34/1999 | |
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Leitartikel |
Am kommenden 23. Sonntag im Jahreskreis ist in der deutschen Schweiz
in den Bistümern Basel und St. Gallen offiziell, im Bistum Chur
aus Rücksicht auf die eigene Theologische Hochschule offiziös
die Kollekte für die Theologische Fakultät Luzern bestimmt.
Eingeführt wurde dieses Kirchenopfer, um dem Kanton Luzern die durch
Finanzierungsschwierigkeiten gefährdete Einbettung der Theologischen
Fakultät in die Universitäre Hochschule auch in Zukunft zu ermöglichen.
Unter dem Druck der Haushaltprobleme hatte die regierungsrätliche Kommission
zur Überprüfung des Leistungsauftrags eine Schliessung der Hochschule
empfohlen. Der Regierungsrat selber folgte in dieser Frage der Kommission
indes nicht, sondern machte eine Weiterführung der Hochschule von Massnahmen
abhängig, die erheblich mehr Studierende nach Luzern holen und damit
die interkantonalen Transferzahlungen zugunsten des Kantons steigern könnten.
So mussten namentlich «von den staatskirchlichen und kirchlichen Instanzen
verbindliche Zusagen für eine substantielle finanzielle Beteiligung
an den Betriebskosten» der Theologischen Fakultät erwirkt werden,
um die dadurch frei werdenden Mittel für den gezielten Ausbau der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät einsetzen zu können. Diese Zusagen werden auf der staatskirchlichen
Seite von einzelnen kantonalen Körperschaften und ihrem Verbund, der
Römisch-Katholischen Zentralkonferenz (RKZ), und auf der kirchlichen
Seite mit dem «Fakultätsopfer» eingelöst. Dass der
Kanton Luzern seine Erwartungen an beide Seiten hatte und hat, liegt in
der Logik unseres komplexen kirchlichen Finanzierungssystems.<1>
Mit der Erweiterung der Theologischen Fakultät zur Universitären
Hochschule und mit dem kommenden Universitätsgesetz zur Universität
holt der Kanton Luzern nach, was andere Kantone schon längst
vollzogen haben. Die auf das 16. Jahrhundert zurückgehenden kantonalen
Universitäten haben ihren Ursprung nämlich in Theologischen Schulen,
die im 19. Jahrhundert zu Akademien und schliesslich zu Universitäten
ausgebaut wurden; die junge Universität Neuenburg wurde im 19. Jahrhundert
als Akademie gegründet. Deshalb haben alle diese Universitäten
und zuerst die im Spätmittelalter gegründete Universität
Basel Theologische Fakultäten. Die nach der Reformation katholisch
gebliebene Schweiz hatte lange Zeit als einzige Höhere Schule nur die
ebenfalls im 16. Jahrhundert als Jesuitenkolleg gegründete Luzerner
Schule.<2> Eine zweite kantonale Theologische
Fakultät erhielt die katholische Schweiz erst Ende des 19. Jahrhunderts
im Rahmen der Universität Freiburg.
Die beiden noch jüngeren Universitäten, nämlich jene von
St. Gallen, die 1898 als Handelsakademie gegründet worden war, und
die Università della Svizzera italiana in Lugano, die den Vorlesungsbetrieb
1996 aufgenommen hat, wurden wie die Eidgenössischen Technischen Hochschulen
ohne Theologische Fakultät bzw. Abteilung gegründet.
Im Vergleich zu jenen der anderen Fakultäten sind die Studierendenzahlen
der Theologischen Fakultäten heute klein geworden: Basel 1,6%, Bern
2,2% (mit zwei Fakultäten), Freiburg 5,2% (mit einer zweisprachigen
Fakultät), Genf 0,6%, Lausanne 1%, Neuenburg 1,9%, Zürich 1%.
In Luzern, wo der Ausbau erst 1993 begonnen hat, beträgt der Anteil
immer noch 86%. Ausgebaut wurde in Luzern aber auch die Theologische Fakultät
selber. Zum Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF)
und zum Institut für Sozialethik (ISE) kam dieses Jahr das Ökumenische
Institut; nächstes Jahr soll der Fakultät noch das Liturgische
Institut der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK) angegliedert
werden. Als Ausbildungswege mit nichtakademischem Abschluss sind der Fakultät
das Katechetische Institut (KIL) und das Theologische Seminar des Dritten
Bildungsweges angeschlossen. Von den im letzten Studienjahr gesamthaft 222
Studierenden waren 109 auf dem Weg zum Lizentiat bzw. Doktorat, 23 studierten
am Theologischen Seminar, 50 am Katechetischen Institut und 40 hatten den
zweijährigen Nachdiplomstudiengang «Berufseinführung»
belegt. Von den Studierenden aus der Schweiz gehörten 114 dem Bistum
Basel an, 47 dem Bistum Chur und 23 dem Bistum St. Gallen.
Die Theologische Fakultät Luzern trägt so erheblich zur Ausbildung
des Nachwuchses kirchlicher Berufe bei. Diese Dienstleistung begründet
für den Kanton als Schulträger seine Erwartung einer «substantiellen
finanziellen Beteiligung an den Betriebskosten». Die ihr entsprechende
Einführung des «Fakultätsopfers» ist eine Anerkennung
dieser Leistung. Das «Fakultätsopfer» bringt darüber
hinaus die Bereitschaft der Kirche zum Ausdruck, die Theologie eine Dienstleistung
für die Gesellschaft erbringen zu lassen und sich deshalb auch für
ihren Verbleib im Schweizerischen Universitätssystem einzusetzen.<3>
1 Bruno Dähler, Urban Fink, New Church Management. Finanzmanagement und Kundenmarketing in der katholischen Kirche in der Schweiz, Bern 1999. Alois Odermatt, Kirchensteuern in der Schweiz. Öffentlich-rechtliche Körperschaften mit pastoraler Bedeutung, in: Una Sancta 53 (1998) H. 3, S. 257264.
2 Adrian Loretan, Rolf Weibel, Theologie in Luzern, in: SKZ 167 (1999) 157f.
3 Auf die komplexe Legitimationsfrage einzugehen, ist hier nicht der Ort.