46/1999 | |
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Leitartikel |
Die Schweizerische Bibelgesellschaft bereitet zurzeit die Verbreitung von Bibeln über Warenhäuser vor. Genauer gesagt handelt es sich um das Neue Testament, das, in Schokoladepapier verpackt, mit dem Aufdruck «Das Neue» in der Migros zu Hunderttausenden verkauft werden soll.<1> Solcher Eklektizismus hat im christlichen Buchhandel Tradition; in einigen katholischen Bildungshäusern der Schweiz findet sich sogar nur das Johannesevangelium auf den Zimmern.
Im Kampf gegen Markion und seine Anhänger hat sich eine Mehrheit
in der Kirche früh gegen das Abschneiden der Wurzeln des Christentums
gewehrt. «Das Neue» für sich lesen ist in der Tat, als
würde man Verkehrstafeln in einer Landschaft betrachten, wo es weit
und breit keine Strasse gibt. Man liest Zeichen, versteht aber nicht, worauf
sie sich beziehen. Die Taufe, die Bergpredigt, die Wunder, die Streitgespräche
mit den Jüngern/Jüngerinnen und Schriftgelehrten, der Tod am Kreuz,
die Auferstehung all das steht in einer langen Traditionskette, und
nichts ist so neu, als dass es ohne das Alte in seinem vollen Sinn verstanden
würde. Es ist auch, insofern es neu ist, nicht besser, wahrer oder
reiner. Vorurteile dieser Art haben die Entfremdung vom jüdischen Volk
bewirkt, die in diesem Jahrhundert zur grössten antisemitischen Katastrophe
aller Zeiten führte.
Zu Recht haben deshalb gerade auch katholische Exegeten und Exegetinnen
in den vergangenen Jahren eine neue Sichtweise «des Alten» gefordert.
So wurde vorgeschlagen, von der hebräischen oder jüdischen Bibel zu sprechen, wenn vom Alten Testament die Rede ist, um damit den Eigenwert der alttestamentlichen Schriften herauszustreichen. Aber auch diese Begriffe sind defizitär, da sie nicht deutlich machen, dass der Kanon des Alten Testamentes der Kirchen mit demjenigen des Tenach der Synagoge nicht deckungsgleich ist. Der Münsteraner Alttestamentler Erich Zenger hat im Verlauf dieser Debatte die Kunstbezeichnung «Erstes Testament» eingeführt.<2> Sie soll deutlich machen, dass das Alte dem Neuen vorausgeht, Voraussetzung ist, und deshalb an erster Stelle steht, stehen muss. Das Erste Testament ist, seine mündliche Vorgeschichte miteingerechnet, in über tausend Jahren entstanden, das Neue in weniger als hundert. Wir haben es, literaturhistorisch betrachtet, beim Neuen oder Zweiten Testament mit einem Kommentar zum Alten oder Ersten zu tun, der nach wie vor Muttertext bleibt. Welche Bezeichnung wir auch immer wählen, um die Textsammlungen bzw. die Autorität, die sie für uns haben, zu bezeichnen, wir werden immer nur einzelnen Aspekten gerecht. Ich möchte an dieser Stelle auf einen Aspekt der Bezeichnungen Erstes und Zweites Testament hinweisen, der bislang, zumindest in der vorherrschenden patriarchalen Exegese, kaum berücksichtigt wurde, nämlich auf die Tatsache, dass mit diesen Bezeichnungen die Schriften in eine nach vorne hin offene Reihe gestellt werden.
Diese Offenheit nach vorne erweist sich heute als dringende Notwendigkeit.
Für die feministische Theologie sind die einengenden Grenzen des biblischen
Kanons und die daraus resultierende knechtende Autorität der Schrift
schon seit über hundert Jahren ein Thema. Kritische Bibelleserinnen
haben immer gemerkt, dass weibliche Realität im Rahmen der patriarchalen
biblischen Schriftsammlung nur sehr ungenügend zur Darstellung kommt,
ja dass es viele Texte gibt, die von Frauen unmöglich als Heilige Schrift
akzeptiert werden können. Viele Frauen lehnen deshalb die Beschäftigung
mit biblischen Texten als Teil der Heiligen Schrift rundweg ab. Andere haben
ein neues Verständnis von Heiligen Schriften entwickelt. Sie verstehen
darunter wahre und machtvolle Worte, die auf ganz besondere Weise ins gemeinsame
Leben von Personen und Gemeinschaften eingehen.
Einige Theologinnen haben sich inzwischen mit diesem neuen Konzept Heiliger
Schriften, die für sie eine ermächtigende Autorität haben,
auf den Weg gemacht, um die verlorenen oder unbekannten Schriften zu suchen.
Dabei stellte sich heraus, dass für Frauen sehr oft nicht Verschriftetes
oder in Worte Gefasstes die Qualität von «Heiligen Schriften»
hat.
Für die Bibeltheologin Elsa Tamez, die in Costa Rica lehrt, ist das
Leben der Frauen heiliger Text, der sich in ihren Körpern niedergeschlagen
hat. Der Körper kann nach allen Regeln der Grammatik gelesen werden
wie ein Text, und Gott kann sich in den darin lesbaren Leiderfahrungen,
Kämpfen, Freuden und Utopien offenbaren. Ebenso wenig wie jeder Text
heilig ist, trifft dies für ein ganzes Frauenleben zu. Für die
Transparenz des Heiligen gelten dieselben Regeln wie bei Texten. Ferner
können Text und Frau sich gegenseitig korrigieren und das Heilige verstärken.
Die in Cambridge MA lehrende christliche Sozialethikerin Joan M. Martin
liest Sklaven-/Sklavinnenerzählungen als heilige Texte. Die vor allem
zwischen 1703 und 1944 entstandenen Tagebücher, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel,
Kirchenbücher, persönlichen Briefe und Autobiographien versklavter
Männer und Frauen schildern die Sklaverei und den aus ihr herausführenden
Freiheitskampf aus der Sicht der Betroffenen. Es sind Zeugnisse vom machtvollen
Handeln des Geistes Gottes, der die Menschheit auch heute noch voranbringt.
Im Munde der einstigen Sklavin Sarah Ford: «Mein Gott, was da alles
passiert ist in der Sklavenzeit... so was passiert heute nicht mehr, weil
das helle Licht gekommen ist, und jetzt wirds nie mehr dunkel für uns
schwarze Leut.» Ganz ähnlich wie die Bibeltexte wurden auch die
Sklaven-/Sklavinnentexte von anderen aufgenommen, über Generationen
weiter vermittelt und schliesslich zu einer lebendigen Tradition, die angereichert
und je nach Situation angepasst werden konnte.
Das sind nur zwei Beispiele für «Heilige Texte», die ich
gerne unter dem Stichwort «Drittes Testament» zu den Schätzen
unseres Glaubens zählen möchte.<3>
Natürlich handelt es sich beim «Dritten Testament» nicht
um einen so allgemeinen, strengen Kanon von Texten wie bei den beiden ersten.
Das Wesen des «Dritten Testamentes» ist ja die Inkulturation
und damit seine lokale Besonderheit. Es ist nicht auf Texte fixiert, sondern
kann sich auch in Bildern, Gesängen, Tänzen usw. kundtun. Die
Heiligenfiguren in den untersten Registern der vollständig ausgemalten
orthodoxen Kirchen, auf der Höhe der Gläubigen, sind ein Beispiel
aus der Tradition für das Herabholen der Biblischen Heilsgeschichte
an die kirchliche Basis und in die Gegenwart hinein. Es geht also darum,
nach den für unseren Kultur- und Lebensraum relevanten «Heiligen
Texten» (Text in einem semiotisch umfassenden Sinn) zu suchen.
Dazu noch vermehrt Hinweise zu liefern, habe ich mir für das dritte
zu kommentierende Lesejahr vorgenommen.
Um die Verhältnisse der drei Testamente zueinander besser zu verstehen,
kann ein Bild hilfreich sein, das zumindest einige Aspekte des Themas nochmals
aufgreift. Das Erste Testament ist wie ein orientalischer Teppich, über
und über von wundervollen, vielfarbigen, sinnreich aufeinander bezogenen
Mustern und Motiven durchwirkt. An einigen Stellen ist er geflickt, an anderen
erkennt man eine Naht, die grössere Teile verbindet. Je länger
man den Teppich betrachtet, um so mehr dringt man ein ins Geheimnis der
Verwobenheiten zwischen Gott und Mensch, Kettfäden und Spannfäden.
Das Zweite Testament ist wie ein kräftiger Wind, der den Teppich emporhebt
und vom Heiligen Land, in dem er entstanden ist und dessen kulturelle Merkmale
er zeigt, hinausträgt zu allen Völkern und Nationen. Überall
wird der Teppich bewundert und immer wieder neu und etwas anders gedeutet,
je nach dem, was die Menschen in den Motiven zu erkennen vermögen.
Auf dem Teppich aber sitzt eine bunte, wilde Schar von Schiffbrüchigen,
Verwahrlosten und Verirrten, solchen, die in letzter Verzweiflung den Teppich
an seinen Fransen gepackt haben und aufgesprungen sind. Ihre Körper
erzählen Geschichten der Erniedrigung und des Missbrauchs. Einige tragen
die Mythen und Erzählungen ihres Volkes, die Weisungen ihrer Mütter,
die Ikonen ihrer Meister und die Gebete ihrer Gemeinschaft in sich.
Sie singen das Lied ihrer Rettung und preisen die Gottheit, die sie erlöste.
Diese Menschen mit ihren Körpern, Texten, Bildern und Liedern bilden
das Dritte Testament.
Der im Fach Altes Testament promovierte Thomas Staubli arbeitet als Theologe freiberuflich und als Doktorassistent an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg; mit seinen wöchentlichen Hinführungen zu den ersten Lesungen der Sonn- und Feiertage wird er uns ein drittes Lesejahr hindurch begleiten.
1 Das Projekt wurde kürzlich den versammelten Delegierten des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Villars-sur-Glâne vorgestellt.
2 Erich Zenger, Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen, Düsseldorf (Patmos) 41994.
3 Diese und weitere finden sich in dem sehr lesenswerten Heft «Die heiligen Schriften der Frauen», in: concilium 34 (3/1998).