43/1999

INHALT

Leitartikel

"... auch das war genug"

von Silvia Strahm Bernet

 

Bert Brecht hat einst eine sarkastische Bemerkung zur Kirche gemacht; er vergleicht sie mit einem Zirkus für die Massen, auf dessen Plakaten aussen Dinge versprochen werden, die es innen nicht gibt. So oder ähnlich hat er es formuliert. Dem in dieser Ausgabe (S. 592) veröffentlichten Gespräch zur Seelsorgesituation im Dekanat Bern-Stadt ist, neben anderem, zu entnehmen: Einiges an dieser Wahrnehmung, denkt man sich den Zirkus weg, ist nicht so weit entfernt von der selbstkritischen Innenansicht kirchlicher Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen ­ Etikettenschwindel etwa wird vermutet, wenn dem Wandel, der sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat, nicht so recht getraut wird und hinter einigem nicht neues Denken, sondern PR-Strategie vermutet wird.
Viele spannende Fragen werden in diesem Gespräch skizziert, die Leser/Leserinnen werden an verschiedenen Stellen einhacken, ich bin vor allem bei der Frage nach dem «Kerngeschäft» hängen geblieben ­ hier verdichtet sich so manches, was Leute umtreibt, die heute (noch) in den Kirchen nach der kirchlichen, aber immer mehr auch der persönlichen Zukunftsfähigkeit ihrer Arbeit in den Kirchen fragen.
Man wird den Eindruck nicht ganz los, die Kirche sei eine alternde Diva, die nicht realisieren will, dass die Zeit, in der sie in den westlichen Gesellschaften Erfolge feiern konnte, längst vorbei ist. Sie schminkt sich tapfer, versucht das Erschlaffte zu kaschieren und die Welt weiterhin als Bühne zu betrachten, die auf sie nicht verzichten kann. Dass die Konkurrenz gross ist, weiss sie zwar, glaubt aber nach wie vor an Erfahrung und erworbenes Wissen, das sich den Moden auf die Dauer widersetzen wird. Ist das lächerlich? Oder gibt es auch eine Würde im Scheitern?
So kann einem Kirche begegnen. Von aussen. Innen sieht es wiederum etwas anders aus ­ da ist viel Leben, Experiment, Phantasie, aber auch Einsicht ins Unabänderliche. Scheitern mag man es sicher nicht gerne nennen, und von einer Niederlage auszugehen, ist möglicherweise zu kurzsichtig gedacht, und doch nehmen auch die im Innern der Kirche umtriebig Arbeitenden an Kraft ab. Es ist auf die Dauer schwierig, in einer Welt, die sich als Markt versteht, an einem Stand auszuharren, an dem die Mehrheit der Leute vorbeigeht.
Man kann natürlich sagen: Wir verkaufen nichts, wir vermarkten kein Produkt, wir werden uns weder dieser Realität noch dieser Sprache beugen ­ man kann weiterhin (offiziell) grossartige Theologien vertreten, durchdacht, sprachlich präzise ­ aber Dolmetscher gibt es keine mehr, und immer weniger Leute, die diese Art Fremdsprache lernen wollen, geschweige denn wissen, wozu man sie brauchen kann.
Die kirchlichen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen, sie versuchen in der Regel das zu tun, was jetzt Not tut. Dazu sind oft akrobatische Fähigkeiten nötig: über den eigenen Schatten springen, einen Spagat machen zwischen dem, was man sich einmal unter christlicher Verkündigung und Praxis vorgestellt hat, und dem, was die Leute, die (noch) da sind, wollen. Dazu gehört auch die eine und andere Pirouette, denn die Leute gibt es nicht, nur ganz verschiedene Ansprüche, Vorstellungen, Interessen und Bedürfnisse. Manchmal kriegt man nichts richtig hin ­ grossartige Pläne, opulent wie ein barocker Kirchenbau, aber eine armselig möblierte Realität. Dass sie aber, alle an verschiedenen Stellen, nach wie vor trainieren und Luftsprünge wagen, verdient Respekt, denn da ist viel Substanz, Geduld und Sorgfalt hineingemischt, und manchmal reicht es auch zu einer beeindruckenden Kür.
Und dennoch: Auch wenn sie ihr Bestes geben ­ die Probleme bleiben. Die Signale, auf die sie reagieren müssen, sind zu widersprüchlich, zu vielfältig und zu wandelbar. Nur eines, das lässt sich festhalten: Die Menschen sind in ihrer Mehrzahl Kunden geworden, auch in den Kirchen, und die Kirchen Dienstleistungsbetriebe ­ wie jeder Betrieb werden sie jetzt aufgrund ihres Angebotes beurteilt, genutzt oder übersehen. Was die Kirchenkunden brauchen, wird nicht von Priestern, Pastoralassistentinnen, Bischöfen oder einem Lehramt bestimmt, sondern auf dem Markt ausgehandelt ­ sagen die Marketingfachleute. Mit ihrem Verhalten, heisst es weiter, stimmen die Leute über Ideen und Ziele ab, und wenn sie die Angebote der Kirchen dabei ignorieren, dann ist das nicht ihr Fehler, sondern jener der Kirchen. Dann wurde nicht ausreichend verstanden, sie zu erreichen, zu kommunizieren, was am eigenen Angebot wichtig ist und nirgends sonst zu bekommen.
Kirchliches unter Marketingaspekten zu betrachten, verletzt viele ­ lange hat man sich als etwas ganz Besonderes gefühlt, mit nichts vergleichbar, und jetzt wird man behandelt wie eine x-beliebige Firma. Das schmerzt, aber kaum mehr gebraucht zu werden auch.
Für den kirchlichen Alltag nutzen diese Einsichten wenig ­ man kann nicht einfach Stopp sagen, alles anhalten und nachdenken, man muss weiterfahren, weil nur steuern kann, wer auch fährt. Aber über die Richtung kann man sich sehr wohl unterhalten und auch über das, was man transportieren will. Nichts anderes meint die Rede vom Kerngeschäft: sich nicht in tausend Richtungen bewegen, sondern ein paar Dinge wirklich gut tun und sich damit ein unverwechselbares Profil geben. Das stellt grosse Anforderungen an die Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen und an die Entscheidungsträger, setzt gegenseitiges Vertrauen voraus und Freiräume in der Umsetzung, aber in erster Linie einen wachen Sinn für das, was die Leute zu berühren weiss. Dann aber kann man ruhig selbstbewusster herausstreichen, was man an Wertvollem birgt. Dass man Schätze hat, dass da manches funkelt, auch wenn keiner mehr so recht hinsehen mag, muss genügen, um den Kopf oben zu behalten. Und der Rest ist Experiment, Streiten um Ressourcen und wo sie hingehören, neugierig bleiben und sich auf die eigenen Traditionen besinnen, die immer von der grossen Reise und dem langen Weg gesprochen haben und eigentlich zur einfachen Einsicht verführen könnten, dass man mit möglichst wenig reisen sollte, um sich nicht zu erschöpfen, und dass manchmal auch das Wenige genügt. Oder mit den Worten einer chassidischen Geschichte:
«Wenn der Bescht vor einer schwierigen Aufgabe stand, ging er an einen bestimmten Platz im Wald, zündete ein Feuer an und versenkte sich ins Gebet, und was er zu tun beschlossen, das geschah. Als eine Generation später sein Lieblingsschüler ... sich einer ähnlichen Aufgabe gegenüber sah, ging er an denselben Ort im Wald und sagte: ÐIch vermag zwar das Feuer nicht mehr zu entzünden, aber ich kenne das geheime Gebetð, und was er zu tun wünschte, ward Wirklichkeit. Wieder eine Generation später hatte Mosche Löb von Sasow mit einem ähnlichen Fall zu tun. Auch er ging in den Wald; dort sprach er: ÐIch kann das Feuer nicht mehr entzünden, ich kenne das Gebet nicht mehr, aber ich kenne den Platz, den meine Vorväter gewählt haben, und das muss genug sein.ð Und es war genug. Aber als dann noch eine neue Generation kam und der Zaddik Israel von Rischin vor der gleichen Aufgabe stand, da setzte er sich ... und sagte: ÐIch kann das Feuer nicht mehr entzünden, ich weiss das Gebet nicht mehr, und ich kenne den Platz im Wald nicht mehr, aber ich kann die Geschichte erzählen, wie das alles sich einst zugetragen hat.ð Und auch das war genug.»

 

Silvia Strahm Bernet ist freiberuflich arbeitende Theologin.


Spätmittelalterliches Bern

Bei der Sanierung der Berner Münsterplattform stiess der kantonale Archäologische Dienst in 14 Metern Tiefe auf Hunderte von Fragmenten spätmittelalterlicher Heiligenfiguren. Diese waren im reformatorischen Bildersturm zerschlagen und als Füllschutt verwendet worden. Nach der Konservierungsarbeit wird zur Zeit im Bernischen Historischen Museum für diesen bedeutenden Skulpturenfund ein eigener Ausstellungssaal bezugsbereit gemacht. Ein Teil der Skulpturen ist in einer provisorischen Werkstattschau erstmals öffentlich zugänglich. (Bis 30. Januar 2000, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.)

Redaktion


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