23/1999 | |
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Leitartikel |
Menschenwürde ist kein selbstverständ-liches Gut. Wir wissen,
dass sie auf dieser Welt millionenfach verletzt wird durch Repression, Krieg
und Armut.
Können wir es den Opfern verargen, wenn sie sich durch Flucht zu retten
versuchen? Von den weltweit 25 bis 30 Millionen Flüchtlingen suchen
jährlich einige Zehntausend Schutz in unserem Land. Die Schweiz ist
wegen des weltweiten Ungleichgewichts längst ein Zufluchtsland geworden
und wir damit ungewollt zu Gastgebern. Aber wir sind nach wie vor ein reiches
Land, und das Elend in vielen armen Ländern lässt uns nicht gleichgültig.
Tausende haben bei uns auch Aufnahme gefunden. Bei vielen Schweizerinnen
und Schweizern jedoch wächst die Angst vor der eigenen Zukunft. Das
soll uns nicht davon abhalten, weiterhin für Verfolgte und Notleidende
einzustehen. Viele der Menschen, die über unsere Grenzen kommen, müssen
zu Hause um ihr Leben fürchten. Zwar hat es unter den Asylsuchenden
immer wieder Personen, die hier mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Das ist
aber kein Grund, alle anderen zu verdächtigen, sie einem erschwerten
Asylverfahren zu unterwerfen, zu isolieren und auszugrenzen.
Es gibt nur eine (unteilbare) Menschenwürde. Die Würde, die wir
für uns reklamieren, dürfen wir den Asylsuchenden und Flüchtlingen
nicht vorenthalten. So wie wir für unsere und die unserer Nachbarn
einstehen, müssen wir auch für ihre Würde einstehen, am Wohnort,
am Arbeitsplatz, in der Freizeit. Die politisch Verantwortlichen müssen
daran erinnert werden, dass sich ihre Entscheide an der Würde eines
jeden Menschen messen lassen müssen. Helfen können wir auch, indem
wir alle Organisationen unterstützen, die Flüchtlingshilfe leisten.
In einigen Ländern kann das Engagement für die Menschenrechte zur Bedrohung des Lebens führen. Bei uns ist dies nicht der Fall. Die tödliche Bedrohung kommt bei uns vielmehr von innen. Es sind jene Stimmen, die uns darauf hinweisen, dass sich ja doch nichts zum Besseren entwickelt, die uns zeigen, dass wir eine kleine Gruppe sind, die dieses Thema wichtig nimmt. Und es ist vor allem auch die Enttäuschung, die jedes Engagement begleitet, jene lähmende Einsicht, dass sich die Welt auch durch radikales und bedingungsloses Engagement nicht aus ihren verhängnisvollen Angeln heben lässt. Die Kernfrage ist tatsächlich die: Woher nehmen wir die Kraft und den Mut, uns für die Menschenrechte einzusetzen im Wissen um die Widerstände, die sich dabei auftürmen?
Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage bin ich auf einen Satz im Standardwerk der Befreiungstheologie, Mysterium Liberationis (Grundbegriffe der Theologie der Befreiung, 2 Bände, Luzern: Edition Exodus 1995/1996), gestossen. Der eine Herausgeber dieses Werkes, Ignacio Ellacuria, wurde am 16. November 1986 zusammen mit andern in San Salvador umgebracht. Der andere Herausgeber, Jon Sobrino, lebt nur deshalb noch, weil er am 16. November 1986 nicht zu Hause war. «Nichts verlangt gebieterischer nach Gerechtigkeit für die anderen als die Erfahrung der ungeschuldeten Liebe Gottes, die im Menschen geschichtliche Möglichkeiten für das «Unmögliche», nämlich geschwi-sterliche Solidarität, eröffnet. Wenn der Kampf für die Gerechtigkeit als Gesetz durchgehalten wird, wird sich früher oder später lähmend herausstel-len, dass er unmöglich ist» (Mysterium liberationis, Band 2, S. 1217). Der Autor des Artikels über die Gerechtigkeit, Francisco Javier Vitoria Cormenzana, betont, dass der christliche Glaube es nicht zulässt, sich prometheisch und titanisch für die Gerechtigkeit einzusetzen. Er meint also, es sei nicht möglich, so zu tun, als könnten wir selber eine gerechte Welt erzeugen. Wir können uns gleichsam nur dem Engagement Gottes für eine gerechte Welt anschliessen. Das heisst für ihn allerdings nicht, die Hände betend in den Schoss zu legen. Der Glaube veranlasst und inspiriert vielmehr Befreiungsprojekte, die angebahnt werden, «damit die Geschichte mehr hergibt bei der Suche und Erreichung jener durch Jesus Christus ermöglichten, aber noch uneingelösten Gerechtigkeit.» (ebd.).
Das tönt alles kompliziert. Es sind aber ganz einfache und ermutigende
Einsichten.
Erstens: Der Glaube ist ein zuverlässiges Fundament für
meinen Einsatz für die Menschenrechte. Denn die Erfahrung der Liebe
Gottes, die uns vorbehaltlos und voraussetzungslos geschenkt wird, motiviert
und trägt unser Engagement. Wer diese Liebe erfahren hat, der kann
gar nicht mehr anders als sich in die Nachfolge dieser Liebe zu stellen.
Zweitens: Wer sich aus dieser Erfahrung engagiert, der braucht den
Erfolg nicht, um sich zu motivieren. Erfolglosigkeit kann damit nicht zum
lähmenden Argument gegen sein Engagement werden. Denn die tragende
Basis für seinen Einsatz ist nicht der Erfolg, sondern die Erfahrung
der ungeschuldeten Liebe Gottes.
Drittens muss der Gläubige seine eigenen Projekte nicht verabsolutieren.
Er muss sich also nicht in sein eigenes Engagement verbeissen, er kann irgendwie
gelassen bleiben. «Noch jedes geschichtliche Projekt»
so im befreiungstheologischen Text «Noch jedes geschichtliche
Projekt eines Kampfes für die Gerechtigkeit hat sich als unfähig
erwiesen, volle Gerechtigkeit für alle Opfer des Elends dieser Welt
zu erreichen.» (ebd., S. 1218). Kein Menschenwerk vermag «chemisch
reine» Gerechtigkeit zu bringen.
Der promovierte Theologe Xaver Pfister-Schölch ist Stellenleiter der Kath. Erwachsenenbildung Basel und Co-Dekanatsleiter des Dekanates Basel-Stadt.