22/1999 | |
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Leitartikel |
Vier junge Theologinnen in der Berufseinführung erarbeiten ihr Projekt:
Ein Bildungsangebot für Frauen in der Pfarrei. Als Thema wählen
sie etwas, das sie selbst interessiert, von dem sie denken, es könne
Frauen in verschiedensten Altersgruppen und Lebenssituationen ansprechen.
Vier Abende zu besonderen Zeiten oder Festen des Kirchenjahres sollen es
werden: zur Fastenzeit, zu Pfingsten, zum Erntedankfest und zu Allerheiligen.
Mit viel Kreativität, Phantasie und Lust schaffen sie ein verlockendes
Angebot für «Schatzsucherinnen» auf den Spuren des Lebens.
Bänder kommen immer wieder vor und verbinden so die unterschiedlichen
Abende. Rituale gehören dazu. Nicht nur der Geist, auch die Sinne werden
angesprochen. Warum dieses Angebot? Der originelle Prospekt der Ausschreibung
antwortet: «Warum nicht?»
Meine Mutter war im «Mütterverein». Meine Grossmutter auch.
Das war ihr im hohen Alter noch wichtig. Einen Anlass des Müttervereins
wollte sie sicher nicht verpassen. «Die Katholikinnen wurden ... durch
die Pfarrherren organisiert. Sie vereinigten sich in Mütter- und Jungfrauenvereinen»,
schreibt die Historikerin Beatrix Mesmer in einem Interview in der Zeitschrift
«frau und familie», die vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund
(SKF) herausgegeben wird. Weiterbildungsanlässe in den vierziger Jahren
verliefen immer etwa nach dem gleichen Muster: «Der Referent (selten
eine Frau und/oder Mutter) dozierte, die anwesenden Frauen hörten ehrerbietig
zu, schrieben fleissig mit und gaben danach das erworbene Wissen an ihre
Familien weiter. Dabei wurde kein Widerspruch geduldet. Denn das priesterliche
oder gar bischöfliche Wort galt als Gottes Wort und musste buchstabengetreu
in die Tat umgesetzt werden.»<1>
Frauen als Mitarbeiterinnen und Teil unserer Kirche heute und damals. Ja,
es hat sich einiges verändert. Mich freut es, dass in den letzten fünf
Jahren immer mindestens ein Viertel bis ein Drittel der Theologinnen und
Theologen in der Berufseinführung Frauen waren. Frauen, die ihre menschliche
und theologische Kompetenz in die Arbeit in den Pfarreien einbringen, die
Verantwortung übernehmen, die Leiten und Begleiten in Vereinen und
Organisationen. Immer mehr Schülerinnen, Blauringmädchen und Pfadfinderinnen,
Ministrantinnen und Jugendleiterinnen, Pfarreirätinnen und Frauenbundsfrauen,
Lektorinnen und Gottesdienstbesucherinnen erleben so Frauen in Rollen, die
lange (geweihten) Männern vorbehalten waren. Sie erleben Frauen in
der Verkündigung, im sakralen Raum der Kirche, in der Gemeindeleitung;
Frauen, mit denen sie sich identifizieren können.
Dass Frauen, besonders wenn sie Leitungsfunktionen übernehmen, in Schwierigkeiten
geraten können, ist nicht ein spezifisch kirchliches Phänomen.
Frauen entsprechen oft nicht dem, was eine Organisation von ihnen erwartet.<2> Das Besondere in der Institution Kirche
ist, dass auf der einen Seite ihre Ziele eng verknüpft sind mit traditionell
«weiblichen» Werten und Lebenszugängen wie die Pflege zwischenmenschlicher
Beziehungen, die Unterstützung von Schwächeren, die Beachtung
der Gefühlsebene, die Frage nach dem Werden und Vergehen des Lebens.
Andererseits sind die kirchlichen Strukturen seit Jahrhunderten männlich-hierarchisch
geprägt; das Idealbild einer kirchlichen Leitungsperson scheint «der
gute Vater zu sein, der für die Seinen sorgt und von ihnen geliebt
und geachtet wird»<3>. Frauen hingegen
bevorzugen in der Regel eher einen kooperativen Führungsstil, fördern
Teamgeist, pflegen direkte Kontakte, leiten eher nach dem Modell des Netzes.
Was bedeutet dies nun für die Arbeit von Theologinnen in der Pfarrei,
besonders für ihre Arbeit mit Frauen? Ich denke, es braucht eine gute
Wahrnehmungsfähigkeit und immer auch noch Geduld auf beiden Seiten.
Theologinnen spüren selbst, wo sie von den herkömmlichen Kirchenstrukturen
und Leitungsstilen geprägt sind, und wo sie sich bewusst anders verhalten
möchten. Dies kann hingegen wieder jene Frauen irritieren, die seit
langem treu vielfältigste Aufgaben der Kirche mittragen, gewöhnlich
unter «männlich-väterlicher» Leitung und Anleitung.
Nun wird ihnen vielleicht plötzlich mehr Selbständigkeit zugetraut,
mehr Eigeninitiative erwartet. Dies (wieder) zu erlernen braucht Begleitung
und Zeit. Theologinnen in der Pfarrei begegnen aber auch Frauen, die schon
lange Mühe haben mit hierarchisch geprägten Strukturen. Darunter
sind solche, die sich freuen, endlich mit einer Frau in der Leitung zusammenarbeiten
zu können. Sie lassen sich begeistern, ihre Interessen einzubringen
und Neues auf die Beine zu stellen. Und da sind die Frauen, die der Kirche
den Rücken zugekehrt haben, weil ihre Erfahrungen, Träume und
Tränen nur ungenügend Eingang in das kirchliche Leben finden,
weil sie die Amts- und Autoritätsstrukturen nicht mehr akzeptieren.<4> Sie begegnen den neuen Mitarbeiterinnen
der Kirche mit Skepsis oder abwartend. Gemeinsame Erlebnisse in konkreten
Projekten ausserhalb oder am Rande der Institution können zu neuen
Anknüpfungspunkten werden.
Frauen mit solch verschiedenen Prägungen begegnen Theologinnen auch
in den Frauenverbänden. Dort treffen sie aber auch Frauen, die einiges
an innerkirchlicher Leitungserfahrung mitbringen, und die dadurch mit den
unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen vertraut sind. Erfahrungen
und Kompetenz der Verbandsfrauen und Erfahrungen und Kompetenz der Theologinnen
können sich gegenseitig bestärken und bereichern. Frauen können
von Frauen lernen, können fixierte Rollen aufbrechen und schwesterlich
mit Streit und Umarmung! Kirche leben.
Franziska Loretan-Saladin ist Spiritualin der Berufseinführung am Seminar St. Beat in Luzern.
1 Marie-Theres Perler-Züsli, Katholische Frauenverbände im Umbruch, in: Pfarrei in der Postmoderne? Gemeindebildung in nachchristlicher Zeit. Für Leo Karrer, Hrsg. von Alois Schifferle, Freiburg/Basel/Wien 1997, 247255, 247.
2 Vgl. zum Folgenden: Christiane Burbach, Konflikte von Frauen in kirchlichen Leitungspositionen. Beobachtungen und Erklärungsversuche, in: Wege zum Menschen 51 (1999) 317.
3 AaO., 4.
4 Vgl. Pastoraler Orientierungsrahmen Luzern. Grundlagentext, Hrsg. Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut, St. Gallen 1998, 32.