49/1999 | |
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Leitartikel |
Als ich vor zehn Jahren für meinen Beitrag «Religion und Kirche»
zur Geschichte des Schweizerischen Studentenvereins (StV)<1>
recherchierte, beschäftigte mich, wie der St. Galler Pfarrer und spätere
Bischof Alois Scheiwiler seinen antiliberalen und zugleich und vor allem
antisozialistischen Standpunkt 1920 antijudaistisch auf einen kohärenten
Begriff bringen konnte: «Freisinn, Freimaurerei, Sozialismus, Bolschewismus
sind den Juden nur Mittel zum Zweck der jüdischen Weltherrschaft.»
Kein einziges Mitglied des «Historikerteams der neuen StV-Geschichte»
hielt es damals für nötig, diesem Antijudaismus genauer nachzugehen,
sondern wir alle begnügten uns mit der Feststellung eines judenfeindlichen
Vorurteils. Heute steht dieser gleiche Satz in der umfangreichen Darstellung
des Antisemitismus im Schweizer Katholizismus, die der Leiter dieser neuen
StV-Geschichte, der Freiburger Historiker Urs Altermatt mit dem Team des
Seminars für Zeitgeschichte in erstaunlich kurzer Zeit erarbeitet hat.<2>
In die Zeit zwischen der von ihm herausgegebenen StV-Geschichte und dem
von ihm verfassten Buch über «Katholizismus und Antisemitismus»
fielen nämlich die Debatten über die Rolle der Schweiz im Zweiten
Weltkrieg,<3> die die allgemeine Schweizergeschichte
wie die Katholizismusgeschichte dazu brachten, dem Antisemitismus die längst
fällige Aufmerksamkeit zu schenken. In Luzern gab das internationale
Symposium «Die Krise im Fin de siècle (18801914). Jüdische
und katholische Bildungseliten in Deutschland und der Schweiz» 1996
den Anstoss zu einem Forschungsprojekt, dessen Veröffentlichung Aram
Mattioli als «eine Zwischenbilanz» bezeichnet, die aber doch
einen guten Überblick über die allgemeine Antisemitismusforschung
in der Schweiz bietet.<4> Mehrere Beiträge
gehen dem Widerstand gegen die bürgerliche Emanzipation der Juden von
1798 bis 1874 und also in der Zeit zwischen dem Ende des Ancien Régime
und der verfassungsrechtlichen Anerkennung der jüdischen Kultusfreiheit
nach. Ein zweiter Themenkreis ist der Ausbreitung des modernen Antisemitismus
zwischen 1880 und 1914 gewidmet; in diese Zeit, nämlich auf die Volksabstimmung
von 1893, geht das Schächtverbot zurück, das den jüdischen
Kultus erschwerte und heute noch erschwert. Nahe an die Gegenwart heran
führen die Studien über die Jahre 19171960, also die Zwischenkriegs-,
Kriegs- und Nachkriegszeit, die unter dem Gesichtspunkt des schweizerischen
Antisemitismus als das Zeitalter der antisemitischen Fremdenabwehr bezeichnet
wird.
Eingeführt werden die Einzelstudien mit einem allgemeinen Forschungsüberblick
über den Antisemitismus in der Geschichte der modernen Schweiz von
Aram Mattioli. Drei Theologieprofessoren greifen kirchliche Themen auf:
Markus Ries (Luzern) skizziert den Antisemitismus des katholischen Volksteils;
Clemens Thoma (Luzern) zeigt die weltkirchliche Abwehr des rassistischen
Antisemitismus auf, und Ekkehard W. Stegemann (Basel) geht am Beispiel des
reformierten Theologen Wilhelm Vischer den Zusammenhängen zwischen
der kirchlichen Judenfeindschaft und dem rassistischen Antisemitismus nach.
Die «Freiburger Schule» antwortete auf die Geschichtsdebatte
über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg mit einem eigentlichen Aufbruch.
1997 veröffentlichte Urs Altermatt in der von ihm redigierten «Zeitschrift
für Schweizerische Kirchengeschichte» einen programmatischen
Text, in dem er festschrieb, dass es für die kirchliche Zeitgeschichte
eine dringende Aufgabe sei, «die Haltung der katholischen Kirche und
des Katholizismus zur Judenverfolgung und zum Judenmord aufzuarbeiten».
Bereits im Sammelband «Antisemitismus in der Schweiz 18481960»
veröffentlichte er eine Skizze der Denk- und Mentalitätsstrukturen,
die zu einem typisch katholischen Antisemitismus geführt haben und
ihn also in ein «katholisches Koordinatensystem» einreihen lassen.
In den beiden folgenden Jahren veröffentlichte die «Zeitschrift
für Schweizerische Kirchengeschichte» Dossiers zum Thema. 1998
das Dossier «Katholischer Antisemitismus in der Schweiz 19001945»
und 1999 als Dossier II «Katholischer Antisemitismus in der Schweiz».
Im zweiten Dossier wird in einem Beitrag der Antisemitismus in der «Schweizerischen
Kirchenzeitung» im 19. Jahrhundert dargestellt. Dabei überrascht
nicht, dass die traditionelle christliche Judenfeindschaft eine Konstante
ist, ist sie doch ein Moment des Ultramontanismus. Heute nachdenklich stimmen
muss, wie sich durch die Gegnerschaft zur bürgerlichen Emanzipation
der Juden in der Schweiz der christliche Antijudaismus allmählich mit
dem modernen Antisemitismus verschränkte, von ihm gar in den Hintergrund
gerückt wurde.
In seinem Buch verbindet Urs Altermatt Fragen der allgemeinen und kirchlichen
Zeitgeschichte mit kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Überlegungen
vor allem dort, wo er zum einen emotional wichtige Lernfelder der christlichen
Judenfeindschaft beschreibt: die Karfreitagsliturgie mit der Fürbitte
«pro perfidis Judaeis», die Passionsspiele mit ihrer Inszenierung
des Karfreitags, die Volksbräuche der Karwoche, und wo er zum andern
die Erbauungsliteratur in der Form von illustrierten Wochenzeitschriften
(Der Sonntag, Die Woche im Bild, Die Katholische Familie) einbezieht.
Zu dieser christlichen Judenfeindschaft, zu diesem dogmatisch motivierten
Antijudaismus gesellte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
im Zusammenhang mit dem aufkommenden Nationalismus und Rassismus eine neue
Art Judenfeindschaft: der «moderne» Antisemitismus, der die
Juden aus wirtschaftlichen, kulturellen oder rassistischen Gründen
zu Fremden und Feinden erklärt. Dieser Antisemitismus kam auch im Katholizismus,
zusätzlich zu traditionellen judenfeindlichen Argumenten und sie teilweise
übertreffend, zum Tragen, so dass sich ein typisches Syndrom ergab,
das Urs Altermatt als katholischen Antisemitismus bezeichnet. «Grund
für diesen Antisemitismus waren nicht objektive Gegensätze, sondern
vielmehr diverse Ängste von Katholiken, die durch den Modernisierungsprozess
ins Hintertreffen geraten waren... Der Antisemitismus bildete eine Ersatzideologie
für die Kritik an der modernen Gesellschaft».<5>
Den Merkmalen und Besonderheiten dieses Antisemitismus in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts geht Urs Altermatt unter der Kapitelüberschrift
«Das ambivalente Koordinatensystem des katholischen Antisemitismus»
eingehend nach.
Nach diesem zentralen Kapitel behandelt er die Paradigmen, die den innerkatholischen
Diskurs über Judentum und Antisemitismus in der Zeit von 1918 bis 1945
prägten, und anschliessend zeigt er an einzelnen Schlüsseljahren
auf, wie die Katholiken ihr Koordinatensystem zur Interpretation des Zeitgeschehens
und der Tagespolitik verwendet haben. Hier begegnen wir nun der eingangs
zitierten antijudaistischen Äusserung Alois Scheiwilers, eingeordnet
in den Interpretationsraster «Verschwörungsparadigma».
Damit konnten die Juden gleichzeitig mit dem Kapitalismus und dem Sozialismus
so in Verbindung gebracht werden, dass die Gegensätze zwischen den
beiden Ideologien nicht in den Blick gerieten.
Hinter dem Buch steht letztlich nicht historische Neugier, sondern ein Schreck
ob der Shoah und die Frage: Wie ist die Zuschauerrolle der Europäer,
das Schweigen der Regierungen und der Kirchen angesichts der Shoah zu erklären?
Und es führt zu Scham, zu der das abschliessende Kapitel «Erinnerung,
Scham und kollektives Gedächtnis» anleitet: «Wir können
uns auch für das Verhalten anderer schämen, wenn wir uns dem Kollektiv
zugehörig fühlen, das Unrecht getan oder zugelassen hat»<6>. Ohne kollektives Gedächtnis und
ohne Solidarität stellen sich Schamgefühle indes kaum ein. «Erinnern
ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit Wer den Willen zur Erinnerung
hat, muss über die Vergangenheit reden und immer wieder reden
und die Spuren suchen und sichern, die zum Wahnsinn der Shoah führten.
Kollektivscham und Erinnerung gehören zusammen.»<7>
1 Urs Altermatt (Hrsg.), «Den Riesenkampf mit dieser Zeit zu wagen...», Luzern 1993.
2 Urs Altermatt, Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur Kulturgeschichte der Schweiz 19181945, Verlag Huber, Frauenfeld 1999, 414 Seiten.
3 In diesen Zusammenhang gehört auch die Kontroverse um die «Freiburger Schule», die gezeigt hat, wie nicht nur Theologen, sondern auch Historiker Themen instrumentalisieren können, um sich zu profilieren.
4 Aram Mattioli (Hrsg.), Antisemitismus in der Schweiz 18481960. Mit einem Vorwort von Alfred A. Häsler, Orell Füssli Verlag, Zürich 1998, 594 Seiten.
5 AaO. (Anm. 2) 99.
6 AaO. 318.
7 AaO. 319.