20-21/1999 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Die Seele der Dinge
lässt mich ahnen
die Eigenheiten
unendlicher WeltenBeklommen
such ich das Antlitz
eines jeden Dinges
und finde in jedem
ein MysteriumGeheimnisse reden zu mir
eine lebendige SpracheIch höre das Herz des Himmels
pochen
in meinem HerzenRose Ausländer
Langsam schiebt sich die Frau in ihrem Rollstuhl vorwärts
den langen Gang des Pflegeheims entlang und in die Stube hinein. Wie jeden
Tag. Früher sass sie immer am gleichen Platz in der Sitzecke,
still kaum einmal hat sie auf sich aufmerksam gemacht und nie hörte
ich sie ein Wort sagen, auch nicht einen Ton. So war sie leicht zu übersehen,
wie etwas, das immer da ist, das man mit der Zeit gar nicht mehr wahrnimmt.
Eines Tages blieb sie im Rollstuhl sitzen, sie wollte nicht mehr raus
auf ihren Platz in der Ecke, und seither ist sie unterwegs den Gängen
entlang, von Stube zu Stube. So hat sie sich ein Stück Beweglichkeit
und Eigenständigkeit erobert. Sie ist jetzt überall und schaut
mit scheuen Augen und rollt weiter...
Heute bleibt ihr Rollstuhl bei dem Tisch in der Stube stehen, an dem ich
mit zwei Frauen plaudere. Die stumme Frau schaut mich an, bis ich mich ihr
zuwende. Und wie ich sie begrüssen will, streckt sie mir ihre Puppe
entgegen, die sie auf ihrem Schoss mit sich trägt. Verwundert und überrascht
nehme ich die Puppe in meine Arme und wiege sie. Freude und Verlegenheit
verhaspeln mir die Worte, doch sie schaut mich geduldig und still an. Nach
einer Weile will ich ihr die Puppe zurückgeben, doch sie drückt
sie wieder in meine Arme und setzt ihren Rollstuhl in Bewegung. Nachdenklich
blicke ich ihr nach, das schöne Puppenkind mit den wollenen Haaren
auf meinem Schoss.
Über Pfingsten nachdenkend fällt mir diese kleine Geschichte ein.
Es muss nicht dieses grossartige Brausen sein, nicht Flamme und Sturm, keine
begeisternden Reden. In kleinen unscheinbaren Gesten und Zeichen drückt
sich der Geist aus. Ganz leise mit einer wollenen Puppe sucht
eine Seele die andere Seele. Und da gibt es eine Sprache «jenseits
der Spaltworte» (Paul Celan). Eine Sprache, die uns berührt und
verbindet und die wir alle verstehen, sind wir nur achtsam genug. Die stumme
Frau hat zu mir gesprochen mit einer Zunge wie von Feuer.
Gottes-Geist, heiliger Geist, ist in uns allen. Auch da, wo wir ihn nicht
vermuten. Da, wo er weht und wahrgenommen wird, da verbindet er die Menschen
wie damals, als «Parter und Meder, Leute aus Mesopotamien, aus Ägypten,
aus Judäa und Asien, Römerinnen und Juden, Kreter und Araberinnen»
einander in ihrer «Muttersprache» hörten und verstanden.
Das schöne Gedicht von Rose Ausländer am Anfang mag Sie, liebe Leserin und Leser, über Pfingsten begleiten.
Norbert Hochreutener ist Pastoralassistent in Herisau und Seelsorger in der Psychiatrischen Klinik Herisau.