahnung an das Volk ergeht, wird in 3,12f. als göttliche Verheissung für jene wiederholt, die sich auf den Weg machen und nun tatsächlich bei JHWH Zuflucht bzw. Schutz und Geborgenheit suchen (vgl. Kasten). Der Text ist genauer: «beim Namen (schem) JHWHs». Damit wird JHWH unter einem Aspekt vergegenwärtigt, der nicht an Konkreta wie Tempel, Königtum oder Land gebunden ist, sondern überall zugänglich ist, wo Menschen sind, die einen Mund haben, um JHWH zu preisen. Das ist wichtig, denn an die Stelle der alten Verbindung zwischen JHWH, Land und Volk tritt nun eine neue zwischen JHWH, dem «Rest Israels» und den JHWH-Fürchtigen unter den übrigen Völkern (Zef 3,9f.). Vom «Rest Israels» (sch'erit Jisra'el) ist in der Bibel positiv noch zweimal die Rede (Jer 31,7; Mi 2,12), jedoch nur hier im Sinne eines Titels. Es ist der Ehrentitel einer Gruppe, für die Orthodoxie und Orthopraxie eine Einheit bilden.

Kirche: Arme Kirche und Kirche der Armen

Das Evangelium der Seligpreisungen (Mt 5,1­12) bzw. die Bergpredigt als Ganzes ist in der Tat eine kongeniale Fortschreibung der Zef-Texte. Matthäus konkretisiert die Orthopraxie in verschiedenen Aspekten, wobei der Lohn für das rechte Tun weitgehend dem entspricht, was schon im Ersten Testament auf jene wartete, die bei JHWH (im Tempel) Zuflucht suchten (vgl. Kasten). Der Evangelist betont aber durch Christi Wort auch die Bedeutung der rechten Lehre. Nichts von Tora und Prophetenschriften soll vernachlässigt werden, sondern durch einen grenzenlosen Sinn für Gerechtigkeit erfüllt werden (Mt 5,17­20). Im Vaterunser findet schliesslich auch die universalistische Heilslehre von der Bergung beim Namen JHWHs gebührende Resonanz: «Geheiligt werde dein Name» (Mt 6,9).
Die Rede vom Rest trifft den Nerv heutigen Kirchenbewusstseins in der Schweiz. Statistisch gesehen sind die traditionellen Kirchgänger/Kirchgängerinnen längst als Rest eines weitestgehend verschwundenen Milieukatholizismus ausgewiesen. Da die Kirche dank Austritten allmählich ärmer wird, erhält sie zusätzlich eine heilsgeschichtliche Chance, Zuflucht nicht bei Steuergeldern, sanierten Kathedralen, neuen Kirchgemeindezentren, Bistumswäldern und diözesanen Rebbergen zu suchen, sondern in der Gemeinschaft der Armen beim lebendigen Gott. An den Rändern europäischer Grossstädte wie Paris und in den Basisgemeinden der globalen Peripherie können wir heute schon studieren, wie die Kirche der Armen, der eine Zukunft verheissen ist, weil sie keine arme Kirche ist, aussehen wird.

Welt: Verfluchte Armut

Der Individualismus, den sich die Wohlhabenden leisten können, ist vielen zum Fluch geworden, da die permanente Organisation des eigenen Lebens oft eine Überforderung bedeutet. Erst recht ist er ein Fluch für jene, denen das individuelle Bewusstsein blieb, der Reichtum aber wegen Arbeitslosigkeit verloren ging. «Eigenes Leben = eigene Armut. Das ist der Kreuzigungsweg des Selbstbewusstseins [] Die neue Armut verschwindet in ihrer Stummheit und wächst in ihr. Dies ist ein ebenso skandalöser wie prekärer Zustand, der der politischen Anwaltschaft dringend bedarf» (Ulrich Beck).


Zuflucht, Geborgenheit

Die Sehnsucht nach Geborgenheit ist mit Verlassen der embryonalen Behausung im Mutterleib in uns angelegt, und wir teilen sie mit vielen anderen Lebewesen. Auch die wilden Tiere, etwa die Klippdachse in den judäischen Bergen, haben ihre Schlupflöcher (Ps 104,18). Schlimm ist es deshalb, wenn es Menschen gibt, die nicht einmal eine schützende Höhle ihr eigen nennen können (Ijob 24,8), und geradezu töricht ist es, Schutz zu suchen, wo es keinen gibt: Schatten bei einem Dornstrauch bzw. Segen bei einem König, der die Menschen ausbeutet (Ri 9,13), oder gar bei einer fremden Macht, auf deren strategisches Bündnis kein Verlass ist (Jes 30,1­3). Die Gottesfürchtigen Jerusalems mussten sich mit zunehmender Ohnmacht ihres Königshauses des Schutzes durch JHWH vergewissern. Das geschah in erster Linie im Gebet, wo oft von der Zuflucht bei JHWH die Rede ist, der in diesem Zusammenhang gerne mit einem Fels (noch heute kennzeichnet der Fels im Felsendom zu Jerusalem den heiligen Ort!), einer Burg oder einem Schild verglichen wird (Ps 11,1; 31,2­4; 71,1­3 u.o.). Besonders beliebt war das Bild von den bergenden Flügeln Gottes (Ps 36,8; 57,2; 61,5; 91,2­4). Indem die Moabiterin Rut mit der Judäerin Noomi zurückkehrt, begibt sie sich unter die schützenden Flügel JHWHs (Rut 2,12). Auch die rechte Seite Gottes, die Ehrenseite kann eine Metapher für den Ort der Zuflucht sein (Ps 17,7) und schliesslich sogar der abstrakte Name, der aber als wirkmächtige Grösse angesehen wurde. Ein judäisches Knochensiegel zeigt einen Verehrer gegenüber der Kartusche mit dem segensreichen Namen Amuns. Auf einem ägyptischen Siegel wächst aus der Kartusche mit dem weitherum als Amulett verbreiteten Thronnamen Tutmosis III., Men-cheper-re, ein schattenspendender Baum. Gottes Segen für die sich bei ihm Bergenden ist vielgestaltig: Er lässt sich sehen und kosten (Ps 34,9), bewahrt sie vor seinem Zorn (Ps 2,12), gewährt ihnen Freude und Jubel (Ps 63,8; 64,11) und lässt sie das Land erben (Jer 57,13). Wer seine Zuflucht anderswo als bei JHWH sucht, nämlich bei sich selbst oder bei fremden Göttern, hurt von ihm weg (Ps 73,27f.), rebelliert (Ps 5,11f.), dient den Götzen (Ps 16,1.4; Jes 57,12f.) und fällt letztlich von JHWH ab (Jer 17,13).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999