40/1999 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Im Laufe eines Jahres gibt es immer wieder eine Gelegenheit, auf das
Heilige Land zu blicken und ein Problem, das seine Menschen beschäftigt,
näher zu betrachten. Im Herbst ist dies jeweils die Jahresversammlung
des Schweizerischen Heiligland-Vereins (SHLV) und seine jährliche Sammelaktion.
1901 als «Verein schweizerischer Jerusalempilger» gegründet,
unterstützt der SHLV heute in den Ursprungsländern des Christentums
vorrangig Projekte aus den Bereichen Bildung, Gesundheit und Sozialhilfe.
Die Mitgliederzeitschrift «Heiliges Land» orientiert viermal
jährlich über diese Projektarbeit. Ferner betreut der SHLV treuhänderisch
den Teil des jährlichen Karfreitags- bzw. Karwochenopfers, den die
Schweizer Bischofskonferenz zuteilen kann.
Zur Jahresversammlung wird jeweils eine Persönlichkeit eingeladen,
die ein Problem darlegt, das sie aus eigenem Erleben kennt, oder die von
einem kirchlichen Arbeitsfeld erzählt, in dem sie selber tätig
ist. Dieses Jahr war der Direktor der Forschungsstelle für den christlich-muslimischen
Dialog im libanesischen Harissa, P. Joseph Maalouf, Gast des SHLV. Diese
Forschungsstelle ist der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Paulisten,
dem Institut Saint Paul de Philosophie et de Théologie angegliedert.
P. Joseph Maalouf legte die Schwierigkeiten, aber auch die hoffnungsvollen
Neuansätze des christlich-muslimischen Dialogs im Libanon dar, worüber
in dieser Ausgabe der SKZ eingehender berichtet wird. Um die vielfältige
Dialogarbeit der Forschungsstelle der Paulisten zu unterstützen, sammelt
der SHLV diesen Herbst gezielt für diese Einrichtung.
Nicht nur ins Heilige Land, sondern in den ganzen Orient blickt das 1924
gegründete internationale und schweizerische katholische Ostkirchenwerk
«Catholica Unio (CU)», das in diesem Jahr also sein 75-jähriges
Bestehen feiern kann. Sein ursprünglicher Zweck war «die Wiedervereinigung
des Morgenlandes mit der Katholischen Kirche». Nach dem vom Zweiten
Vatikanischen Konzil gutgeheissenen Lernprozess bezweckt «Catholica
Unio» heute «die Förderung des Interesses für die
östlichen Kirchen, der katholischen wie auch der nichtkatholischen,
das Kennenlernen ihrer Eigenarten und Probleme sowie deren gegenseitige
Annäherung» sowie «die Unterstützung religiöser
und karitativer Werke ostkirchlicher Gemeinschaften».<1>
Ein drittes im Raum der östlichen Christenheit tätiges Hilfswerk,
der in Luzern domizilierte, schweizerisch geführte, aber international
abgestützte Verein Kinderhilfe Bethlehem (VKHB), trägt namentlich
das Caritas Baby Hospital in Bethlehem. Neben Einzelspenden steht diesem
Werk die von der Schweizer Bischofskonferenz verordnete jährliche Kollekte
der Mitternachtsmesse von Weihnachten, das «Mitternachtsopfer»,
zur Verfügung. Alle diese Werke arbeiten untereinander und international
im Rahmen der vatikanischen ROACO (Riunione delle Opere per l'Aiuto alle
Chiese Orientali) zusammen.
Neben diesen spezialisierten katholischen Hilfswerken gibt es im Heiligen
Land Projekte grosser wie kleinerer Hilfswerke, aber auch Projekte, die
von einzelnen Pfarreien oder Orden oder auch von kleinen Gruppen oder Einzelnen
getragen und verantwortet werden. Zudem gibt es Schweizer Zweige oder Niederlassungen
von international verorteten Hilfsorganisationen wie das in Königstein
domizilierte Werk «Kirche in Not/Ostpriesterhilfe», dem seit
dem vergangenen 6. Oktober der Schweizer Theologe Hans-Peter Röthlin
vorsteht. «Kirche in Not» will dort helfen, wo Kirche in Not
ist, wo Ortskirchen verfolgt, behindert oder unterdrückt werden oder
wirtschaftlich schwach sind. So machte «Kirche in Not» unlängst
an einer Pressekonferenz in Zürich vor allem auf die religiös
bedingte Benachteiligung der christlichen Minderheiten in der islamischen
Welt aufmerksam: «Wo immer die Scharia, das koranische Gesetz, als
Grundlage des öffentlichen Rechts dient, sind die Christen benachteiligt»
(Stephan J. Koster). Allerdings ist die Situation in der islamischen Welt
sehr unterschiedlich, umfasst diese Welt heute nicht nur den Nahen Osten,
sondern auch grosse Teile Nord- und Zentralafrikas sowie Zentral- und Südostasiens.
Im Nahen Osten ist die Lage der Christen besonders kompliziert, weil hier
Christen aller Kirchen, die ihren Ursprung in den Kirchenspaltungen des
ersten Jahrtausends haben, nebeneinander und miteinander leben. Deshalb
will sich «Kirche in Not» im Heiligen Land besonders auch Projekten
widmen, die der Einheit bzw. der Wiederherstellung der Kirchengemeinschaft
der alten Kirchen dienen und damit die Überlebenschancen der Christen
in ihrer Heimat erheblich vergrössern.<2>
1 Eine Geschichte der «Catholica Unio» wurde noch nicht geschrieben; anlässlich des Jubiläums hat der Generalsekretär der «Catholica Unio Internationalis» eine Forschungsskizze entworfen und in der Zeitschrift «Der Christliche Osten» publiziert (Iso Baumer, Catholica Unio Internationalis 19241999. 75 Jahre im Rahmen der Beziehungen der römisch-katholischen Kirche zu den Kirchen des Ostens, in: Der Christliche Osten 54 [1999] Heft 1, S. 4049). Diese Zeitschrift dient den gleichen Anliegen wie die Vereine der «Catholica Unio» und kann in der Schweiz bei der Geschäftsstelle der CU (Wesemlinstrasse 2, Postfach 6280, 6000 Luzern 6, Telefon 041-4205788, Fax 041-4203250) bestellt werden.
2 Eine neuere Entwicklung sind christliche Hilfswerke mit einer interkonfessionellen bzw. ökumenischen Trägerschaft. Für den Bereich der Osthilfe gehört dazu namentlich der Verein «Glaube in der 2. Welt (G2W)», dessen Institut sowohl Informationsarbeit leistet als auch Hilfsprojekte durchführt bzw. unterstützt.
Der Schweizerische Heiligland-Verein (SHLV) stellt seine Herbstaktion in den Dienst des christlich-muslimischen Dialogs, denn ihr Ertrag wird dem Dialoginstitut der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Paulisten in Harissa (Libanon) zugute kommen. Deshalb hat an der diesjährigen Generalversammlung des SHLV der Direktor dieser Forschungsstelle, P. Joseph Maalouf, über die Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen im Libanon gesprochen.
Aufgrund der Erfahrungen im Libanon plädierte P. Joseph Maalouf
für eine ethische Zusammenarbeit. Der christlich-muslimische Dialog
ist als Auseinandersetzung über Fragen der Glaubenslehre im Libanon
in eine Sackgasse geraten. Denn in den letzten Jahrzehnten hat er sich nicht
zu einem echten Dialog entwickelt, sondern ist zu Polemik und Apologie entartet.
Nach dem Bürgerkrieg hat die Bischofssynode für den Libanon denn
auch für die christlich-muslimischen Beziehungen das menschliche Miteinander,
die «convivialité», in den Vordergrund gestellt.
In einem ersten Teil zeigte P. Joseph Maalouf auf, weshalb der Dialog über
dogmatische Fragen zum Misserfolg führen musste. Mehrere christliche
Autoren haben nämlich bei ihrer Beschäftigung mit dem Koran und
mit dem Islam eine Strategie der «Aufhebung» des anderen verfolgt.
So hat Al-Oustaz al-Haddad in einer ganzen Buchreihe nachzuweisen versucht,
dass der Koran in der judenchristlichen Bewegung der Nazaräer entstanden
sei. Der Islam des Korans wäre demnach der Islam der Nazaräer
und eigentlich die endgültige Bestätigung des Judenchristentums
gegen das Judentum. In einer äusserst heftigen Reaktion wirft Mouhammad
Izzat Darwaza diesem Autor vor, sich mit seiner Darstellung in die Reihe
der Kreuzzüge und des Neokolonialismus zu stellen.
Ein anderer christlicher Autor, Abou Moussa al-Hariri, behauptet, Mouhammad
habe einer anderen judenchristlichen Gruppe angehört, den Ebioniten,
die in Arabien in der Tat verbreitet war. Auch ihm wurde von muslimischer
Seite mit einem Gegenangriff geantwortet. So stellt sich die Frage: «Ist
ein Weg theologisch verantwortbar, der es Christen wie Andersgläubigen
gestattet, die Wahrheit der je anderen Religionen zu akzeptieren, ohne die
Wahrheit der eigenen Religion, und hiemit die eigene Identität, preiszugeben?»
Auf der anderen Seite verfolgen muslimische Kritiker des Christentums eine
«Umarmungsstrategie» ohne Ausweg. Bei praktisch allen Autoren
kehren in polemischer und apologetischer Absicht als kritische Punkte wieder:
die bereits vom Koran bestrittene Göttlichkeit Jesu Christi, die Dreifaltigkeit,
die Kreuzigung, die Theologie des Paulus, die Kirche als Institution, die
widersprüchlichen Evangelien, die Überholung und Aufhebung des
Evangeliums durch den Koran.
Fragen der Glaubenslehre sind von Bedeutung und eine kritische Beschäftigung
mit den religiösen Texten bleibt wichtig; dennoch muss man einen anderen
Weg finden als den dogmatischen «Dialog», weil dieser in eine
Sackgasse geführt hat. Das Christentum wie der Islam beziehen ihre
Werte auf den Menschen und auf jeden Menschen. Deshalb plädierte P.
Joseph Maalouf im zweiten Teil seines Vortrags für eine religiöse
Ethik, die sich in den Dienst des Menschen stellt.
Für eine Zukunft in menschlichem Miteinander, in «convivialité»,
und in Solidarität sprachen sich bereits muslimische wie christliche
Autoren aus. So setzte sich der verstorbene sunnitische Mufti des Libanon,
Hassan Khaled, für ein Miteinander auf der Grundlage des gemeinsamen
Ursprungs und der Werte der Toleranz ein. Und Mouhammad Houssain Fadlallah
schlägt vor, sich vom Evangelium wie vom Koran her über eine ethische
Form zu verständigen. Scheich Mouhammad Mahdi Chams el-Din schlägt
einen Dialog vor, der Gemeinsamkeiten in Fragen nach dem Menschen, der Gesellschaft
und der Zivilisation erheben soll. Und schliesslich zeigte ein Fachgespräch
über «Die Werte in der Erziehung und in den Medien», das
zwölf religiöse Institute und Fakultäten 1998 bei der Unesco
in Beirut durchgeführt hatten, dass das Bewusstsien von Christen wie
Muslimen für die Notwendigkeit gewachsen ist, im Blick auf ein friedliches
Zusammenleben zusammenzuarbeiten.
Auf christlicher Seite erinnerte der Referent an den Aufruf des Zweiten
Vatikanischen Konzils zu gegenseitigem Verstehen und an den dritten gemeinsamen
Hirtenbrief der katholischen Patriarchen des Orients. Dieser rief die Katholiken
dazu auf und lud die Muslime dazu ein, bei den anderen das Positive zu suchen,
das zu suchen, was für ein Miteinander hilfreich sein kann. Einen wichtigen
Beitrag zu einer ethischen Zusammenarbeit leiste auf christlicher Seite
schliesslich die Buchreihe, die die Forschungsstelle für den christlich-muslimischen
Dialog in Harissa (C.E.R.D.I.C.) herausgibt. Bereits im ersten Buch schlug
Adel Theodor Khouri vor, die Christen sollen den Muslimen, und die Muslime
den Christen, eine umfassende Versöhnung anbieten.
Diese Versöhnungsarbeit in Form eines neuen Dialogs begann im Libanon noch während des Bürgerkrieges; heute bemühen sich vier Dialogzentren<1> darum, Widerstände zwischen Christen und Muslimen zu überwinden und Vorurteile der Vergangenheit abzutragen. Christen und Muslime können trotz der dogmatischen, symbolischen und sogar politischen Unterschiede gemeinsam die gemeinsamen Werte fördern, die die Grundlage zu einem besseren Verstehen bilden. Solche gemeinsamen Werte erörterte P. Joseph Maalouf im dritten Teil seines Vortrags, wobei er sich auf Texte des Evangeliums wie des Korans berufen konnte. Ausdrücklich führte er folgende Werte an:
Damit wollte P. Joseph Maalouf die Unterschiede zwischen Christentum und Islam nicht vertuschen, sondern die Werte bewusst machen, die die beiden Religionen eint; ohne diese Werte gäbe es keine Möglichkeit mehr, von Frieden und Zusammenleben zu sprechen. Der Referent ist überzeugt, dass jede Religion in ihrem Erbe die Werte der Freundschaft, der Toleranz, der Annahme des anderen hat und dass deshalb beide eine konstruktive Rolle übernehmen können, wovon nicht nur der Libanon, sondern der ganze Orient einen Nutzen hätte.
In zwei Jahren wird der SHLV sein 100-Jahr-Jubiläum begehen können;
aus diesem Anlass ist eine kirchengeschichtliche Diplomarbeit über
diese 100 Jahre des SHLV in Vorbereitung. Leser und Leserinnen, die Quellen
zur Geschichte des SHLV besitzen, sind freundlich gebeten, sich diesbezüglich
mit der Geschäftsstelle in Verbindung zu setzen (Postfach 6280, 6000
Luzern 6, Telefon 041-420 57 88).
1 Das Institut für christlich-islamische Studien der (Jesuiten-)Universität Saint-Joseph (Beirut), das Hochschulinstitut für islamische Studien Al-Makassed al-Islamia (Beirut), die Forschungsstelle für den christlich-muslimischen Dialog der Paulisten (Harissa) und das Zentrum für christlich-islamische Studien der (griechisch-orthodoxen) Universität Balamand.