16/1999

INHALT

Leitartikel

Ein denkendes Schilfrohr

von Rosmarie Tscheer

 

Il faut se connaître soi-même. Quand cela ne servirait pas à trouver le vrai, cela au moins sert à régler sa vie, et il n'y a rien de plus juste. Man muss sich selber erkennen. Falls dies nicht dazu dienen sollte, die Wahrheit zu finden, so dient es wenigstens dazu, sein Leben zu ordnen, und es gibt nichts Richtigeres. So lehrt Pascal in einem Pensées-Fragment, deren Reihenfolge und Einteilung jeder Herausgeber anders handhabt, da der Autor nur 382 der vorliegenden, zum Teil lediglich auf Zettelchen vermerkten 972 «Gedanken» und «Gedankensplitter» in 27 Papierbündeln geordnet hat, weshalb auch die von Pascal beabsichtigte «endgültige Einteilung» nicht wirklich entschieden werden kann.
Der Mathematiker und Physiker Blaise Pascal (1623­1662), der als Elfjähriger bereits eine Abhandlung über Töne verfasste und mit zwölf Jahren aus eigenem Antrieb und Interesse den Euklid neu, bis zum 32. Lehrsatz des 1. Buches entdeckte, er, der gemäss seiner Herkunft und Bildung vom Rationalismus herkommt, der seine Zeit prägt und in Descartes (1596­1650) einen Höhepunkt erreicht, beginnt 1657 eine Apologie des christlichen Glaubens zu schreiben. Neben weiteren wissenschaftlichen Arbeiten wie den «Eléments de géométrie» (Grundelemente der Geometrie), die er auf Wunsch des geistlichen Leiters von Port-Royal, Antoine Arnauld (1612­1694) für die Schüler dieses renommierten Bildungsinstituts verfasst, trägt er allmählich seine «Gedanken über die Religion und einige weitere Themen» zusammen. So entsteht in aller Stille und im eigentümlichen Gegensatz zu seinen Kampfschriften und Auseinandersetzungen sein grösstes und reifstes Werk.
Dem gehen allerdings innere Wandlungen voraus. Eine erste wird zwischen Januar und April 1646 gesehen: Blaise und seine zwei Jahre jüngere Schwester Jacqueline wohnen mit dem Vater in Rouen. Dieser verrenkt sich den Oberschenkel und nimmt in der Folge ärztliche und pflegerische Hilfe zweier ehemaliger Kriegsleute aus dem Landadel entgegen, die ihnen Werke von Jean Duvergier de Saint-Cyran (1581­1642) zu lesen geben und sie mit jansenistischen Ideen vertraut machen. Offenbar entspricht diese rigorose Selbstkontrolle, das Bild eines strengen, strafenden Gottes, der andererseits zur tätigen Nächstenliebe aufruft, Blaise Pascal, diesem unermüdlichen, jungen Gelehrten, der auf seine delikate Gesundheit wenig Rücksicht nimmt. Er stürzt sich richtiggehend in seine Arbeit, wiederholt beispielsweise die Versuche Torricellis (1608­1646), eines Galilei-Schülers mit dem Quecksilber-Barometer, wobei er von seinem Schwager, Florin Périer, tatkräftig unterstützt wird, und widerlegt solchermassen die aus der Antike stammende Lehre, dass die Natur den «horror vacui», Furcht vor der Leere habe, diese daher nicht vorkomme. Diese sowie eine ganze Anzahl weiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse legt er in Abhandlungen dar, erfindet eine neue Rechenmaschine und korrespondiert mit dem Mathematiker Fermat (1601­1665), weil sich beide mit der Infenitesimalrechnung befassen.
Im Laufe des Jahres 1654 fällt Pascal jedoch in eine tiefe Daseinskrise, packt ihn ein Abscheu des mondänen-gesellschaftlichen Lebens, an dem er zuvor selber teilgenommen und Gefallen gefunden hatte, und er bittet namentlich in den Monaten September­Oktober seine Schwester Jacqueline um Hilfe, die inzwischen in Port-Royal eingetreten und am 5. Juni 1653 die Profess als Ordensfrau abgelegt hat.
In der Nacht vom Montag, 23. November 1654 erfährt er eine zweite innere Wandlung, und zwar indem ihm zwischen halb elf und halb ein Uhr ein wunderbares mystisches Erlebnis, eine einmalige Gotteserfahrung zuteil wird, die ihn so sehr überwältigt, dass er sie noch in der gleichen Nacht in einem «Mémorial» festhält, dieses in sein Wams einnäht und bis zu seinem Tode auf sich trägt.
Im Januar 1655 bringt er einen ersten kurzen Aufenthalt in Port-Royal zu, schliesst mit verschiedenen Lehrern, die hier wohnen und ihren Studien obliegen, den «Solitaires», wie sie heissen, Freundschaft und verteidigt sie in der immer härter werdenden Auseinandersetzung mit den Theologen der Sorbonne, die ihnen ihre jansenistische Ausrichtung vorwerfen, Arnauld am 14. Januar 1656 wegen dieser Lehren verurteilen. Zudem verfasst Pascal vom 23. Januar 1656 bis 24. März 1657 in 18 scharfzüngigen Briefen den «Provinciales», eine vernichtende Kritik der jesuitischen Beichtpraxis, wobei er das Buch «Gewissenserforschung der Beichtväter und Verhalten der Beichtenden» des Kasuisten Antonio de Escobar (1589­1669) ins Visier nimmt, diese Moralauffassung ironisiert, aus seiner Abneigung kein Hehl macht. Indessen hat auch Pascal seinen Widerspruch, ist kein Heiliger. Andererseits schreibt er an seinem weitangelegten, apologetischen Werk, den «Pensées».
Im Unterschied zu Descartes, der sämtliche Bereiche, auch den Bereich des Glaubens dem Zweifel unterwarf, dem Verstand Autonomie und alleinige Autorität zuerkannte und damit den Menschen als «res cogitans» (als denkendes Ding) ganz auf sich gestellt hat, misst Pascal dem Verstand zwar grosse Bedeutung zu, zeigt jedoch auf, wie sehr der christliche Glaube und die Erfahrung aus dem Glauben in seinem Weltbild Geltung haben, für ihn unverzichtbar sind. Dabei handelt es sich um den dogmatisch begründeten, kirchlichen Glauben. Gemäss dieser Weltsicht kann der Mensch im Gegensatz zu den Philosophen der Aufklärung in Übereinstimmung mit der Natur, der Tierwelt und dem Schöpfergott leben. Zwar ist es ein «verborgener Gott» (Deus absconditus). «Dieu s'est voulu caché» formuliert Pascal. Doch weist dieser jedem Ding und jedem Lebewesen seinen Platz zu. In dieser gewaltigen Synthese des Universums fragt er: «Was ist der Mensch?» und antwortet: «Ein Nichts im Hinblick auf das Unendliche, ein All im Hinblick auf das Nichts, ein Mittelding zwischen Nichts und All.» Ferner ist er weder ein Engel noch ein Tier. Vielmehr ist er, «wenn auch das schwächste Schilfrohr in der Natur, ein denkendes Schilfrohr». Tatsächlich sieht Pascal in der Denkfähigkeit die höchste Würde des Menschen. Er soll sich daher «am Denken aufrichten und nicht an Raum und Zeit, die wir nicht ausfüllen können». Gott aber neigt das Herz zum Glauben und zur Liebe, so dass der Mensch zur Einformung in Gottes Willen bereit ist wie Pascal selber, der gemäss den Aussagen seiner Angehörigen und des Priesters, Père Beurrier, Pfarrer von Saint-Etienne-du-Mont, nach langem und schmerzvollem Kranksein mit 39 Jahren in grosser Demut stirbt.

 

Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe hauptsächlich des romanischen Kulturraumes.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999