46/1999

INHALT

Leitartikel

Das Dritte Testament

von Thomas Staubli

 

Die Schweizerische Bibelgesellschaft bereitet zurzeit die Verbreitung von Bibeln über Warenhäuser vor. Genauer gesagt handelt es sich um das Neue Testament, das, in Schokoladepapier verpackt, mit dem Aufdruck «Das Neue» in der Migros zu Hunderttausenden verkauft werden soll.<1> Solcher Eklektizismus hat im christlichen Buchhandel Tradition; in einigen katholischen Bildungshäusern der Schweiz findet sich sogar nur das Johannesevangelium auf den Zimmern.

«Das Neue»

Im Kampf gegen Markion und seine Anhänger hat sich eine Mehrheit in der Kirche früh gegen das Abschneiden der Wurzeln des Christentums gewehrt. «Das Neue» für sich lesen ist in der Tat, als würde man Verkehrstafeln in einer Landschaft betrachten, wo es weit und breit keine Strasse gibt. Man liest Zeichen, versteht aber nicht, worauf sie sich beziehen. Die Taufe, die Bergpredigt, die Wunder, die Streitgespräche mit den Jüngern/Jüngerinnen und Schriftgelehrten, der Tod am Kreuz, die Auferstehung ­ all das steht in einer langen Traditionskette, und nichts ist so neu, als dass es ohne das Alte in seinem vollen Sinn verstanden würde. Es ist auch, insofern es neu ist, nicht besser, wahrer oder reiner. Vorurteile dieser Art haben die Entfremdung vom jüdischen Volk bewirkt, die in diesem Jahrhundert zur grössten antisemitischen Katastrophe aller Zeiten führte.
Zu Recht haben deshalb gerade auch katholische Exegeten und Exegetinnen in den vergangenen Jahren eine neue Sichtweise «des Alten» gefordert.

Nomen est Omen

So wurde vorgeschlagen, von der hebräischen oder jüdischen Bibel zu sprechen, wenn vom Alten Testament die Rede ist, um damit den Eigenwert der alttestamentlichen Schriften herauszustreichen. Aber auch diese Begriffe sind defizitär, da sie nicht deutlich machen, dass der Kanon des Alten Testamentes der Kirchen mit demjenigen des Tenach der Synagoge nicht deckungsgleich ist. Der Münsteraner Alttestamentler Erich Zenger hat im Verlauf dieser Debatte die Kunstbezeichnung «Erstes Testament» eingeführt.<2> Sie soll deutlich machen, dass das Alte dem Neuen vorausgeht, Voraussetzung ist, und deshalb an erster Stelle steht, stehen muss. Das Erste Testament ist, seine mündliche Vorgeschichte miteingerechnet, in über tausend Jahren entstanden, das Neue in weniger als hundert. Wir haben es, literaturhistorisch betrachtet, beim Neuen oder Zweiten Testament mit einem Kommentar zum Alten oder Ersten zu tun, der nach wie vor Muttertext bleibt. Welche Bezeichnung wir auch immer wählen, um die Textsammlungen bzw. die Autorität, die sie für uns haben, zu bezeichnen, wir werden immer nur einzelnen Aspekten gerecht. Ich möchte an dieser Stelle auf einen Aspekt der Bezeichnungen Erstes und Zweites Testament hinweisen, der bislang, zumindest in der vorherrschenden patriarchalen Exegese, kaum berücksichtigt wurde, nämlich auf die Tatsache, dass mit diesen Bezeichnungen die Schriften in eine nach vorne hin offene Reihe gestellt werden.

Erstes, Zweites, Drittes Testament

Diese Offenheit nach vorne erweist sich heute als dringende Notwendigkeit. Für die feministische Theologie sind die einengenden Grenzen des biblischen Kanons und die daraus resultierende knechtende Autorität der Schrift schon seit über hundert Jahren ein Thema. Kritische Bibelleserinnen haben immer gemerkt, dass weibliche Realität im Rahmen der patriarchalen biblischen Schriftsammlung nur sehr ungenügend zur Darstellung kommt, ja dass es viele Texte gibt, die von Frauen unmöglich als Heilige Schrift akzeptiert werden können. Viele Frauen lehnen deshalb die Beschäftigung mit biblischen Texten als Teil der Heiligen Schrift rundweg ab. Andere haben ein neues Verständnis von Heiligen Schriften entwickelt. Sie verstehen darunter wahre und machtvolle Worte, die auf ganz besondere Weise ins gemeinsame Leben von Personen und Gemeinschaften eingehen.
Einige Theologinnen haben sich inzwischen mit diesem neuen Konzept Heiliger Schriften, die für sie eine ermächtigende Autorität haben, auf den Weg gemacht, um die verlorenen oder unbekannten Schriften zu suchen. Dabei stellte sich heraus, dass für Frauen sehr oft nicht Verschriftetes oder in Worte Gefasstes die Qualität von «Heiligen Schriften» hat.
Für die Bibeltheologin Elsa Tamez, die in Costa Rica lehrt, ist das Leben der Frauen heiliger Text, der sich in ihren Körpern niedergeschlagen hat. Der Körper kann nach allen Regeln der Grammatik gelesen werden wie ein Text, und Gott kann sich in den darin lesbaren Leiderfahrungen, Kämpfen, Freuden und Utopien offenbaren. Ebenso wenig wie jeder Text heilig ist, trifft dies für ein ganzes Frauenleben zu. Für die Transparenz des Heiligen gelten dieselben Regeln wie bei Texten. Ferner können Text und Frau sich gegenseitig korrigieren und das Heilige verstärken.
Die in Cambridge MA lehrende christliche Sozialethikerin Joan M. Martin liest Sklaven-/Sklavinnenerzählungen als heilige Texte. Die vor allem zwischen 1703 und 1944 entstandenen Tagebücher, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Kirchenbücher, persönlichen Briefe und Autobiographien versklavter Männer und Frauen schildern die Sklaverei und den aus ihr herausführenden Freiheitskampf aus der Sicht der Betroffenen. Es sind Zeugnisse vom machtvollen Handeln des Geistes Gottes, der die Menschheit auch heute noch voranbringt. Im Munde der einstigen Sklavin Sarah Ford: «Mein Gott, was da alles passiert ist in der Sklavenzeit... so was passiert heute nicht mehr, weil das helle Licht gekommen ist, und jetzt wirds nie mehr dunkel für uns schwarze Leut.» Ganz ähnlich wie die Bibeltexte wurden auch die Sklaven-/Sklavinnentexte von anderen aufgenommen, über Generationen weiter vermittelt und schliesslich zu einer lebendigen Tradition, die angereichert und je nach Situation angepasst werden konnte.
Das sind nur zwei Beispiele für «Heilige Texte», die ich gerne unter dem Stichwort «Drittes Testament» zu den Schätzen unseres Glaubens zählen möchte.<3> Natürlich handelt es sich beim «Dritten Testament» nicht um einen so allgemeinen, strengen Kanon von Texten wie bei den beiden ersten. Das Wesen des «Dritten Testamentes» ist ja die Inkulturation und damit seine lokale Besonderheit. Es ist nicht auf Texte fixiert, sondern kann sich auch in Bildern, Gesängen, Tänzen usw. kundtun. Die Heiligenfiguren in den untersten Registern der vollständig ausgemalten orthodoxen Kirchen, auf der Höhe der Gläubigen, sind ein Beispiel aus der Tradition für das Herabholen der Biblischen Heilsgeschichte an die kirchliche Basis und in die Gegenwart hinein. Es geht also darum, nach den für unseren Kultur- und Lebensraum relevanten «Heiligen Texten» (Text in einem semiotisch umfassenden Sinn) zu suchen.
Dazu noch vermehrt Hinweise zu liefern, habe ich mir für das dritte zu kommentierende Lesejahr vorgenommen.

Der fliegende Teppich

Um die Verhältnisse der drei Testamente zueinander besser zu verstehen, kann ein Bild hilfreich sein, das zumindest einige Aspekte des Themas nochmals aufgreift. Das Erste Testament ist wie ein orientalischer Teppich, über und über von wundervollen, vielfarbigen, sinnreich aufeinander bezogenen Mustern und Motiven durchwirkt. An einigen Stellen ist er geflickt, an anderen erkennt man eine Naht, die grössere Teile verbindet. Je länger man den Teppich betrachtet, um so mehr dringt man ein ins Geheimnis der Verwobenheiten zwischen Gott und Mensch, Kettfäden und Spannfäden. Das Zweite Testament ist wie ein kräftiger Wind, der den Teppich emporhebt und vom Heiligen Land, in dem er entstanden ist und dessen kulturelle Merkmale er zeigt, hinausträgt zu allen Völkern und Nationen. Überall wird der Teppich bewundert und immer wieder neu und etwas anders gedeutet, je nach dem, was die Menschen in den Motiven zu erkennen vermögen. Auf dem Teppich aber sitzt eine bunte, wilde Schar von Schiffbrüchigen, Verwahrlosten und Verirrten, solchen, die in letzter Verzweiflung den Teppich an seinen Fransen gepackt haben und aufgesprungen sind. Ihre Körper erzählen Geschichten der Erniedrigung und des Missbrauchs. Einige tragen die Mythen und Erzählungen ihres Volkes, die Weisungen ihrer Mütter, die Ikonen ihrer Meister und die Gebete ihrer Gemeinschaft in sich.
Sie singen das Lied ihrer Rettung und preisen die Gottheit, die sie erlöste. Diese Menschen mit ihren Körpern, Texten, Bildern und Liedern bilden das Dritte Testament.

 

Der im Fach Altes Testament promovierte Thomas Staubli arbeitet als Theologe freiberuflich und als Doktorassistent an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg; mit seinen wöchentlichen Hinführungen zu den ersten Lesungen der Sonn- und Feiertage wird er uns ein drittes Lesejahr hindurch begleiten.


Anmerkungen

1 Das Projekt wurde kürzlich den versammelten Delegierten des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Villars-sur-Glâne vorgestellt.

2 Erich Zenger, Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen, Düsseldorf (Patmos) 41994.

3 Diese und weitere finden sich in dem sehr lesenswerten Heft «Die heiligen Schriften der Frauen», in: concilium 34 (3/1998).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999