15/1999

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Leitartikel

Leben ist mehr

von Weihbischof Martin Gächter

 

Negative Schlagzeilen über die Kirche sind allen bekannt: Der Gottesdienst nimmt ab, auch unter den Jugendlichen. Die Kirchenaustritte nehmen zu. Die Kirche überaltert. Priester- und Ordensberufe sind bei jungen Menschen seltener geworden. In diese etwas depressive Stimmung hinein ist zum Weltgebetstag für Kirchliche Berufe (25. April 1999) die neue Werkmappe der IKB erschienen: «Leben ist mehr. Spirituelle Orte und Wege der Gotteserfahrung heute.» Sie will aufstellende Anstösse geben, nicht nur für den Guthirtsonntag, sondern fürs ganze Jahr. Alle sollen in der Kirche aufgemuntert werden, gerade auch die Seelsorger und Seelsorgerinnen, die in ihrem schweren Amt müde werden können. Für Resignation in den kirchlichen Berufen gibt es heute viele Gründe: die Arbeit wird immer grösser, die Mitarbeiter aber nicht zahlreicher. Viele Leute «brauchen» die Kirche und ihre Seelsorger offenbar nicht mehr. Sie wollen, wenn möglich, alles selber machen, ausser wenn sie bei besonderen Gelegenheiten wie zum Beispiel Taufe, Hochzeit, Todesfall doch noch einen «Pfarrer» brauchen. Der sollte dann so schnell wie eine Feuerwehr da sein, die Arbeit wie gewünscht erledigen, dann aber auch wieder diskret verschwinden.
Doch kann nicht jeder diesen Dienst leisten, auch wenn er noch möchte. Ein verheirateter Laientheologe, eine Pastoralassistentin ist eben nicht Priester und kann den Priester nicht in allem ersetzen. Das frustiert, und zwar alle, vom Laien bis zum Priester. Schweizer Bischöfe setzen sich in der Weltkirche, in andern Ländern, bei Bischöfen in der weiten Welt für die Weihe von bewährten Männern (viri probati) zu Priestern ein. Sie müssen aber feststellen, dass sie in der Weltkirche nur wenig Unterstützung finden für dieses Anliegen. So werden wir wohl noch lange warten müssen, bis der Wunsch vieler Schweizer Katholiken erfüllt wird: die Priesterweihe verheirateter Männer und die Diakonenweihe für Frauen. Wie aber können die Schweizer Katholiken das ertragen? Werden sie unterdessen die seltenen Berufungen zum zölibatären Priestertum freudig unterstützen? Sehen sie ein, wie viel verloren geht, wenn unsere Orden zu wenig junge Berufungen haben und wichtige Klöster und Niederlassungen schliessen müssen?
In dieser depressiven Stimmung tut das Leitwort «Leben ist mehr» gut. Es erinnert daran, dass die Kirche nicht nur aus uns besteht, sondern dass Kirche immer «Christus und wir» ist. Mit dem auferstandenen Herrn vermögen wir viel mehr als mit unseren eigenen Kräften. Wo Christus ist, da ist auch sein Geist, der lebendig macht und Liebe weckt. Er stärkt unser Vertrauen in den gütigen Vater, der uns alles Leben schenkt und erneuert.
Leben ist mehr! Das spüren heute viele. Sie weisen auf das Unsichtbare hin, das Göttliche, das Transzendente. Sie leben einen Gottesbezug mitten in der Welt. Daher sind Gottesdienste ausserhalb des sakralen Kirchenraumes, im Freien, im Wald, im Park so beliebt. Viele schätzen es, wenn sie Religion und Kirche mitten im profanen Alltag erleben können. Leben ist mehr! Mitten im Leben scheint Gott auf.
Dabei fällt allerdings auf, wie oft von einem sehr allgemeinen und konturlosen Gott gesprochen wird. Das Reden von Christus geht zurück. Unsere Jugendverbände konnten mit steigendem Absatz einen sehr schönen Adventskalender verbreiten, in dem Jesus gar nicht vorkommt: ein christlicher Advent ohne Christus! Eine neue theologische Strömung redet vermehrt vom «Reich Gottes», dafür weniger von Jesus Christus. «Reich Gottes kann alles oder nichts bedeuten», wurde im Basler Priesterrat festgestellt. Erst mit Christi Leben, Wirken und Reden wird das Reich Gottes deutlich und real. Leben ist mehr! Das zeigt Gott, wenn er in Jesus Christus selber Mensch wird. Wie ein Mensch kann er sich freuen und ängstigen, leiden und hoffen. Der Gottmensch Jesus Christus bleibt der Massgebende. Alle kirchlichen Berufe, die geweihten und ungeweihten, Frauen und Männer führen zu Jesus hin, dem Erlöser der Menschen. Das gemeinsame Priestertum aller Getauften ist nicht eine Einebnung des Weihepriestertums, sondern das bewusste Zeugnis für Jesus, den Priester, Propheten und guten Hirten, mitten in der Welt. Alle Christen können immer und überall zeigen: Leben ist mehr! Es kommt von Gott.

 

Martin Gächter, Weihbischof im Bistum Basel, nimmt in der Bischofskonferenz eine besondere Verantwortung für die Bereiche Geistliche Gemeinschaften, Jugend, Laienapostolat und Geistliche Bewegungen wahr.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999