44/1999 | |
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Leitartikel |
In der «Hitparade» der Sorgen, zu der die Schweizer Bevölkerung
regelmässig befragt wird, liegen Asylpolitik, Flüchtlinge und
Migration seit Jahren immer auf den vorderen Rängen. Diese Themen waren
auch in den Kampagnen zu den eidgenössischen Wahlen, die wenige Tage
hinter uns liegen, Streitpunkte und Markierungsprofile, an denen keine Partei,
keine Kandidatin und kein Kandidat vorbeikamen. In den Wahlkämpfen
zeigte sich, wie schwer sich Politikerinnen und Politiker mit den «heissen
Eisen» der politischen Realität tun. Deutlich wurde, dass Schlagworte
nicht genügen und einfache Rezepte nicht möglich sind. Häufig
wurde die Frage nach der Realisierbarkeit von vorgeschlagenen Massnahmen
gestellt und diskutiert. Kritisch hinterfragt wurden Behauptungen, die Einzelfälle
auf ganze Bevölkerungsteile bezogen und negatives Verhalten von Minderheiten
unbesehen auf ethnische Gruppen projizierten.
Klar wurde aber auch, dass das neue Parlament in diesen Themen gefordert
ist, nicht mit neuen Gesetzen, sondern mit einer überzeugenderen Politik.
Die Zeit der Parolen und der lauten Worte ist vorbei; gefragt ist das ehrliche
Handeln im Wissen darum, dass die oft beschworene Migrationspolitik nicht
ein abstraktes Modell ist, sondern dass sie immer Menschen trifft, und zwar
nicht nur die «Fremden», sondern auch die Einheimischen. Alle
Bewohnerinnen und Bewohner unseres Landes sind von den Entscheiden des Parlaments
in diesem Bereich betroffen. Allzu leicht geht in der politischen und rechtlichen
Diskussion der Mensch vergessen.
Um so mehr ist die Kirche gefordert, sich für Einheimische und Fremde
einzusetzen. Sie ist wie Papst Paul VI. vor der UNO-Versammlung in
New York sagte «Expertin in Migration». Damit weist er
unter anderem darauf hin, dass in der Neuzeit mit den Emigranten auch Priester
ihre Heimat verliessen, um den Gläubigen in der Fremde nahe zu sein;
er macht aber auch deutlich, dass sich die Kirche immer mit der Frage der
Fremden in den eigenen örtlichen Gemeinschaften auseinandersetzen musste,
und zwar seit ihren Anfängen.
Bereits die junge Kirche in Jerusalem machte die Erfahrung mit jenen, die
aus einem andern Kulturkreis stammen: In der Pfingstpredigt des Petrus verstehen
alle Anwesenden in ihrer Sprache die Frohe Botschaft (vgl. Apg 2,1436);
die Bestimmung von Diakonen regelt die Beziehung zwischen «Hellenisten»
und «Hebräern», die zwar alle der gleichen Gemeinde angehören,
aber offenbar zunächst unterschiedlich behandelt werden (vgl. Apg 6,17);
beim Apostelkonzil in Jerusalem wird die Frage der Zugehörigkeit von
Gläubigen verschiedener Herkunft geklärt, wobei offensichtlich
Paulus, der selber der späteren Generation einer Emigrantenfamilie
angehörte und das Doppelbürgerrecht als Jude und Römer besass,
bei der Suche nach einer Lösung eine wesentliche Rolle spielte (vgl.
Apg 15,135). Zudem breitete sich die Gemeinschaft der Glaubenden aus
durch Männer und Frauen, die ihre Heimat verliessen, um anderen Völkern
und Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden.
Die Auseinandersetzung mit dem Fremden innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft
ist somit nicht eine «Angelegenheit» von heute; sie ist weder
typisch für unsere Zeit noch einzigartig in der Gegenwart. Die gleichberechtigte
Teilnahme am Leben der Ortskirche ist ein ständiges Thema, das sich
durch die Kirchengeschichte seit der Zeit der Urgemeinde bis in unsere Tage
zieht. Immer wieder mussten sich die Kirchen am Ort, aber auch Synoden und
Konzilien konkret mit dieser Herausforderung an die Gläubigen befassen
oft in kontroversen Auseinandersetzungen. Niemals ist die Lösung
leicht gefunden worden. In Pflicht genommen sind sowohl die Einheimischen
wie die Fremden.
Heute geht es aber nicht mehr allein um die Frage der Zugehörigkeit
und um die Rechte und Pflichten der Fremden innerhalb der Gemeinden, sondern
auch um die Haltung gegenüber jenen Immigranten, die nicht zur Gemeinschaft
der Getauften gehören. Der «Dialog des Alltags» zwischen
den Angehörigen verschiedener Religionen ist zu einer Notwendigkeit
für die Zukunft unseres Landes geworden.
Diese Fragen beschäftigen gegenwärtig die Menschen in unserem
Land. Nimmt die Kirche den Sorgenbarometer der Gläubigen ernst
auch für ihre eigenen Gemeinschaften? Gibt sie ihre eigene Meinung
noch bekannt oder ist ihre Stimme zu einem leisen Flüstern geworden?
Ist die Kirche ein Zeichen der gelebten Gemeinschaft zwischen Menschen verschiedener
Herkunft?
Mit Verlautbarungen der Bischöfe und mit dem Schlagwort «In der
Kirche ist niemand Ausländer» ist den Anliegen nicht Genüge
getan. Vielmehr sind konkrete Antworten in den Pfarreien gefordert, wie
sie im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder nötig wurden.
...ist das Motto zum diesjährigen «Tag der Völker». Er nimmt den Gedanken der Einheit der Glaubenden in der Verschiedenheit der Ausdrucksweise des Glaubens auf. Das Apostelkonzil in Jerusalem kann Weisung sein, wie eine Lösung für das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft in den Pfarreien gefunden werden kann:
Im Wort der Bischöfe zum «Tag der Völker» ist dieser
Leitgedanke enthalten:
«Es gehört zum Wesen unserer Kirche, dass ihr Menschen aus verschiedenen
Völkern angehören. Die Einheit im Glauben bedeutet nicht Uniformität.
Die Einheit respektiert die Unterschiedlichkeit und schätzt den Reichtum
der Vielfalt. Grund für die Einheit der Kirche ist die Taufe und das
gemeinsame Bekenntnis zu Gott, dem Vater aller Menschen und Völker.»
Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär der Schweizerischen Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Ausländerfragen (SKAF).