38/1999

INHALT

Leitartikel

Kämpfer, Beter, Zeuge: P. Alfred Delp

von Rosmarie Tscheer

 

In seinen in den Kriegsjahren 1939­1944 gehaltenen Vorträgen zum Thema: «Der Mensch zwischen Welt und Gott» führt Alfred Delp (15.9.1907­2.2.1945)<1> über den Menschen aus und erteilt den Zuhörern ganz klare, auf der christlichen Weltanschauung gründende Richtlinien für ihr Handeln, indem er unter anderem sagt:
«Der Mensch darf sich neuen Situationen, neuen Bedürfnissen nicht entziehen. Er muss die Anliegen seiner Zeit kennen, ernst nehmen, erfüllen. Auch das gehört in seine Weltlichkeit. Aber auch an die Geschichte darf er sich nicht verlieren. Auch in ihr muss er stehen als prüfender Geist und als entscheidende Freiheit. Soweit die Geschichte in Menschenhand gelegt ist, kann sie verdorben und missbraucht werden. Um seiner Würde und seiner Echtheit willen muss der Mensch sich dagegen wehren.»<2>
Auch nach seiner Verhaftung befasst sich Delp intensiv mit den Forderungen, die an den gegenwärtigen Christen gestellt werden, schreibt zwischen dem 28. September 1944 und dem 30. Januar 1945 in Zelle 8/313 der Haftanstalt Berlin-Tegel auf Bogen, die Marianne Hapig und Marianne Pünder Woche für Woche mit der schmutzigen Wäsche und erheblichem persönlichen Risiko aus dem Hochsicherheitsgefängnis schmuggeln.
In dieser äussersten Verlassenheit schafft er es, seine geistigen Kräfte zu sammeln, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, sein Gottvertrauen stetig zu vertiefen und mit gefesselten Händen Texte wie den folgenden zu verfassen:
«Wenn schon die Erde so begeistern kann, warum sollten da die grösseren Kräfte, die uns über jene hinaus gegeben sind, uns weniger ergreifen und mitreissen zu letzter Willigkeit (Einformung in den Willen Gottes gemäss Ignatius). Man muss bei der Begegnung mit uns spüren, dass wir zwar leiden, dass man uns auch Unrecht tut, dass wir uns aber weder überflüssig, noch unterlegen wissen. Wir sind die Menschen, die die ganze Wirklichkeit bejahen, durch die die erhaltenden Kräfte in die Welt einströmen...»<3>

Kindheit und Berufsentscheid

Alfred Delp kommt am 15. September 1907 als erstes Kind von Maria Bernauer und Johann Adam Friedrich Delp in Mannheim zur Welt. Weitere fünf Geschwister folgen. Der Vater ist gelernter Buchhalter. Damit das Geld hinreicht, arbeitet die Mutter neben dem Haushalt auf einem Landgut. Obzwar J.A.F. Delp, dessen sämtliche Vorfahren evangelischen Glaubens waren, seiner Ehefrau die katholische Erziehung zugestanden hat, schickt er Alfred in die evangelische Schule nach Lampertheim, wo die Familie Delp inzwischen wohnt, und hier wird er am 28. März 1921 konfirmiert. Bald danach überwirft er sich mit dem betreffenden Pfarrer, von dem er sich nicht verstanden fühlt, wechselt zum katholischen Ortspfarrer namens Johannes Unger, der sich unter anderem während der langen Abwesenheit des Vaters im Ersten Weltkrieg um die Delp-Kinder kümmert und der Mutter mit Rat und Tat zur Seite steht.
Am 19. Juni 1921 empfängt Alfred die Erstkommunion, am 28. Juni 1921 die Firmung. Dieser Priester hilft ihm auch bei den Vorbereitungen für die Aufnahmeprüfung ins humanistische Gymnasium in Dieburg, erteilt ihm Nachhilfeunterricht in Latein und Griechisch. Aufgrund seiner guten Leistungen kann Alfred Delp zweimal eine Klasse überspringen, bringt am 16. März 1926 das Maturitätsexamen hinter sich. Bereits am 22. April 1926 tritt er in Tisis bei Feldkirch ins Noviziat der Jesuiten ein. Er ist der felsenfesten Überzeugung, dass dies seine Berufung, sein Weg sei, während Pfarrer Unger ihn nach Rom ans Collegium Germanicum schicken wollte und sich an verschiedenen Stellen in diesem Sinne für ihn eingesetzt hatte.

Priester, Schriftsteller, Referent

Entschlossen und unbeirrbar geht Alfred Delp seinen Weg, empfängt am 24. Juni 1937 ­ 400 Jahre nach Ignatius ­ die Priesterweihe, besteht am 25. Juni 1938 das Lizenziatsexamen in Philosophie und Theologie, wird am 15. Juli 1939 zum Doktor der Philosophie promoviert und beginnt seine Arbeit in der Redaktion der Zeitschrift «Stimmen der Zeit» in München, bis die Gestapo am 18. April 1941 das Haus beschlagnahmt. Es sind schwierige Zeiten für Menschen wie Delp, die sich von keinem propagandistischen Vokabular beeindrucken lassen, sich weiterhin ein selbständiges und kritisches Denken gestatten. Schon als Jugenderzieher in Feldkirch und St. Blasien hat er sich mit sozialen und sämtlichen den Menschen bedrängenden Fragen auseinander gesetzt. Er tut dies beispielsweise in der «Männerarbeit», in Vorträgen und Predigten, die sich ab und zu auch Spitzel anhören. Er ist der festen Überzeugung, dass der Mensch seine Freiheit nicht abgeben dürfe, ja dass die Seinsordnung sie notwendig voraussetze, und vertritt diese Ansicht auch in seiner Schrift «Der Mensch und die Geschichte» (1941­1943, publ. 1955). Delp will zur Verantwortung, Urteilsfähigkeit, Gewissensfähigkeit führen und stellt sich solchermassen diametral zur Ideologie der Nationalsozialisten, die keine Verpflichtung gemäss dem Gewissen anerkennen, nicht dulden, dass jemand einem andern Herrn als ihrem «Führer» diene, der unter anderem gesagt hat, dass er bestimme, was Recht sei.

Im «Kreisauerkreis»

Es erstaunt daher kaum, dass Delp mit Begeisterung im «Kreisauerkreis» mit Gleichgesinnten: Protestanten, Katholiken, Laien, Priestern, Frauen und Männern aus allen Schichten ein «neues Deutschland auf den alten christlichen Grundlagen» vorbereitet. Sein eigener Provinzialoberer, Augustin Rösch, hat ihn eingeführt, und bald ist Delp der Inspirator und Kopf der Gruppe. Diese Leute um Helmuth James und Freya von Moltke denken über die Zeit nach dem Zusammenbruch nach, leisten somit geistigen Widerstand gegen das NS-Regime, an dessen Endstieg sie nicht glauben. Drei Treffen finden 1942­1943 auf dem Gut der Moltkes bei Schweidnitz in Niederschlesien statt. Doch am 19. Januar 1944 wird Graf Moltke verhaftet. Viele Gesinnungsgenossen, auch weitere Mitglieder des «Kreisauerkreises» ereilt dasselbe Schicksal. Nach dem missglückten Attentat von Claus von Stauffenberg auf Hitler am 20. Juli 1944 nehmen die dramatischen Ereignisse ihren unerbittlichen Lauf, zumal Delp von Stauffenberg kennt, ihn am 6. Juni 1944 noch besucht hat, den Rat seiner Mitbrüder und Freunde, unterzutauchen, jedoch weit von sich weist.
Am 28. Juli 1944 wird Alfred Delp nach der Morgenmesse in St. Georg in München-Bogenhausen von zwei Gestapo-Leuten verhaftet, vielleicht eine Woche später nach Berlin-Moabit geschafft, am 27. September 1944 in die Haftanstalt Berlin-Tegel übergeführt. Zwar kann er am 8. Dezember 1944 zu seiner grossen Freude in seiner Zelle die ewigen Gelübde ablegen. Vom 9. bis 11. Januar 1945 findet aber der Prozess vor dem Volksgerichtshof statt, in dem ihm der ganze, abgrundtiefe Hass auf die Kirche und die Priester entgegenschlägt. Das Urteil lautet: Tod durch den Strang wegen Hochverrat. Das Gnadengesuch seiner Mutter sowie sein eigenes an Himmler werden abgewiesen. Delp schreibt indessen Meditationen über das «Unser Vater» und die «Pfingstsequenz». Seine letzten, am 30. Januar 1945 auf einen sogenannten «Bestellzettel» hingekritzelten Worte sind: Beten und glauben/Danke/D(el)p. Sein Todesurteil wird am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee vollstreckt, während Moltke und zahlreiche Freunde früher hingerichtet worden sind.
Wie Pater Nadel in seinem Vorwort zum «Bericht des Pilgers», der «Geschichte des Vaters Ignatius», bezeugt, dass dieser geführt worden sei, spricht alles dafür, dass auch Pater Alfred Delp geführt worden ist.

 

Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe hauptsächlich des romanischen Kulturraumes.


Anmerkungen

1 Unter dieser Überschrift ist 1962 im Herder Verlag, Freiburg i.Br., ein Taschenbuch herausgekommen, das leider vergriffen ist.

2 P. Alfred Delp, «Zwischen Welt und Gott», hrsg. von P. Paul Bolvac, Verlag Josef Knecht, Frankfurt a.M. 1957, S. 50.

3 AaO. S. 16.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999