17/1999

INHALT

Leitartikel

KAB - Das "soziale Gewissen"

von Regina Osterwalder

 

Am letzten Samstag feierte die Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung der Schweiz ihren hundertsten Geburtstag. Das Jubiläum stand unter dem Thema «KAB gestern ­ heute ­ morgen». Beginnen wir also mit dem Gestern. Als die KAB 1899 in St. Gallen gegründet wurde, war es acht Jahre her, seit Leo XIII. die Sozialenzyklika «Rerum novarum» veröffentlichte. Diese Enzyklika ­ so wurde während des Gottesdienstes im Predigtgespräch gesagt ­ habe damals nicht nur am Gründungsort St. Gallen eingeschlagen, ihr Echo sei in der ganzen christlichen Welt gross gewesen. Diese Sozialenzyklika hat der Gründung der KAB durch Kanonikus Johann Baptist Jung (1861­1922) und den späteren Bischof Alois Scheiwiler (1872­1938) die wichtigen Impulse gegeben, rief doch Papst Leo XIII. «zur Gründung katholischer Arbeitervereine auf», sprach sich aber klar gegen den Liberalismus und den Sozialismus aus. Der Gründung des «Katholischen Arbeitervereins St. Gallen Dom», der als «Urzelle der KAB» gilt, folgten rasch weitere lokale Organisationen, «zuerst in der Ostschweiz, dann in der ganzen Deutschschweiz».
Die Menschen, die sich in der KAB engagierten, gründeten aufgrund der aktuellen Situation der Mitglieder Selbsthilfe-Organisationen wie zum Beispiel Sparkassen, Wohnbaugenossenschaften, Wöchnerinnenkassen und Arbeitslosenkassen. Auch die Arbeiterinnen waren seit der Gründung aktiv<1>. Exerzitien und Haushaltkurse gehörten damals zum Programm dieser Vereine. «So wertvoll und notlindernd diese Haushaltkurse auch waren, das bestehende Rollenbild der Frau wurde damit natürlich gestützt».
Im Jahre 1956 wurde das Hilfswerk «Brücke der Bruderhilfe» gegründet, das vor vier Jahren mit dem CNG-Hilfswerk zu «Brücke-Cecotret» zusammengelegt wurde. Jahr für Jahr waren viele Sektionen für dieses Hilfswerk aktiv. Dabei war der KAB nicht nur die Sammeltätigkeit wichtig, sondern auch die Sensibilisierung für die Drittweltproblematik.

KAB ­ heute

Während der Jahre 1989 und 1998 reformierte sich die KAB grundlegend. Die Erneuerung der KAB Schweiz fiel in eine Phase, in der die Schweizer von einer Unsicherheit zur anderen schwankten. Die steigende Zahl von Erwerbslosen, die innert sieben Jahren, von 1990 bis 1997, um mehr als das Zehnfache stieg, machte vielen zu schaffen. Auch die tiefgreifenden Veränderungen in der Kirche Schweiz machten bei der KAB nicht Halt. «Anhaltender Mitgliederschwund, Finanzprobleme, ein neues Kirchen- und Laienverständnis und aktuelle Managementmethoden für Nonprofitorganisationen waren die besonderen Zeichen für einen Umbruch der KAB. Mit Elan wurde seit 1987 die KAB Schweiz reformiert. Neue Statuten wurden genehmigt, die Mitgliederbeiträge erhöht, der Zentralvorstand erhielt mehr Entscheidungsbefugnis und die Sektionen wurden durch eine Präsident(-inn)enkonferenz aufgewertet. Im März 1994 wurde das neue KAB-Leitbild «Im Alltag unterwegs» beschlossen, das die Spiritualität, die Solidarität und das konkrete Anpacken im Alltag in den Mittelpunkt stellte. Zur Erneuerung der KAB Schweiz gehörte auch die gleichberechtigte Führung des Verbandes durch Frauen und Männer. «Der vorgesehene Rhythmus zwischen Präsident/Vizepräsidentin und Präsidentin/Vizepräsident wurde seit 1973 eingehalten.
Das im Jahre 1963 gegründete Sozialinstitut entwickelte bis gegen Ende der 80er Jahre ein umfangreiches Dienstleistungsangebot. Die Umbruchstimmung der KAB Schweiz erfasste auch das Sozialinstitut, das 1991 neu eingerichtet wurde. Hans-Ulrich Kneubühler, der das Institut bis 1998 leitete, veröffentlichte neben seiner Vortragstätigkeit zahlreiche Artikel «zur sozialen Sicherheit, Familienpolitik, Arbeit und Arbeitslosigkeit sowie über Altersfragen». Grundlagen für die Arbeit des Sozialinstitutes bilden die Soziallehre der Kirchen und die christliche Sozialethik.
Der 1969 entstandene «Treffpunkt», das Christlichsoziale Magazin der KAB, rückte während der letzten Jahre wieder etwas näher zur Basis, doch der Auflagenschwund setzt sich fort.
Zur Reform der KAB Schweiz gehörte auch die konsequente Ausrichtung auf die Ehrenamtlichkeit. Über Jahrzehnte waren die Aufgaben in der KAB klar aufgeteilt. Während die Ehrenamtlichen die Sektionen führten, leiteten die Hauptamtlichen die Verbandszentrale. Seit 1991 hat sich auch dies grundlegend verändert.
Der KAB blieben auch Misserfolge nicht erspart. So musste die Familienhelferinnenschule in Melchtal geschlossen und das Soziale Seminar im Jahre 1998 aufgelöst werden.

KAB ­ morgen

Die KAB hat ihr 100-Jahr-Jubiläum aber nichtnur dazu genutzt, auf ihre hundertjährige «Erfolgsgeschichte» zurückzuschauen. Mit der Zukunft befasst sich die dritte Broschüre, welche die KAB aus Anlass ihres hundertjährigen Bestehens herausgibt<2>. Die KAB weiss für ihre Zukunft, dass sie «mit Honigverkauf und Kegelabend nicht überleben wird». Auch in Zukunft will die KAB ihr religiöses und gesellschaftliches Leben auf der bestehenden Soziallehre aufbauen und in der Kirche die «Sprache der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der Alleinerziehenden, der Ausgesteuerten usw. sprechen». Die KAB ist somit Anwältin für die Schwachen oder wie Toni Grob aus Gossau im Predigtgespräch während des Gottesdienstes treffend formulierte: «Die KAB muss im vermehrtem Masse eine Kämpferorganisation werden. Sie muss das soziale Gewissen in der Pfarrei sein.»
Einige Führungskräfte in der KAB haben das Jubiläum zum Anlass genommen, eine Analyse in Auftrag zu geben «KAB wohin?» und die Ergebnisse sprechen eine klare Sprache. Wichtig für die Zukunft der KAB ist die Frage, ob es ihr gelingt, sich rechtzeitig auf neue Entwicklungen auszurichten.
Das Jubiläum ist gefeiert und viele guten Wünsche begleiten die KAB Schweiz ins neue Jahrhundert. Hoffen wir, dass es der KAB gelingt, die Probleme, Fragen, Hoffnungen ihrer Mitglieder ernst zu nehmen und im Dialog mit anderen Bewegungen nach Lösungen zu suchen, die die Würde des einzelnen Menschen wahrt und den «aufrechten Gang» aller ermöglicht.


Anmerkungen

1 Rechtzeitig auf das 100-Jahr-Jubiläum der KAB Schweiz gibt der KAB-Frauenrat das Werk «Ein Jahrhundert Katholischer Arbeiterinnenbewegung» von Amadea Mathieu Anthamatten heraus, ein «Geschichts- und Dokumentationsbuch über die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen in diesem Jahrhundert». Das Buch kann bei der Brunner AG, Arsenalstrasse 24, 6011 Kriens, bezogen werden.

2 Die drei Hefte, die von der KAB Schweiz zum 100-Jahr-Jubiläum herausgegeben werden, sind zu beziehen bei: Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbewegung der Schweiz, KAB, Postfach 1663, 8031 Zürich.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999