25/1999

INHALT

Leitartikel

Pilgern - Distanz nehmen zum Alltag

von Regina Osterwalder

 

Kürzlich erzählte mir ein junges Paar, dass es in seinem nächstens geplanten Urlaub einen Teil des Jakobsweges begehen will. Diese beiden jungen Erwachsenen sind zwei Einzelne unter den Vielen, die in jüngster Zeit das Pilgern wieder entdeckt haben, um wie Millionen von Pilgersleuten vor ihnen auf dem Jakobsweg «Distanz zu nehmen zum Alltag» und sich dabei an Leib und Seele zu stärken. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Jakobsweg wieder eine grosse Faszination auf viele Menschen ausübt.

Projekt Jakobsweg

Die Projektleiterin der Caritas Schweiz, Monika Studer, erzählt, wie Sie vor Jahren nach sinnvollen Beschäftigungsmöglichkeiten für Erwerbslose und Ausgesteuerte gesucht hat. Dabei «stiessen wir auf die Idee, einen Teil des Jakobsweges durch die Schweiz zu reaktivieren». Um dieses Projekt zu realisieren, gründeten dann Caritas Schweiz und Bethlehem Mission Immensee eine Trägerschaft und begannen im Januar 1997 mit der Planung des Projektes. «Doch die Wegsanierung kann nicht alles sein», meint die Projektleiterin. «Wir müssen den Jakobsweg auch inhaltlich beleben und so besteht das Projekt Jakobsweg aus zwei Teilprojekten.» Zum einen werden kleinere Wegstücke der Projektstrecke «Einsiedeln­Brunnen auf dem Seeweg nach Luzern­Werthenstein­Willisau­Huttwil­Burgdorf­Gümligen­Rüeggisberg» von Erwerbslosen saniert. Zum anderen werden auf der rund 140 km langen Projektstrecke analog dem Kreuzweg mit seinen 14 Stationen ebenso viele Pilgerstationen aufgestellt. «Diese Stationen» ­ so Monika Studer ­ «stellen auf sinnliche Art Themen dar, die unser Zusammenleben prägen.» An einzelnen Etappenorten wie in Einsiedeln, Kriens, Willisau, Huttwil und Burgdorf wird auch ein Einstiegsritual vorgeschlagen.

1999 ­ ein Jakobsjahr

Der 25. Juli ist Jakobstag. Fällt dieser Tag auf einen Sonntag, dann wird das Jahr als Jakobsjahr gefeiert. «Das kommt alle fünf bis sieben Jahre vor und dieses Jahr ist es wieder so weit. Am Jakobstag sollte eine gesamtschweizerische Variante des Jakobsweges durchgehend begehbar und ausgeschildert sein. An diesem Tag wird auch die von Caritas Schweiz und der Bethlehem Mission Immensee ausgewählte Projektstrecke mit den 14 Pilgerstationen eröffnet und eine Broschüre<1> publiziert. Diese Broschüre kann Interessierte auf den Geschmack bringen, eine Wegstrecke des Jakobsweges unter die Füsse zu nehmen, die unterhaltsamen Gründungslegenden von Kapellen, die am Wege stehen, zu lesen oder die Motivtafeln anzuschauen, die von Pilgerinnen oder Pilgern aus Dankbarkeit geschaffen wurden. Der Jakobsweg bietet neben den spirituellen Impulsen auch ein Stück Kulturgeschichte.
Auch das Heft Nr. 5/99 der Zeitschrift Wendekreis<2> widmet sich dem Thema Pilgern und empfiehlt sich als Einstieg ins Thema.

Die Faszination des Pilgerns

Monika Studer erzählt, wie sie persönlich ein negatives Bild vom Pilgern mitbekommen habe. Sie dachte, Pilgern sie etwas Weltfremdes. Je mehr sie sich aber mit der Thematik auseinandersetzte, gewann sie ein ganz anderes Bild vom Pilgern und vom Jakobsweg. «Der Jakobsweg ist ein Symbol für den eigenen Lebensweg. Leben ist Pilgern. Der Pilgerweg ist der Lebensweg mit seinen Schattenseiten und den Hoffnungen. Irgendwann kommst du ans Ziel. Faszinierend ist auch das, wie sich die Pilgerin, der Pilger von Osten, vom Sonnenaufgang nach Westen, zum Sonnenuntergang bewegen. Wieder ein Symbol für mein Leben ­ vom Anfang und von der Ewigkeit.» Das Pilgern ist für Monika Studer auch eine Möglichkeit, «Spiritualität zu leben: Distanz zu nehmen zum Alltag, das Tempo zu verringern, meine Sinne zu öffnen, um das wahrzunehmen, was in mir und ausserhalb von mir vor sich geht». Auf einer Pilgerreise tauchen die Wandernden auch ein in die Geschichte von Millionen von Pilgernden. Wie viele Erkenntnisse, Erlebnisse, Begegnungen und vieles mehr haben Menschen auf ihrer Pilgerreise erfahren. Am Schluss des Gesprächs meint Monika Studer: «Wenn ich mich geografisch fortbewege, dann bewege ich mich auch geistig. Dadurch bewegen sich auch Standpunkte. Äussere geografische Bewegung setzt eine innere Bewegung in Gang.» Diese innere Bewegung ist allen Pilgerinnen und Pilgern in der kommenden Ferienzeit zu wünschen.


Anmerkungen

1 Ein gutes Stück Weg, Auf dem Jakobsweg von Einsiedeln nach Rüeggisberg. Diese Broschüre enthält neben den Wegbeschreibungen weitere Anregungen zu den Themen der Pilgerstationen und Geschichten und Legenden aus den Gegenden, durch die der Weg führt. Diese Publikation kann bestellt werden bei Caritas Schweiz, Caritas Verlag, Löwenstrasse 3, 6002 Luzern.
Eine weitere empfehlenswerte Publikation zum Thema ist: Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS), Schweizer Wanderwege (SAW), Les Amis du Chemin de St-Jacques (Hrsg.), Jakobswege durch die Schweiz, von Jolanda Blum, Thun 1998.

2 Diese Monatszeitschrift kann bei der Administration Wendekreis, Postfach 62, 6405 Immensee, abonniert werden.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999