24/1999 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Steige ich in Luzern aus dem Zug, freue ich mich auf den Spaziergang
zur Universitären Hochschule. Das bewegte Wasser der Reuss begleitet
mich. Am Nadelwehr halte ich einen Moment inne. Ich bin dankbar, dass mein
Weg mich an eine offene theologische Fakultät geführt hat, wo
meine Lebenserfahrung und mein Geschlecht erwünscht sind, wo meine
Neugier und mein Wissensdrang gefragt sind, wo ich meine Hoffnung auf ein
Leben in Fülle, mein Glaube und Zweifeln mit anderen teilen kann.
Deshalb freue ich mich auf die morgendliche Begrüssung in der Cafeteria,
dem Treffpunkt der Studierenden, unserer Stube, oft geschmückt mit
Blumen des Abwartsehepaars. Bevor die erste Vorlesung beginnt, nehme ich
meine Tasse aus dem Schrank, mache mir einen Tee, wechsle einige Worte mit
Kolleginnen und Kollegen, suche mir einen Platz im Auditorium. Die Begrüssung
des Professors ist herzlich, sein Vortrag anregend und didaktisch hochstehend.
Der Katholizismus im 20. Jahrhundert mag für viele Studierende Historie
sein. Aufgewachsen in einer katholisch-konservativen Arbeiterfamilie in
der Diaspora habe ich die Nachwehen des Kulturkampfes hautnah miterlebt.
Gesellenverein und Schönstattmütter, Menzingerschwestern und Vinzenzgesellschaft,
diese Begriffe sind mit Leben gefüllt und werden mir beim Lernen keine
Mühe bereiten. Sowie mir beim Lateinischwörtleinbüffeln meine
kirchliche Sozialisation geholfen hatte, profitiere ich jetzt auch in der
Kirchengeschichte von meinem Alter. Die Eröffnung des vatikanischen
Konzils war Gesprächsstoff am Familientisch, für den Segen «urbi
et orbi» kniete die ganze Familie vor den stoffbespannten, mit väterlichen
Schützenabzeichen geschmückten Radioapparat.
Dieses selbstverständliche Eingebettetsein im katholischen Glauben, in der katholischen Kultur, bricht spätestens bei der Dogmatikvorlesung ein. Da spüre ich stark, wie sehr ich mich von meinem Kindheitsglauben entfernt habe. Mit grossem Interesse höre ich den Ausführungen zur Gnadenlehre zu. Ich möchte Augustinus und Thomas von Aquin verstehen, versuche mich einzuführen in ihr Gedankengebäude, lese ihre Biographien, diskutiere mit dem Professor, mit Mitstudierenden, stosse immer wieder an Grenzen. Ich habe mehr Fragen als Antworten. Natürlich kann ich das Vorgetragene auswendig lernen und bei der Prüfung wieder ausspucken. Aber meine Widerstände sind enorm. Wie viel Leid hat die Erbsündenlehre angerichtet? Wie viele Menschen wuchsen auf mit dem Gefühl des Unwertseins? Die Angst vor dem göttlichen Richter ist nicht nur ein Problem von Martin Luther. Als Pädagogin weiss ich um die Macht der Erniedrigung. Geduckte Menschen gehorchen besser. Aber Jesus hat die Menschen aufgerichtet, nicht gerichtet. Er wusste um das Versagen der Menschen; er benannte es, doch er stellte ihre guten Seiten ins Zentrum. Bei gewissen Vorlesungen frage ich mich, wo die zentrale Botschaft des Christentums, die Auferstehung zu einem neuen, befreiten Leben, geblieben ist. An unserem Kreuz, unserem Unvermögen, tragen wir alle schwer genug. Und immer wieder wünsche ich mir, dass mehr jüdische Streitbereitschaft und weniger lateinische Mentalität beim Bestimmen wichtiger Dogmen im Laufe der Kirchengeschichte zum Tragen gekommen wäre.
In der Mittagspause diskutieren wir oft weiter. Seit der Anschaffung
eines Mikrowellenofens ist nun auch im Winter das Essen an der Uni ein Genuss.
Grüppchenweise sitzen wir an den Tischen, Alt und Jung mischt sich,
Frauen und Männer, Hochsemestrige und Anfänger/Anfängerinnen
essen und trinken miteinander. Wir tauschen Neuigkeiten aus, kommentieren
die Vorlesungen, reagieren uns ab, planen einen «Frauenzmittag»,
einen Gottesdienst, ein Unifest, ein Jassturnier, eine Studiengruppe. Ich
bin froh um diese Kontakte, sie geben mir das Gefühl des Aufgehobenseins,
der Communio.
Da meine Studienzeit eingeschränkt ist, muss ich über Mittag meist
noch in der Bibliothek lernen. Ich tauche gerne ein in die Welt der Bücher,
oft bin ich aber erst in Lesestimmung, nachdem ich mich etwas bewegt habe.
Ein Gang zur Zentralbibliothek in der Nähe ist dann ideal.
Manchmal nehme ich mir einen ganzen Mittag frei und esse im Seminar St.
Beat. Es ist für mich wichtig, mit Priesteramtskandidaten Kontakt zu
haben, ihre Welt kennen zu lernen. Ich fühle mich willkommen im Seminar,
die Stimmung ist offen, die Leitung schätzt die Bereicherung durch
Externe, wertet uns Frauen nie ab. Nur Besuche von aussen lassen uns spüren,
dass Priester die wahren Berufenen sind. Das tut weh.
Da bin ich froh, wenn ich mein Leid, meine Verletzung, meine Wut meiner
Spiritualin erzählen kann. Neben der wissenschaftlichen Ausbildung,
die ich in Luzern fast ausschliesslich von akademisch best ausgewiesenen
Männern bekomme, ist der Austausch mit einer Theologin, die auch psychologisch
geschult ist, notwendig. Bei aller Begeisterung für mein Studium, für
die Wissensvermittlung, für den Austausch mit den Professoren, der
weit über das Wissenschaftliche hinausgeht, quälen mich oft Fragen,
die nur eine Frau beantworten kann, deren Verwurzeltsein in der Kirche,
der mater ecclesia, der Gemeinschaft der Heiligen und Sünder, so tief
ist, dass sie trotz allen Verletzungen die Hoffnung nicht verloren hat,
dass der Pfingstgeist der Erneuerung stärker ist als die Angst vor
Veränderung. Nach diesen Gesprächen bin ich getröstet, habe
ich wieder Kraft für das Studium.
Wenn der Nachmittag der Philosophie gewidmet ist, freue ich mich auf die
Auseinandersetzung. Mein psychoanalytisch geschultes Gehirn denkt zwar nur
mit Mühe um, und die Begrifflichkeit des androzentrischen philosophischen
Redens, setzt mir oft zu. Doch die Offenheit des Professors, die kleine
Zahl der Studentinnen, ermöglicht einen Dialog, der meist fruchtbar
ist.
Mit rauchendem Kopf setze ich mich dann in den Zug. Lernte ich am Morgen auf der Fahrt noch Hebräischvokabeln, schlafe ich auf dem Heimweg meist erschöpft ein. Die Ruhepause tut mir gut. Zuhause wartet die praktische Seelsorge auf mich. Während des Kochens diktiere ich Rhea ein Diktat. Flurina fragt, ob ich in Luzern Bücher über Peru gefunden habe, ihr Vortrag sei bald angesetzt. Das Telefon mit der Gemeindeleiterin klärt den nächsten Frauengottesdienst. Dann setzen wir uns um den Tisch. Ich zünde eine Kerze an. Beim Abendessen teilen wir Freude und Sorgen, lassen Aurelian Resten übrig, die er nach dem Training mit Heisshunger verschlingt. Beim Wäscheaufhängen kann ich den Tag an mir vorbeiziehen lassen. Ich bin dankbar für mein reiches Leben.
Monika Schumacher-Bauer, Primar- und Flötenlehrerin, Geburtsvorbereiterin, Mutter von drei Pubertierenden, seit 30 Jahren aktive Kirchenfrau, Theologiestudentin an der Universitären Hochschule Luzern im 4. Semester.