20-21/1999

INHALT

Leitartikel

Zungen wie von Feuer

von Norbert Hochreutener

 

Die Seele der Dinge
lässt mich ahnen
die Eigenheiten
unendlicher Welten

Beklommen
such ich das Antlitz
eines jeden Dinges
und finde in jedem
ein Mysterium

Geheimnisse reden zu mir
eine lebendige Sprache

Ich höre das Herz des Himmels
pochen
in meinem Herzen

Rose Ausländer

 

Langsam schiebt sich die Frau in ihrem Rollstuhl vorwärts ­ den langen Gang des Pflegeheims entlang und in die Stube hinein. Wie jeden Tag. ­ Früher sass sie immer am gleichen Platz in der Sitzecke, still ­ kaum einmal hat sie auf sich aufmerksam gemacht und nie hörte ich sie ein Wort sagen, auch nicht einen Ton. So war sie leicht zu übersehen, wie etwas, das immer da ist, das man mit der Zeit gar nicht mehr wahrnimmt. ­ Eines Tages blieb sie im Rollstuhl sitzen, sie wollte nicht mehr raus auf ihren Platz in der Ecke, und seither ist sie unterwegs den Gängen entlang, von Stube zu Stube. So hat sie sich ein Stück Beweglichkeit und Eigenständigkeit erobert. Sie ist jetzt überall und schaut mit scheuen Augen und rollt weiter...
Heute bleibt ihr Rollstuhl bei dem Tisch in der Stube stehen, an dem ich mit zwei Frauen plaudere. Die stumme Frau schaut mich an, bis ich mich ihr zuwende. Und wie ich sie begrüssen will, streckt sie mir ihre Puppe entgegen, die sie auf ihrem Schoss mit sich trägt. Verwundert und überrascht nehme ich die Puppe in meine Arme und wiege sie. Freude und Verlegenheit verhaspeln mir die Worte, doch sie schaut mich geduldig und still an. Nach einer Weile will ich ihr die Puppe zurückgeben, doch sie drückt sie wieder in meine Arme und setzt ihren Rollstuhl in Bewegung. Nachdenklich blicke ich ihr nach, das schöne Puppenkind mit den wollenen Haaren auf meinem Schoss.
Über Pfingsten nachdenkend fällt mir diese kleine Geschichte ein. Es muss nicht dieses grossartige Brausen sein, nicht Flamme und Sturm, keine begeisternden Reden. In kleinen unscheinbaren Gesten und Zeichen drückt sich der Geist aus. Ganz leise ­ mit einer wollenen Puppe ­ sucht eine Seele die andere Seele. Und da gibt es eine Sprache «jenseits der Spaltworte» (Paul Celan). Eine Sprache, die uns berührt und verbindet und die wir alle verstehen, sind wir nur achtsam genug. Die stumme Frau hat zu mir gesprochen mit einer Zunge wie von Feuer.
Gottes-Geist, heiliger Geist, ist in uns allen. Auch da, wo wir ihn nicht vermuten. Da, wo er weht und wahrgenommen wird, da verbindet er die Menschen wie damals, als «Parter und Meder, Leute aus Mesopotamien, aus Ägypten, aus Judäa und Asien, Römerinnen und Juden, Kreter und Araberinnen» einander in ihrer «Muttersprache» hörten und verstanden.

Das schöne Gedicht von Rose Ausländer am Anfang mag Sie, liebe Leserin und Leser, über Pfingsten begleiten.

 

Norbert Hochreutener ist Pastoralassistent in Herisau und Seelsorger in der Psychiatrischen Klinik Herisau.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999