45/1999 | |
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Leitartikel |
Das Leitwort des nächsten Weltgebetstages für Kirchliche Berufe
und zugleich das Jahresthema 2000 der Berufungspastoral «Eine
Tür verändert die Welt» will im vielfältigen
Angebot der Jubiläumsaktivitäten Jesus Christus Raum geben, der
auch heute Menschen in seine Nachfolge und in seinen Dienst ruft und beruft.
So widmeten der Verein und die Arbeitsstelle «Information Kirchliche
Berufe (IKB)» ihre Jahrestagung dem Thema «ÐIch bin die
Türð in das dritte Jahrtausend», das in vier Schritten
entfaltet wurde.
«Ich bin die Tür... ich bin gekommen, damit sie das Leben haben
und es in Fülle haben» (Joh 10,910). Mit diesem ersten Akzent
der Tagung unterstrichen Oswald Krienbühl und Amanda Ehrler von der
Arbeitsstelle, dass die Einladung an alle ergeht, bei Jesus Christus wie
durch eine Tür ein- und auszugehen. In solchem Ein- und Ausgehen wachse
«mystische Kirche», werde Sehnsucht nach Leben in Fülle
geweckt und könnten Berufungen zur Entfaltung gebracht werden. Dazu
brauche es aber umsichtige Geburtshelfer und Geburtshelferinnen sprich:
Dienste , da die Tür zum «Leben in Fülle» wie
die niedere Tür zur Geburtskirche von Bethlehem oder die Heilige Pforte
eng und klein sei.
Im nächsten Schritt entwickelte Walter Kirchschläger, Professor
für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät
Luzern als zweiten Akzent: «Gott spricht verbindlich, Gottes Wort
fordert uns.» Die Bibel bezeugt einen Kommunikationsprozess zwischen
dem sich offenbarenden Gott und den im Glauben antwortenden Menschen; die
verbindliche Botschaft Gottes ist Jesus selbst. So ist auch christliches
Leben als dialogischer Prozess zu verstehen; gleichzeitig ist es ein gemeinschaftliches
Unterfangen. An Hand der in den Evangelien erzählten vielfältigen
Berufungsgeschichten zeigte Walter Kirchschläger auf, dass «Berufung»
eine vielschichtige Wirklichkeit ist.
Von den Berufungsgeschichten aus entwickelte Walter Kirchschläger Gedanken
zur Berufungspastoral heute und setzte damit den dritten Akzent: «Gott
beruft auch heute wie gehen wir damit um?» Die menschliche «Antwort»
auf Gottes Initiative, auf seine Berufung, ist die Nachfolge: «Hinter
Jesus stehen und (analog den Rabbinenschülern) immer einen Schritt
hinter ihm gehen, um von seinen Worten und Taten zu lernen.» In Bezug
auf die konkreten Umsetzungsformen von Nachfolge unterscheidet Walter Kirchschläger
zwischen «radikaler» und «ideeller» Umsetzung. Umsetzung
in «radikaler» Art erfolgte bei jenen, die Jesus auf seinen
Verkündigungswanderungen durch Galiläa begleitet haben (die Zwölf,
die Frauengruppe, andere Jünger und Jüngerinnen). Die ideelle
Umsetzung meint Menschen, die nach Jesu Vorbild leben und handeln und sich
in verschiedener Weise für seine Verkündigung engagieren. Für
beide Formen, deren Grenzen vermutlich fliessend waren, ist die personale
Orientierung an Jesus entscheidend. Denn «Nachfolge ist kein Sach-,
sondern ein Beziehungsbegriff und -vollzug». Jesu Ziel war der Aufbau
einer Gesinnungsgemeinschaft mit einer personalen Mitte, nämlich Jesus
selbst, und einer inhaltlichen Mitte, nämlich die Königsherrschaft
Gottes.
Von dieser Grundlegung her richtete Walter Kirchschläger unter der
Rücksicht «Berufung und Nachfolge in der christlichen Gemeinde»
den Blick ins Heute, leitete aus dem neutestamentlichen Befund Folgerungen
für heute ab. Auf der individuellen Ebene sind zum ersten Berufung
und Nachfolge Grundmerkmale jeder christlichen Existenz; beides entspricht
der inneren Logik des Kommunikationsprozesses zwischen Gott und den Menschen.
Daraus ergibt sich das Postulat, eine «Atmosphäre» wiederzubeleben,
in der dieser Prozess ablaufen bzw. gelingen kann. Zum zweiten ist in der
Jesusgemeinschaft nicht die wörtliche Umsetzungsform entscheidend,
sondern das Greifen der in der Metapher ausgedrückten Dimension von
Nachfolge. Heute «gefragt ist deshalb der Aufbau der personalen Beziehung
zu Jesus Christus. Die Form der Umsetzung ergibt sich als notwendige Konsequenz
in der vom einzelnen Menschen zu verantwortenden Weise». Das Hören
auf Berufung und die Umsetzung von Nachfolge erfordern auf der gemeinschaftlichen
Ebene, innerhalb der Jesusgemeinschaft, das Vorbild und die Orientierung
an Jesus. Deshalb muss die Gemeinde auch heute in der ernst genommenen und
authentischen Umsetzung des Beispiels Jesu Zeugnis geben. Die Gemeinschaft
um Jesus war eine Lebens- und Dienstgemeinschaft, eine Gemeinschaft des
Charismas der Bezeugung der Botschaft Jesu und eine Hoffnungsgemeinschaft
hinsichtlich der Umsetzung der Königsherrschaft Gottes.<1>
Eine Berufung zum Dienst in der Kirche heute kann auch nur in einer solchen
Gemeinschaft bzw. Gemeinde wachsen und sich darin im Blick auf die Notwendigkeit
der Kirche entfalten.
Mit Gedanken und Impulsen zum Thema «Die Tür zum Leben in Fülle»
setzte der Dominikaner Franz Müller als vierten Akzent der Tagung:
«ÐIch bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle
habenð Seelsorge ist Berufungspastoral.» Einleitend erklärte
Franz Müller seine Schwierigkeiten mit dem Bild von der Tür; so
erscheint im Grimm-Märchen vom Marienkind dem Menschen der Zugang zu
Gott versagt. Mit biblischen und liturgischen Reminiszenzen zeigte der Dominikaner
dagegen auf, dass der Gott Jesu Christi «ein Gott der offenen Türen»
ist. Denn Jesus ist die Tür, die Gott selbst aufgetan hat, damit wir
durch sie in das Geheimnis Gottes eingehen können. Im Adventslied «O
Heiland, reiss die Himmel auf...» ist der Himmel nicht verschlossen;
wenn schon, verschliessen sich die Menschen selbst dem Himmel. In der 4.
OAntiphon ist Jesus der Schlüssel Davids nicht um abzuschliessen,
sondern um zu öffnen, zu befreien: nichts kann uns scheiden von der
Liebe Gottes (Röm 8,3539). Die enge Tür zum Reich Gottes
(Lk 13,2224; Lk 11,52) wie die niedere Tür von Bethlehem schliessen
nicht aus, sondern schützen den Innenraum. Es gibt keinen Zugang für
Ross und Wagen, alle haben sich zu bücken. Jesus, entwickelte Franz
Müller den Gedanken weiter, ist Tür zu Gott wie zu erfülltem
Menschsein. In Jesus hat Gott uns in seiner uns liebenswürdig
machenden Liebe zuerst geliebt und so zur Liebe befreit. Das ist zum
einen die Grundberufung, die mit dem Menschsein gegeben ist, und zum andern
der Grundauftrag der Kirche: Uns wurde der Zugang zum wahren, echten Menschsein
eröffnet, und weil wir uns so als Geliebte vorfinden, sind wir auch
fähig zu lieben, und darin die Erfüllung zu finden, das Leben
in Fülle.
Weil jeder Mensch ein Berufener ist, gilt es, diesen Ruf zu hören und
den Namen, bei dem ihn Gott gerufen hat, so dass Seelsorge als Berufungspastoral
verstanden werden kann. Denn der Grundauftrag der Kirche besteht darin,
die Erfahrung der Geborgenheit in Gott zu erschliessen und zu benennen.
Das kann aber nur, wer selber im Geheimnis Gottes lebt. Mit der mystischen
Tradition hält Franz Müller dafür, dass eine Voraussetzung
dazu ist, «sich Zeit zu nehmen, um sich Gott auszusetzen»: Mystiker/Mystikerinnen
statt Macher/Macherinnen brauche es in der Seelsorge. «Menschen zur
Begegnung mit Jesus zu führen ist unsere Aufgabe; was dann geschieht,
ist nicht mehr unsere Sache.» Kirche erscheint so als Ort, an dem
Mystik praktiziert wird; und die besonderen Dienste in der Kirche sind Hilfsdienste
zur Auferbauung der Gemeinschaft, der Gemeinde.<2>
Abschliessend lud Franz Müller ein, selbstkritisch zu fragen: Was wünschen
wir, wenn wir um Berufungen beten? Um Berufungen, mit denen wir rissige
Strukturen notdürftig ausbessern können, damit wir uns nicht ändern
müssen?<3>
1 Kirche als Glaubensgemeinschaft (1 Kor 1,2), als Beziehungsgemeinschaft (Joh 17,2122), als Liebes- und Dienstgemeinschaft (Joh 13,34. 1315; Mk 10,4344), als Gemeinschaft aufrechten Ganges (Gal 2,11; Apg 5,29), als geschwisterliche Gemeinschaft (Röm 8,1415; Gal 3,2628), als das Heil Gottes feiernde Gemeinschaft (Mk 6,613; Apg 3,6), als eschatologisch ausgerichtete Hoffnungsgemeinschaft (Phil 3,20; 1 Kor 13,12), als missionarische Gemeinschaft (Mt 28,1620; 5,1314).
2 Unter «Mystik praktizieren» versteht Franz Müller eine in der Art von Walter Kirchschläger charakterisierte lebendige Kirche (Anm. 1).
3 Die Tagung schloss mit Kurzberichten der von den Bistümern, Orden und Gemeinschaften ernannten Verantwortlichen für die Berufungspastoral. Die nächste Tagung findet am 29./30. September 2000 voraussichtlich zum Thema «Kirche: Gemeinschaft der Berufenen» statt.