39/1999

INHALT

Leitartikel

Gebetskette Haiti-Schweiz

von Paul Jeannerat

 

Die Briefe des Apostels Paulus enthalten bekanntlich viele persönliche Notizen, Empfehlungen, Grüsse, Segenswünsche. Besonders eindrücklich ist das Kapitel 16 des Ersten Korintherbriefes. Wenige Zeilen nach dem theologisch dichten «Hohelied der Liebe» (Kapitel 13) schliesst Paulus seinen Brief mit scheinbaren Alltäglichkeiten ab. Er schreibt über die Geldsammlung für Jerusalem, über seine Reisepläne, bringt Bitten für die Einen und Grüsse von Andern vor und sendet allen «meine Liebe in Christus Jesus». Diese privat scheinenden Nachrichten sind allerdings keine Nebensächlichkeiten. Vielmehr sind sie Hinweise darauf, dass schon in der jungen Kirche ein intensiver missionarischer Austausch gepflegt wurde. Denn nicht nur Paulus war «Reise-Missionar». In 1 Kor 16 werden «Vertrauensleute mit Briefen» sowie Timotheus, Apollos, Stephanus, Fortunatus und Archaikus als Reisende genannt. Obwohl die Strapazen und Gefahren zu Land und zur See damals gross waren, besuchten also Gesandte der Gemeinden die andern christlichen Gemeinschaften, um zu berichten und auch zu vernehmen, um zu ermutigen und auch Stärkung mitzunehmen.
In unserem Zeitalter der elektronischen Kommunikation sind persönliche Besuche immer noch segensreich. Dies gilt nicht nur, wenn der Papst eine Ortskirche besucht, sondern auch für Besuche von Ortskirche zu Ortskirche, von Gemeinde zu Gemeinde. Besonders wenn es «nur» darum geht, gegenseitiges Interesse auszudrücken.
In dieser Absicht besuchte der Direktor von Missio, P. Damian Weber cmm, im Januar 1999 die Ortskirche von Haiti. Er hatte nichts mitzubringen (Haiti erhält seinen Anteil am Missio-Ausgleichsfonds der Weltkirche unabhängig davon) und keine Projekte zu besichtigen. Er wollte fragen, was Haiti der Kirche der Schweiz geben kann.
«Wir sind sehr dankbar, dass ihr gekommen seid und uns fragt, was wir euch geben können. Haiti hat viel von europäischen Missionaren erhalten. Wir müssen jetzt lernen, dass auch wir etwas zu geben haben», sagte der Präsident der Vereinigung der Ordensleute von Haiti, P. Firto Regis. Bischof Emanuel Constant von Gonaïves ergänzte: «Mit der Bitte, dass wir pastorale Impulse mit euch teilen, helft ihr uns, uns selber besser zu verstehen.»
Die Idee von Missio Schweiz-Liechtenstein, die Kirche von Haiti als «Beispielsland» für den Monat der Weltmission 1999 zu wählen, bei uns über die Nöte und Sorgen dieses Landes zu berichten, pastorale Impulse dieser «jungen» Kirche in unsere Pfarreien fliessen zu lassen und für die dortigen Menschen zu beten, begeisterte die Bischöfe von Haiti so sehr, dass sie im April 1999 den Gläubigen in einem von allen neun Bischöfen unterschriebenen Hirtenbrief<1> mitteilten: «Wir haben vernommen, dass Missio-Schweiz die Christinnen und Christen ihres Landes einlädt, im Oktober besonders für unser Land zu beten und zu opfern. Das erfüllt uns mit Dankbarkeit.» Und sie riefen dazu auf, «dass auch die Gläubigen unseres Landes den Monat der Weltmission 1999 in Verbundenheit mit der Kirche in der Schweiz verbringen und für sie beten».
Das ist ­ wie die persönlichen Bemerkungen in den Paulusbriefen ­ mehr als ein Austausch von Höflichkeiten. Es ist ein Ausdruck der weltweiten Gebets- und Schicksalsgemeinschaft, die unsere Kirche im Heiligen Geiste bildet. Es erfüllt sich, was Paulus so formuliert: «Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit, wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle andern mit ihm» (1 Kor 12,26). Missionarische Tätigkeit kann darum nicht nur als Geldsammlung für bestimmte Projekte oder am Sonntag der Weltmission für den «Missio-Ausgleichsfonds der Weltkirche» verstanden werden. Auch nicht nur als Beten «für die Missionen» in der Blickrichtung einer Einbahnstrasse. «Mission» ist Ausdruck der «Gütergemeinschaft aller Glieder des Gottesvolkes und auch der Einzelkirchen», wie das Zweite Vatikanische Konzil formulierte. Mission ist gegenseitiges Ermutigen, Helfen und Teilen im geistlichen, personellen und materiellen Sinn: «Die einzelnen Teile steuern ihre eigenen Gaben den übrigen Teilen und der ganzen Kirche bei, so dass das Ganze und die einzelnen Teile wachsen aus allen, die Gemeinschaft miteinander haben und so zur Fülle in Einheit zusammenwirken» (Lumen gentium 13).
Missio, von den haitianischen Bischöfen im zitierten Hirtenbrief als «ein wichtiges Werkzeug dieses missionarischen Austausches» bezeichnet, hat alle Pfarreien und religiösen Gemeinschaften eingeladen, im Oktober eine «Gebetskette» mit Haiti zu bilden. Erfreulich, wie viele aus allen vier Sprachregionen mitmachen<2>: An allen Tagen des Monats Oktober wird an mindestens drei Orten eine Gebetsstunde (Vesper, Messfeier, Rosenkranz, Anbetungstag usw.) gehalten. Missio wird die Liste der mitmachenden Pfarreien und Ordensgemeinschaften den Bischöfen Haitis anfangs Oktober zusenden. «Wenn» ­ wie diese schreiben ­ «am Sonntag der Weltmission in jeder Kathedrale ein Gottesdienst unter Leitung des Bischofs stattfindet, zu dem alle Missionarinnen und Missionare eingeladen sind», wird von der schweizerischen «Gebetskette» als einem Zeichen von Verbundenheit im Glauben und von geschwisterlicher Solidarität Kenntnis gegeben werden. (Es können sich selbstverständlich weitere Pfarreien und Gemeinschaften beteiligen, auch wenn sie nicht auf der offiziellen Liste aufgeführt sind.)
In 1 Kor 16 ist auch die «Geldsammlung für die Heiligen» in Jerusalem ein Anliegen des Verfassers. Den persönlichen Notizen, die eine Gemeinschaft in Glauben und Liebe offensichtlich machen, ist die dringende Aufforderung zum Teilen mit den Bedürftigen vorangestellt. Missio scheut sich deshalb nicht, ihrer Freude über das Gelingen der «Gebetskette» die dringende Bitte anzufügen, dem «Opfer für die Weltmission» ­ im Sinne des gesamtkirchlichen Finanzaustausches für mehr Gerechtigkeit unter den Ortskirchen ­ die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Paul Jeannerat ist theologischer Mitarbeiter von Missio und Sekretär des Schweizerischen Katholischen Missionsrates.


Anmerkungen

1 Der Hirtenbrief wurde auszugsweise in SKZ 26­27/1999 und vollständig im Arbeitsheft zum Monat der Weltmission 1999 publiziert.

2 Die ausführliche Liste ist bei Missio (Telefon 026-422 11 20) zu beziehen. Das Missio-Arbeitsheft zum Monat der Weltmission 1999 bietet Anregungen für Haiti-Aktivitäten: Gebetsstunden, Gemeindeabende und Religionsunterricht.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999