37/1999

INHALT

Leitartikel

"Movimenti"

von Rolf Weibel

 

Zu Pfingsten 1998 kamen die vom Vatikan anerkannten neuen kirchlichen Bewegungen und geistlichen Gemeinschaften aus aller Welt in Rom zu einem Kongress zusammen, und am Pfingstsamstag kam es auf dem Petersplatz überdies zu einer Begegnung von 250000 Angehörigen dieser 56 Bewegungen und Gemeinschaften mit Papst Johannes Paul II. Diese Treffen gaben den Anstoss zu einer europäischen Begegnung im Juni dieses Jahres, an der 174 Gründer und Gründerinnen und Verantwortliche von 41 Bewegungen und Gemeinschaften in Speyer zusammenkamen, um ihr Miteinander und Möglichkeiten ihrer Zusammenarbeit zu besprechen. Sie gaben aber auch den Anstoss zur ersten schweizerischen Begegnung der Verantwortlichen von kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften, an der am letzten Samstag gut 200 Verantwortliche und Angehörige von rund 25 Gruppierungen sowie drei Mitglieder der Bischofskonferenz in Baar zusammenkamen. Ziel dieser Begegnung war, wie Weihbischof Martin Gächter in seiner Begrüssung ausführte, dass sich die kirchlichen Bewegungen aus allen Landesteilen begegnen und besser kennen lernen und dass sie in der gesamten Kirche der Schweiz besser bekannt und geschätzt werden.
Auf die Begegnung von Mitgliedern verschiedener Bewegungen in Gruppengesprächen führten persönliche Zeugnisse und Kurzreferate hin. Ein Sprecher von Comunione e Liberazione, eine Sprecherin von Sant'Egidio und ein Mitglied der Fraternität «Eucharistein» sprachen über die Gründungs- bzw. Grundanliegen ihrer jeweiligen Bewegung, wobei eine lebendige persönliche Beziehung zu Jesus ­ zu Jesus als «die Antwort auf die Befürfnisse meines Herzens», zu Jesus in den Armen, zu Jesus in der Eucharistie ­ als tragende Momente herausgestellt wurden. Anschliessend stellte P. Edwin Germann von der Schönstatt-Bewegung die neuen Bewegungen und Gemeinschaften in einen welt- und kirchengeschichtlichen Zusammenhang: Wie die Orden und Bewegungen im Verlauf der Kirchengeschichte als auf die jeweilige Zeit antwortende charismatische Aufbrüche bezeichnet werden können, so die neuen Bewegungen als Antworten des Heiligen Geistes auf die Herausforderungen des 20. Jahrhunderts. Dabei habe jede Bewegung eine Teilantwort einzubringen, weshalb zwischen ihnen eine Beziehung der Komplementarität und nicht der Rivalität die angemessene sei.
Einer anderen Beziehung, nämlich jener zwischen Amt und Charisma, zwischen der hierarchisch-institutionellen und der charismatisch-spirituellen Dimension der Kirche ging Diakon Urban Camenzind von der Erneuerung aus dem Geist Gottes nach. Ausgehend vom Lauf des Petrus und des Jüngers, den Jesus liebte, zum leeren Grab (Joh 20,1­8), brachte er das petrinische Amt und das johanneische Charisma in eine gegenseitige Beziehung, die er mit den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils umschrieb: Der Geist «bereitet und lenkt sie [die Kirche] durch die verschiedenen hierarchischen und charismatischen Gaben» (Lumen gentium, Art. 4). Mit Hans Urs von Balthasar verschränkte er Amt als objektives Charisma im Dienst der Einheit und Charisma als subjektives Charisma im Dienst der Verschiedenheit; das eine ist allen gegeben zur Auferbauung des Einzelnen, das andere ist dem Einzelnen gegeben zur Auferbauung von allen.
Gleichsam aus der Sicht des Amtes berichtete Weihbischof Pierre Bürcher sodann vom Seminar zum Thema «Die pastorale Sorge der Bischöfe gegenüber den kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften», zu dem der Päpstliche Rat für die Laien eingeladen und an dem er im Juni dieses Jahres mit hundert anderen Bischöfen aus aller Welt teilgenommen hatte. Eine kirchliche Bewegung zu definieren sei nicht einfach; indes seien an diesem Seminar vier hauptsächliche konstitutive Elemente herausgestellt worden: Eine Gründerpersönlichkeit überliefert das Charisma. Das ursprüngliche Charisma ist eine Form der Nachfolge (sequela Christi) und der Sendung, eine ungeschuldete Gabe des Heiligen Geistes. Erfahren wird es in einem gemeinschaftlichen Leben, um ein ganzheitliches Christentum zu leben und so am kirchlichen Leben teilzunehmen. Eine kirchliche Bewegung ist in dem Sinne auf das petrinische Amt bezogen, dass sie «auf die universale Dimension der Kirche hin» grundsätzlich offen ist.
Papst Johannes Paul II. stelle die Bewegungen in den Kontext der Ekklesiologie des letzten Konzils. Daraus ergäben sich als wesentliche Kriterien ihrer Kirchlichkeit: 1. Der Berufung jedes Christen zur Heiligkeit ist Priorität einzuräumen. 2. Die Verantwortung, den katholischen Glauben zu bekennen, ist wahrzunehmen. 3. Das Zeugnis einer festen und überzeugten Gemeinschaft mit dem Papst und dem Bischof ist unerlässlich. 4. Dem apostolischen Ziel der Kirche ist zu entsprechen, an ihm ist teilzunehmen. 5. Das Engagement in der menschlichen Gesellschaft ist unverzichtbar.

Bewegungen und Pfarreien

Weil Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolar-Bewegung, auf dem Petersplatz Papst Johannes Paul II. versprochen hatte, ihre ganze Kraft dafür einzusetzen, dass die Gemeinschaft unter den neuen Bewegungen wachsen könne, fasste Clara Squarzon ihre später geäusserten Gedanken über die gegenseitige Liebe als Grundlage der Gemeinschaft unter den Bewegungen zusammen. Ihre spirituellen Impulse wurden in praktischen Anregungen ­ vom Gebet füreinander bis zur gemeinsamen Aktion ­ konkret.
Wie neue Bewegungen und Pfarreien gemeinsam ­ und also miteinander statt nebeneinander oder gar gegeneinander ­ auf den Weg gehen können, war ein letzter Fragenkreis. Selbstkritisch fragte Diakon Urban Camenzind, ob die charismatische Bewegung bzw. die Erneuerung aus dem Geist Gottes für die Pfarreien nicht oft eine Überforderung gewesen sei ­ eine Frage, die meines Erachtens in den «Beichtspiegel» jeder neuen Bewegung gehörte. Marcel Bregenzer stellte deshalb Angebote der Arbeitsstelle für Pfarrei-Erneuerung vor, die den Pfarreien gerne vorgestellt werden, über deren Durchführung die Seelsorger und die Entscheidungsgremien der Pfarreien aber selber entscheiden. Auf diese Weise gelinge es der Arbeitsstelle, die Bewegung «Erneuerung aus dem Geist Gottes» bzw. ihre Angebote «gemeindefähig» ­ also nicht konfliktuell gegen Pfarrer und Pfarrei ­ zu machen.
Ein weiterer Grund für Konflikte ist die Verschleierung von Aktivitäten einer Bewegung, beispielsweise durch «Tarnorganisationen», durch Einrichtungen also, die einen Namen tragen, der in keiner Weise mit einer bestimmten Bewegung konnotiert wird. Dieser Sachverhalt kam am «Pressetisch» zur Sprache und wurde von der Medienbeauftragten des Treffens als Wunsch zu Transparenz dann auch im Plenum angesprochen.
Nicht zur Sprache kam der mögliche und auch schon dagewesene Konflikt zwischen einer Bewegung und einer Pfarrei, wenn der Pfarrer ­ oder der Gemeindeleiter oder auch ein Mitarbeiter ­ einer bestimmten Bewegung angehört und die ganze Pfarrei gegen ihren Willen auf die Spiritualität dieser Bewegung zu verpflichten sucht oder gar die Verbände bzw. die hergebrachten Pfarreivereine durch Organisationen dieser bestimmten Bewegung ersetzt.
Weihbischof Martin Gächter ortete die Spannungen zwischen Pfarreien und kirchlichen Bewegungen aufgrund seiner Erfahrungen im Bistum Basel mehr in einer Unkenntnis des Charakters der kirchlichen<1> Bewegungen und einer Geringschätzung ihrer Bedeutung für die heutige Zeit. Dabei stellte er wohl mehr auf die Selbsteinschätzung der Bewegungen als auf ihre Wahrnehmung von aussen ab. Für Chiara Lubich gehört zur christlichen Liebe, nach dem Vorbild des Hebräerbriefes, indes die gegenseitige Ermahnung, wie Clara Squarzon berichtete. So müsste als ein nächster Schritt denn wohl auch das Gespräch zwischen Bewegungen und Pfarreien ­ und in ihnen den Verbänden ­ ins Auge gefasst werden.


Anmerkung

1 In diesem Zusammenhang versteht Weihbischof Martin Gächter unter «kirchlich» «durch die Bischöfe anerkannt»; weil sich «die traditionsliebende ÐPro Ecclesiað» und «die progressive ÐAufbruch-Bewegungð» nie um eine Anerkennung durch die Bischöfe bemüht hätten, seien sie zu dem Baarer Treffen nicht eingeladen worden. Das «Opus Dei» sei nicht eingeladen worden, weil dieses Werk keine Bewegung, sondern eine Personalprälatur (ein Personalbistum) sei.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999