35/1999

INHALT

Leitartikel

Schwerkraft und Geist

von Felix Dillier

 

Nirgendwo werden dem Menschen so viele Wunden zugefügt wie in der Kirche.»<1> Wäre es nicht ein allseits geachteter Bischof, der dies geschrieben hat, könnte man empört Ärgernis nehmen.
Jedes Gemeinschaftsleben kennt seine Freuden und Leiden: Familie, Schule, Arbeitsplatz, Pfarrei... Die Kirche, Gemeinschaft par excellence, entgeht dem nicht. In ihr mischen sich Begeisterung und Kleinlichkeit, gegenseitiges Wohlwollen und Misstrauen, Klarheit und Argwohn. In der Kirche sind die Enttäuschungen umso schmerzhafter und die Wunden umso schwieriger zu vernarben, als man in ihr Teuerstes, Wesentliches investiert, das man besitzt. Und weil man so viel von ihr erwartet.
Sicher kann man sagen: Das Negative gehört zum Menschen, da er dem Bösen ausgesetzt ist; das Positive kommt von Gott, das Geschenk der Gnade. Aber löst diese Betrachtungsweise das Problem? Die Grenzlinie durchzieht die Kirche, wie sie jedes ihrer (Mit)Glieder durchzieht. Das Gleichnis vom Unkraut und Weizen erinnert daran.<2> Das Unkraut: Zwietracht und Streit. In jedem von uns, wie in der Geschichte der Kirche, sind Unkraut und Weizen eng vermischt. Und so ähnlich sind sie sich, dass man sich täuschen kann. Darum die Warnung des Herrn, die Zeit der Ernte abzuwarten, die Zeit des Gerichts, um beides zu trennen.<3> Geduld ist gefragt. Keine Zwietracht im eigenen Acker zu sähen, erfordert Wachsamkeit und Beharrlichkeit.
Trotzdem ist das Bewusstsein dieser Zwiespältigkeit schmerzhaft: einerseits das Wehen des Geistes, bahnbrechend und erfinderisch, da Er «alles neu macht»<4>; anderseits die Schwerfälligkeit, Unbeweglichkeit und Angst. Christus ahnte es: «Fürchte dich nicht, du kleine Herde!»<5> Es geht hier nicht primär um die Schwerfälligkeit der Institution Kirche, es geht um die angehäufte Schwere der Christen.
Eine unkritische Redensart sieht den Schlüssel zum Problem so: einerseits die Institution Kirche, anderseits die Prophetie, oder anders gesagt: «das Gesetz und die Propheten». Immer schon gab es den Kampf zwischen dem Machtausübenden ­ sei er Priester, Bischof oder Papst ­ und dem, der stört ­ dem Gottes Narr, dem Mystiker. Nennen wir ihn «Prophet», wenn das heisst, Sinnfindung stiften, zum Geistigen und Geistlichen aufrütteln. Dies ist nicht Aufgabe für Spezialisten, sondern eine allen verliehene Gnade durch das Grundsakrament Taufe­Firmung. Es gibt nicht auf der einen Seite die Nomenklatura, die Apparatschiks und auf der andern Seite ihnen gegenüber die Protestierenden, die Propheten. Oder auf der einen Seite den hierarchischen Klerus, auf der andern die Laien.
Es ist eine fragwürdige Behauptung, dass Institution immer Unbeweglichkeit und Kleinmut bedeutet. Die Institution Kirche hat den Auftrag, das Wort Gottes zu verkünden, «sei es gelegen oder ungelegen».<6> Gibt es etwas Unruhestiftenderes als die treue Verkündigung des Gottes Wortes? Nichts hindert einen Bischof, Prophet zu sein, wenn nicht die menschliche Schwerfälligkeit.
Die Laien wünschen Priester, Bischöfe, Patriarchen und Papst mutiger, kühner, als Hirten, die das Volk mitreissen, mögliche Wege eröffnen im Bereich des scheinbar Unmöglichen.
Doch im Spiegel des Evangeliums muss jeder in sich die Last zur Verantwortung und die Pflicht zum Mut entdecken. Das christliche Leben ist für alle ein Weg der Umkehr und des Wachstums: Entwicklung vom Embryo-Zustand zur erwachsenen Statur. Wir sind Kümmerlinge, «Missgeburten» wie Paulus sagt<7>, zu wenig Wieder-Geborene in Sachen Glauben und Leben.
Zwanzig Jahrhunderte christliche Erfahrung weisen auf die Höhen und Tiefen, die Ängste und Kühnheiten, die Hoffnung und das Verzagen. Wir lesen die Geschichte von unten und sehen nur die Wurzeln der Pflanzen. Wir urteilen ungeduldig mit der Elle unseres Daseins, weil unsere Zeit gezählt ist und «der Tag sich schon neigt»<8>. Vielleicht müssten wir die Dinge von oben betrachten; wir sähen dann die Farbenpracht der Blumen, die Gratlinie der Heiligkeit, täglich verwirklicht in einer Anzahl von Christen.
Wir erwarten ein von Ängsten befreiendes Wort, welches in uns die Quelle unserer verborgenen Möglichkeiten offenbart, ein Wort, welches das in uns entzündete Licht der Taufe­Firmung freilegt. Allzu oft trüben Dunst und Nebel des Alltags unseren Blick.
Es ist offensichtlich, dass die Geschichte der historischen Kirche mit ihren Kleinlichkeiten und ihrer Schwerfälligkeit uns manchmal enttäuscht. Ist aber nicht sogar die Enttäuschung ein Zeichen der Liebe?
Trotz allem wird uns in der Kirche das lebendige Evangelium geschenkt. Es genügt, wenn wir in uns das Licht entfachen. Denn da, wo das Licht hervorbricht, wird es viel weiter leuchten, als wir es uns vorzustellen vermögen. Seine Reichweite zu messen, ist verlorene Zeit. In der Mitte des Lichtes zu bleiben, das allein ist wichtig.


Anmerkungen

1 Georges Khodr, Et si je disais les chemins de l'enfance, Le sel de la terre, Paris 1997.

2 Mt 13,24­26.

3 Mt 13,27­30.

4 Vgl. Offb 21,5a.

5 Lk 12,32a.

6 2 Tim 4,2.

7 Vgl. 1 Kor 15,8.

8 Lk 24,29a.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999