51-52/1999

INHALT

Leitartikel

Zärtliche Nacht

von Norbert Hochreutener

 

Es kommt die Nacht
da liebst du

nicht was schön ­
was hässlich ist.

Nicht was steigt ­
was schon fallen muss.

Nicht wo du helfen kannst ­
wo du hilflos bist.

Es ist eine zärtliche Nacht,
die Nacht da du liebst,

was Liebe
nicht retten kann.

Hilde Domin

 

Das Gedicht von Hilde Domin ist eine Ode an die Liebe ­ eine stille und leise. Sie führt uns in eine Liebeserfahrung ­ in eine «zärtliche Nacht», in der die Vergänglichkeit unseres Lebens gegenwärtig ist und unsere fundamentale Hilflosigkeit dieser Vergänglichkeit gegenüber Sprache findet. Die Vergänglichkeit ist die «conditio humana», in ihr wird die Liebe wahr. In dieser Nacht «liebst du ... was schon fallen muss».
Das Gedicht kehrt unsere gängigen Erwartungen um und streicht komode Liebeswünsche dreimal durch: Nicht ­ das Schöne, das wir begehren; ­ nicht das Aufsteigende und Erfolgreiche, das wir verehren; ­ nicht die eigenen Macht- und Macherwünsche, (die sich leicht im Helfenwollen verbergen). Nicht dies ist die Liebe. Die Liebe ist nicht gebunden an Vorstellungen, Wertungen und Bedingungen.
Hilde Domin spricht uns in einer tieferen und wahrhaftigeren Bedürftigkeit an: In dem Wunsch, so sein zu dürfen, wie wir sind; so schlicht, wie wir sind, so alternd und hässlich, so vergänglich, so hilflos. Und so angenommen zu sein. So einander annehmen. Dort ist die Liebe ein Teilen, ist Kommunion des Lebens in seiner Vergänglichkeit.
Mir kommt Frau A. in den Sinn. Seit Jahren liegt sie im Bett, kann weder sprechen noch hören, kann nicht ohne Hilfe essen, kann überhaupt nichts mehr. Sie ist einfach da ­ und wie! Von ihr geht eine Kraft aus, ich kann nicht sagen wie. Schon so manches Mal bin ich müde oder niedergeschlagen an ihr Bett getreten, und ihre blauen Augen begannen zu leuchten, sie ist mit ihrer Hand über mein Gesicht gefahren und ich fühlte mich wie erneuert.
Die Liebe rettet nicht. Wir können einander nicht retten aus der Vergänglichkeit. Wenn wir es versuchen, weil wir die Ohnmacht nicht aushalten, sind wir schon wieder im Allmachtsdenken, setzen die Liebe unter einen Zweck und ein Gefälle zwischen uns. Schwer harrt der Mann neben seiner depressiven Frau aus. Schon über ein Jahr dauert die Nacht. Er kann nichts machen. Aber er bleibt da.
Die Liebe ist ein Beistand. Sie gibt unserer Hilflosigkeit Raum und Schutz, dass sie sein darf. Die Liebe hält aus in der Ohnmacht, sie ist da und bleibt, ganz schlicht. Wenn wir unsere Hilflosigkeit annehmen und in einen grösseren Zusammenhang stellen, kann eine andere Dimension aufgehen, ­ wir ahnen, es gibt keine Rettung ­ oder von anderswoher. Wir sind dann Menschen «in der armen Verwiesenheit auf das Geheimnis der Fülle» (Karl Rahner).
Von anderswoher? Das deutsche Wort «hoffen» kommt von hoppen und hupfan (Grimm, Wörterbuch) und bedeutet ein überraschtes Aufhüpfen, auf etwas Unerwartetes Aufspringen. Jesus spricht nie von Hoffen. Er sagt: Seid bereit. Ihr wisst nicht die Stunde...
Geschenk der Liebe ist das Kind. Es ist hilflos ­ ausgesetzt in dem lottrigen Stall, um den der Wind der Geschichte braust. Er gibt nur wenig Schutz. Eine Frau und ein Mann kümmern sich. Sie tun das ihnen Mögliche.

Es ist wenig (angesichts des drohenden Unheils).
Es ist viel.
Es ist alles, was sie sind. Sie lieben. Sie sind da.

Es ist eine zärtliche Nacht,
die Nacht, da du liebst,

was Liebe
nicht retten kann.

 

Norbert Hochreutener ist Pastoralassistent in Herisau und Seelsorger in der Psychiatrischen Klinik Herisau.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999