18/1999

INHALT

Leitartikel

Dialog mit der Gesellschaft

von Walter Ludin

 

Über mangelnde Schlagzeilen kann sich die Kirche hierzulande seit einigen Jahren kaum beklagen. Meistens ist sie in den Medien selber das Thema. Gerade im Hinblick auf den kommenden Mediensonntag stellt sich die Frage, was sie dafür tun kann, um ihr eigentliches Thema einzubringen, das anbrechende Reich Gottes.
Das Motto dieses Tages lautet (leider in einer etwas schwülstigen Sprache): «Die Medien: eine freundschaftliche Stütze für die, die auf der Suche nach Gott-Vater sind.» Papst Johannes Paul II. unterstreicht dazu in seiner Botschaft die Verantwortung der Medien, «Zeugnis zu geben von der Wahrheit über das Leben, über die Würde des Menschen, über den wahren Sinn unserer Freiheit und gegenseitigen Abhängigkeit». Der Papst betont im Weiteren, die Medien müssten behilflich sein bei der «Sinnsuche».
Ich erinnere mich hier an die Synode 72, die am Anfang ihrer Empfehlungen zu Medienfragen feststellt: «Die Kirche sieht sich in ihrem Verkündigungsauftrag einer Gesellschaft voller Fragen gegenüber: weiterhin besteht Unsicherheit in der Antwort nach dem Sinn der menschlichen Existenz und Arbeit.» (Dokument XII., 4.1.1., zitiert nach Bistum Basel. Dieses Synodendokument ist übrigens heute noch eine lohnenswerte Lektüre, auch wenn sich seit seiner Abfassung einiges geändert hat!)
Der Papst wie die Synode erwarten offensichtlich von der Kirche, dass sie die Medien als Instrumente der gesellschaftlichen Diakonie benutzt, indem sie sich einmischt in das Zeitgespräch der Gesellschaft. Dieser Ausdruck findet sich bereits in einem Referat, das Hans Jürgen Schultz 1968(!) unter dem Titel «Information als Verkündigung?» gehalten hat. Die Überschrift des Vortrags und Schultzens These, die Kirche müsse im Dialog der Gesellschaft eine starke Rolle spielen, sorgten unter Fachleuten jahrelang für kontroversen Gesprächsstoff.
Schultz erinnerte in seinem Referat daran, dass das Wort «Evangelium» nicht aus dem sakralen Bereich, sondern aus der Welt des Sports und der Politik stammt: «Das Evangelium ist eine öffentliche Ansage auf dem Markplatz oder im Stadion.» Der damalige Abteilungsleiter im Süddeutschen Rundfunk fügt hinzu: «Die ganze Kirche basiert auf einer Information, die die Welt betrifft, korrigiert, erneuert, ins Licht rückt.» Oder mit den Worten von Martin Buber: «Theologie ist Kommentar zum Leben.»
Auch wenn die auf gesellschaftliche Zusammenhänge fixierten 68er Jahre längst vorbei sind, darf sich die Kirche nicht damit begnügen, in der Öffentlichkeit bloss sich selbst ins Gespräch zu bringen oder sich damit abfinden, dass andere es tun. Die zitierten Papstworte sind eine begrüssenswerte Erinnerung an ihren Auftrag, die Fragen der Menschen aufzugreifen und aus der Mitte ihrer Botschaft eine Antwort darauf zu geben. Ganz entscheidend ist, wie sie es tut. Hans-Eckehard Bahr betont in der Auseinandersetzung mit der These von Schultz, ihre Verkündigung dürfe «nicht länger nur als gesellschaftlich freischwebendes Sprachereignis» auftreten. Sonst würde sie die inkarnatorische Dimension des Glaubens verleugnen. Oder sie würde ­ wie sich ein Freund von mir ausdrückt ­ Gefahr laufen, dass die Menschen sagten: «Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt die Frage.»
Die Kirche erfüllt nur dann ihren Auftrag, wenn sie in der prophetischen Tradition sich in gesellschaftliche (Streit)Fragen einmischt. Dabei kommt sie oft nicht umhin, Ross und Reiter beim Namen zu nennen. Denn: «Kirchliche Mahnungen, die nur implizit bleiben, vermögen kaum, die Angesprochenen unmittelbar zu behaften.» (Bahr). Wenn etwa abstrakt von «Friede» und «Gerechtigkeit» gesprochen wird, werden alle zustimmen, sich aber niemand umstimmen lassen. Die hehren Begriffe sind auf den harten Boden der Wirklichkeit zu bringen.
Damit wird deutlich, dass die evangelikale Praxis, möglichst viele Bibelworte unter Millionenaufwand durch möglichst viele Kanäle zu jagen, kaum zum Erfolg führt. Eine immer wieder neue Umsetzung und Übersetzung ist unverzichtbar. Die Wahrheit, die der Kirche anvertraut ist, «gleicht nicht dem Leuchtturm, der vom festen Gestade ungerichtete Signale aufs bewegte Meer sendet. Eher ähnelt sie den wechselnden Kursangaben, nach denen Piloten und Autofahrer ihre mobilen Systeme orientieren.» (Hans-Dieter Bastian)
Diesen grundsätzlichen Überlegungen füge ich einige konkretere Anregen hinzu. Als Erstes müssen wir davon ausgehen, dass (abgesehen von den um ihre Auflagen kämpfenden kirchlichen Zeitschriften und den weit verbreiteten Pfarrblättern) kaum mehr kircheneigene Medien zur Verfügung stehen. Darum ist die Kirche auf den Goodwill der Journalistinnen und Journalisten in den «säkularen» Medien angewiesen. Dieses Wohlwollen kann sie leicht verspielen, wenn Kirchenverantwortliche sich immer wieder genüsslich in Medienschelten ergehen. (Ein krasses Beispiel habe ich in den 80er Jahren erlebt, als mir ein Theologe, der bei einem Lokalradio arbeitete, klagte: «Seit der Papst in einer Ansprache die Journalisten frontal angegriffen hat, habe ich die allergrösste Mühe, bei meinen Kollegen ein kirchliches Thema unterzubringen.» ­ In seiner neuesten Medienbotschaft spricht Johannes Paul II. nun mit Hochachtung von den Medienschaffenden.)
Ein weiterer Impuls, der sich nicht nur an Würdenträger richtet: Scheuen wir uns nicht, in den Medien aufzutreten; auch dann, wenn es uns ungelegen kommt. (Ich denke da an einen Priester, der in einem Konfliktfall vom Fernsehen um ein aktuelles Statement gebeten wurde, es aber vorzog, sich zum feiertäglichen Festessen zurückzuziehen, nachher sich aber über jemanden aufregte, der in der betreffenden Fernsehsendung in einer unerfreulichen Art und Weise auftrat.)
Einen ganz einfachen Zugang zum Gespräch mit der Gesellschaft bilden die Leserbriefseiten. Es ist für mich ärgerlich, mitanzusehen, wie beispielsweise in der Neuen Luzerner Zeitung noch und noch fremdenfeindliche Briefe zu lesen sind. Ich habe schon oft und mit wenig Erfolg versucht, Mitbrüder und Schwestern aus den Orden zu animieren, ihre im privaten Gespräch geäusserten gegensätzlichen Haltungen öffentlich zu formulieren.
Schliesslich eine Anregung für alle, die am Mediensonntag predigen: Erinnern wir die «Rezipienten» an ihre «Informationspflicht». Plakativ ausgedrückt: Wer die Medien bloss nützt, um Krimis und Sportsendungen anzuschauen (womit nichts gegen diese Genre gesagt sei!), versündigt sich am Auftrag, die Welt zu verstehen und zu verändern.

 

Der Autor, ein Kapuziner, ist Redaktor der Eine-Welt-Zeitschrift ite und freischaffender Journalist.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999