12/1999

INHALT

Leitartikel

Katholische Kirche wohin?

von Rolf Weibel

 

Die These der Spätaufklärung und des Atheismus, «Religion» werde sich einmal durch «Wissenschaft» ersetzen lassen, hat sich als Irrtum erwiesen. Eine Renaissance von «Religion» ist indes weniger in den Kirchen als vielmehr in einer «neuen Religiosität» auszumachen; die Kirchen zeigen nämlich Ermüdungserscheinungen.
Nach der Reformation begegnet uns in den von ihr geprägten Ländern «Religion» nicht einfach als «Religion» bzw. als Christentum, sondern als «Religionsparteien» bzw. Konfessionskirchen. Dabei wurden die konfessionellen Unterschiede nicht nur als unterschiedliche religiöse Kulturen wahrgenommen ­ die sie auch sind ­, sondern als sich ausschliessende Heilswahrheitsansprüche zur Geltung gebracht. Dass die Konturen dieser Konfessionskirchen zunehmend abgeschliffen und von anderen religiösen Konturen überlagert oder ersetzt wurden und werden, ist schon länger zu beobachten. Diese Beobachtung lässt die Frage aufkommen, wie sich diese Konfessionskirchen wohl weiter wandeln werden, auf welche Gestalt von Kirchlichkeit hin sie sich wohl noch entwickeln werden. Eine Antwort auf diese Frage skizziert Michael N. Ebertz im Schlusskapitel seiner sozialwissenschaftlichen Habilitationsschrift, für die er demoskopische und statistische Befunde der letzten Jahrzehnte zusammengetragen und ausgewertet hat.<1>
Zunächst untersucht er den Wandel vor allem der römisch-katholischen Kirche in Deutschland, dem der Wandel der römisch-katholischen Kirche in der (deutschsprachigen) Schweiz vielfach entspricht. Hier kann er zunächst einen Wandel «von der Konfessionalisierung zur Entkonfessionalisierung» aufzeigen; die Relativierung konfessioneller Differenzen ist, wenn auch nicht in ihrem Verlauf, so doch als Ergebnis einer Entwicklung auch in der Schweiz klar belegt.<2> Anschliessend zeigt Michael N. Ebertz auf, wie sich die Religiosität entwickelt hat; den kategorialen Bereichen «Riten» und «Glaubensüberzeugungen» entlang macht er eine Entwicklung «von der Verkirchlichung zur Entkirchlichung» aus: Die Kirche hat sich im Bewusstsein ihrer Mitglieder von der «Gnadenanstalt» ­ der Instanz bzw. Institution zur Vermittlung des jenseitigen Heils ­ entfernt hin zu einer Dienstleistungsorganisation.
Als Gründe für diese Entwicklung stellt der Soziologe zunächst die gesellschaftlichen Veränderungen heraus, von der auch das religiöse Denken, Fühlen und Handeln nicht unberührt bleiben konnte, nämlich die Lockerung und Entflechtung des Verhältnisses von Sozialstruktur, Kultur und Einzelmensch. Aber nicht nur die strukturell, kulturell und individuell pluralisierte Gesellschaft ist ursächlich beteilgt, sondern auch die Kirche selbst, insofern der Relativierungsdruck nicht nur von aussen kommt, sondern auch in ihrem Innern wirksam ist. Selbst von kirchlichen Entscheidungsträgern her sei «eine Erosion von Elementen in Gang gesetzt worden, die bisher unauflöslich zu einem symbolischen System verflochten waren», nämlich zur römisch-katholischen Konfessionskirche. Diese Erosion beschreibt Michael N. Ebertz im Anschluss an religionssoziologische Klassiker näherhin als Deinstitutionalisierung, das heisst Entinstitutionalisierung der typisch römisch-katholischen Gnadenanstalt. Dazu gehört für ihn zentral der Verlust der Balance aus Momenten der Exklusion und Inklusion in der Eschatologie, das heisst im Verweisungszusammenhang von Leben und Tod, Sünde und Gnade, Gericht und Gerechtigkeit und deshalb Himmel und Hölle, aber auch Fegefeuer. Die traditionelle eschatologische Wissenstradition sei marginalisiert oder gar aufgegeben worden, indem die stabilisierte Spannung zwischen inklusionistischen und exklusionistischen Momenten durch ein Inklusionskonzept des transzendenten Glücks ersetzt worden sei: Der Himmel ist nun sozusagen «geschenkt».<3>
Was bedeutet diese Erosion des Gnadeninstitutionellen der Kirche für die Kirche heute und morgen? Für Michael N. Ebertz ist sie erstens «ein entscheidender Bezugspunkt des Fundamentalismus im Katholizismus, seiner Agitationsgruppen und Protestbewegungen», wobei ihr Spektrum sehr breit ist. Zweitens stellt der Soziologe eine Milieuverengung der «Gemeinden» bzw. der Pfarreien fest. Nachdem sich die Milieus, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatten, aufgelöst haben, sind neuartige Milieus entstanden; diese neuen Milieus sind in den kirchlichen Gemeinden sehr unterschiedlich und zum Teil überhaupt nicht vertreten, was soziale und kulturelle ­ auch ästhetische ­ Begrenztheiten und Beschränktheiten zur Folge hat. Drittens entwickelt sich die Kirche «von der Überzeugungs- zur Dienstleistungsorganisation», was im übrigen auch für die Schweiz belegt ist. Das Kirchenverhältnis der Mitglieder folgt immer weniger den Mustern und Plausibilitäten einer Überzeugungsinstitution ­ wie der Gnadenanstalt ­ und immer mehr jenen einer Dienstleistungsorganisation; Kirche wird immer mehr «als ­ situativ und fallweise, vor allem rituell und caritativ genutzte ­ Dienstleistungs- und religiöse Vorsorgeorganisation» begriffen. Gleichzeitig bilden sich kircheninterne Differenzierungen assoziativer Art ­ wie Neue Geistliche Gemeinschaften oder kircheninterne Sondergruppen ­ heraus. Für den Soziologen bewegt sich Kirche so auf ein «Ensemble von zeitweilig miteinander vereinigter, jedenfalls mehr oder weniger auf- und auch gegeneinander bezogener, variabler Sozialformen des Christentums im Rahmen einer verblassenden konfessionellen Tradition» zu. Das Verbindende wäre dann noch ein gemeinsames Interesse ihrer Repräsentanten und Mitglieder sowie ihre Beteiligung am Fortbestehen dessen, was die Theologie Kirche nennt. So erklärt ein Soziologe gleichsam die ihm plausibel erscheinende künftige Sozialgestalt von Kirche; die Theologie müsste diese Wirklichkeitswahrnehmung und -erklärung als Herausforderung aufnehmen und darauf aus ihrer Sicht angemessen zu antworten suchen.


Anmerkungen

1 Michael N. Ebertz, Erosion der Gnadenanstalt? Zum Wandel der Sozialgestalt von Kirche, Verlag Josef Knecht. Frankfurt am Main 1998, 384 S. Eine Kurzfassung erschien zuvor unter dem Titel: Kirche im Gegenwind. Zum Umbruch der religiösen Landschaft, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 21998; vgl. dazu SKZ 166 (1998) Nr. 3, S. 33f.

2 Alfred Dubach und Roland J. Campiche (Hrsg.), Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung, Zürich und Basel 1993.
Dass die ökumenischen Konvergenz- und Konsenstexte «konfessionelle Nivellierungstendenzen auf höchster kirchlicher Entscheidungsebene» verraten sollen (S. 60), behauptet Michael N. Ebertz ohne zu argumentieren.

3 Selbst den «Katechismus der Katholischen Kirche» charakterisiert Michael N. Ebertz diesbezüglich als Kompromiss, so dass ich mich hier wie in anderen Zusammenhängen frage, was ihm wohl wichtiger ist, die Dienlichkeit eines Codes für die Institution oder für die «Wahrheit».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999