11/1999 | |
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Leitartikel |
Die Theologische Fakultät Luzern und die Schweizerische Kirchenzeitung
können dieses Jahr 100 Jahre institutionalisierte Zusammenarbeit begehen.
Angekündigt wurde diese Zusammenarbeit vom damaligen Bischof von Basel,
Leonhard Haas, am 18. Dezember 1899: Er habe «die künftige Leitung
der ÐKirchenzeitungð der theologischen Lehranstalt in Luzern übertragen...
An der Spitze des Blattes stehen die dermaligen Professoren der Theologie
und die geistlichen Professoren des dortigen Lyzeums...»<1>
Als Chefredaktor wurde Albert Meyenberg bestimmt, «der seine Mitarbeiter
unter seinen Kollegen, den Professoren der Universität Freiburg und
des Seminars in Chur, St. Gallen und anderwärts finden wird».
Der Bischof erwartete von dieser Zusammenarbeit eine Stärkung der «Kirchenzeitung»
als «Fachblatt»: «Die Zeitung bekommt so einen mehr wissenschaftlichen
Charakter, ohne indessen den praktischen aufzugeben.» In Kraft getreten
ist diese Zusammenarbeit mit dem Jahre 1900, so dass im Januar dieses Jahres
genau 100 Jahre Zusammenarbeit erreicht wurden.
So stattlich diese grosse Zeitspanne auch ist, für die Theologische
Fakultät bedeutet sie bloss einen Viertel ihres Bestehens, denn die
Fakultät selber, «die älteste katholisch-theologische Ausbildungsstätte
und Wissenschaftsinstitution im Raum der heutigen Schweiz»<2>, kann auf eine vierhundertjährige Geschichte
zurückblicken. Die Vorgeschichte der Luzerner Hochschule beginnt in
der Zeit der Tridentinischen Reform, als Luzern als Vorort der katholischen
Eidgenossenschaft eine Schulgründung wagte und damit die Berufung der
Jesuiten verband. Am 17. August 1574 eröffnete P. Vitus Liner im Gasthaus
«Zum Schlüssel» bei der Franziskanerkirche eine Schule,
die sich indes erst entwickeln konnte, nachdem die Stadt nach harten Verhandlungen
am 10. Mai 1577 in einem Stiftungsbrief einen angemessenen Ausbau versprochen
hatte. Das «Verkomnuss von gemehrter Schuelen wegen» vom 1.
Juli 1600 begründete dann durch Einführung der Dialektik
und der «casus conscientiae» neben dem jesuitischen Gymnasium
die höheren Studien der Philosophie und Theologie, womit der Anfang
der Hochschule gesetzt war. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts wurde denn auch
bereits häufig zwischen «studia inferiora et superiora»
unterschieden, und im 18. Jahrhundert bürgerte sich die Unterscheidung
von Gymnasium und Lyzeum ein.
Nach der päpstlichen Aufhebung des Jesuitenordens ging das Luzerner
Jesuitenkolleg mitsamt seinen Stiftungen und Gütern 1774 in den Staatsbesitz
über. 1883 übersiedelte die theologische Abteilung des Lyzeums
als «theologische Lehranstalt» in das neu erbaute Priesterseminar
des Bistums Basel, und 1910 erfolgte die institutionelle Verselbständigung
durch die Errichtung eines eigenen Rektorates für die Theologische
Fakultät. Nach der räumlichen Trennung vom Priesterseminar und
einem angemessenen Ausbau der Fakultät verlieh ihr der Luzerner Regierungsrat
1970 das Promotions- und Habilitationsrecht; die päpstliche Bestätigung
erfolgte 1973.
Ab 1900 leistete die theologische Lehranstalt bzw. Theologische Fakultät
mit der Redaktion der Schweizerischen Kirchenzeitung dem Bistum Basel und
seinen benachbarten Bistümern stetige publizistische Dienste. Der erste
Chefredaktor, Albert Meyenberg, war als kirchlicher Publizist, Kanzel- und
Vortragsredner über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt.<3> Die 100-jährige Zusammenarbeit von Schweizerischer
Kirchenzeitung (SKZ) und Theologischer Fakultät Luzern feiern wir in
zweifacher Weise zukunftsgerichtet:
Die SKZ wird in regelmässiger Folge die Lehrstuhlinhaberin und die
Lehrstuhlinhaber bzw. deren Vertretungen die an der heutigen Fakultät
vertretenen Disziplinen vorstellen lassen. Damit erweist die SKZ ihrerseits
der Theologischen Fakultät einen publizistischen Dienst.
An der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern
wird am 13. November 1999 eine Tagung zum Thema «Kirche in der Öffentlichkeit»
veranstaltet. Mit dieser Tagung begehen wir auch das 25-Jahr-Jubiläum
von Dr. theol. Rolf Weibel als Hauptredaktor. Alle SKZ-Leserinnen und -Leser
sind dazu herzlich eingeladen.<4>
Diese Feier steht für die vom Zweiten Vatikanischen Konzil eröffneten
neuen Möglichkeiten, Laien auch zentrale kirchliche Ämter zu übertragen,
da sowohl der Hauptredaktor der SKZ als auch der derzeitige und neue Dekan
der Theologischen Fakultät Prof. Walter Kirchschläger, ab
1.Oktober 1999: Prof. Adrian Loretan «Laien» sind.
Ebenfalls ein Ergebnis des Konzils ist die institutionalisierte Zusammenarbeit
der deutschschweizerischen Bistümer und Bistumsanteile (FR und VS)
bei der Kirchenzeitung. Bereits Bischof Leonhard Haas konnte bekannt geben,
die Bischöfe von St. Gallen und Chur hätten den von ihm angeordneten
neuen Kurs der Zeitung gutgeheissen und die übrigen würden folgen.
Seit 1968 bestimmen die Bistümer den Kurs gemeinsam wie die Kirchenzeitung
nicht mehr nur Sache «des katholischen Klerus der Schweiz»,
sondern gemeinsame Sache aller Seelsorgerinnen und Seelsorger, aller in
der Kirche Mitwirkenden geworden ist.
Prof. Adrian Loretan ist der von der Theologischen Fakultät Luzern in die Redaktion der SKZ Delegierte.
1 Auf der Frontseite der Schweizerischen Kirchen-Zeitung vom 23. Dezember 1899.
2 Manfred Weitlauff, Luzern, Theologische Fakultät, in: TRE 21 (1991) 630634, Zit. 630.
3 Peter Schmid, Kirchentreue und christlicher Pragmatismus. Die Friedensarbeit und sozialethische Verkündigung des Luzerner Theologen Albert Meyenberg (1861 1934), Bern 1987.
4 Ausführliche Programme können bestellt werden am Lehrstuhl für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht bei Frau Belliger, Postfach 7424, 6000 Luzern 7.
Nur noch selten wird heute bestritten, dass sich christliche Theologie
mit dem sogenannten Alten Testament zu befassen habe. Am Ende eines Jahrhunderts,
da Christen zurückblicken müssen auf die fatalen Folgen der verratenen
Verwandtschaft mit dem Judentum, in dessen Schoss die besagte Schriftensammlung
entstanden ist, stellt sich die Frage nach der Bedeutung der vorchristlichen
Bibel für uns Christen mit besonderer Dringlichkeit.
Bloss verbal beteuerte Hochschätzung durch lehramtliche Verlautbarungen,
fakultative liturgische Perikopenordnungen und bibelkatechetische Lehrpläne
kostet allerdings viel weniger als die fällige vertiefte Neubegegnung
der real existierenden Kirchen mit ihrer Basis (in Bildern des Römerbriefes
Kap. 11 gesagt: der «Zweige, die aus dem von Natur wilden Ölbaum
herausgehauen und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft»
worden sind, mit ihrer «Wurzel»). Solange die Tora nicht in
massgeblichem Umfang zur liturgischen Pflichtlektüre gehört, erwarte
ich keine echte Annäherung...
Die Disziplin Exegese des Alten Testaments an einer Theologischen Fakultät
(TF) hat in erster Linie die Lese-Kompetenz derjenigen zu fördern,
die mit den einschlägigen Texten umgehen. Es geht also im Grund um
«Lektorenschulung»; lesen heisst ja biblisch in erster Linie
vorlesen, (Prototyp eines exemplarischen Bibellesers ist etwa Baruch in
Jeremia 36), denn die meisten biblischen Texte wenden sich zunächst
ans Ohr (dieser Tatsache trägt noch heute das laute Lesen in der sprichwörtlichen
Judenschule Rechnung!).
Anders als beim Produzieren von «kalten» optischen Zeichen auf
einem Bildschirm oder auf Papier oder beim blossen Abliefern von Schriftstücken
durch einen «Briefträger» verrät die Stimme eines/einer
Vortragenden unwillkürlich einiges darüber, wieweit er/sie in
der Welt des referierten Textes zuhause ist, von der Intention des Autors/der
Autorin eine Ahnung hat und sich darauf einlässt. (So lässt sich
beispielsweise auch begründen, warum trotz der Erfindung des Buchdrucks
die «Kommunikationsform Vorlesung» ihre Daseinsberechtigung
behält...)
Das Vorhandensein eines gleichsam gefrorenen Aggregatzustandes von Worten
in Form von Buchstabenfolgen erleichtert es andererseits Vortragenden, die
Differenz zwischen eigener Rede und korrekt und redlich zu vermittelndem
Auftrag im Namen eines Dritten klarzumachen.
Auffällig über Methodenfragen (vgl. als Überblick: Manfred
Oemig, Biblische Hermeneutik. Eine Einführung, Darmstadt 1998). Seit
verschiedenartige Formen der Aneignung biblischer Texte nicht mehr als Ausdruck
vielfältiger Fruchtbarkeit, sondern als kirchentrennendes Gezänk
erfahren wurden, ergab sich die Notwendigkeit, die Auslegung einer selbstherrlichen
Autorität zu überlassen oder Regeln auszuhandeln, die ein gedeihliches
Miteinander ermöglichen. Vor allem in akademischen Kreisen zunächst
an evangelischen theologischen Fakultäten haben sich unter dem
Einfluss von Geschichts- und Literaturwissenschaften die Methoden einer
Exegese durchgesetzt, die sich historisch-kritisch nennt. Hier wird zunächst
versucht, durch den Vergleich möglichst umfassend gesammelter alter
Handschriften und rekonstruierbarer Vorlagen früher Übersetzungen
einen Grundlagentext zu erstellen, wie er auf die ursprünglichen Verfasser
oder die frühesten Herausgeber zurückgehen könnte, oder aber
eine Textgestalt, wie sie jenen jüdischen oder christlichen Autoritäten
vorgelegen haben wird, welche die Kanongrenzen festlegten. Weil die meisten
biblischen Bücher nur sehr begrenzt Werke eines einzelnen Autors, sondern
vielmehr Ergebnis eines Traditionsprozesses mit massiven korrigierenden,
aktualisierenden, ergänzenden Eingriffen von Bearbeitern sind, wird
eine Entstehungshypothese erarbeitet, die zuerst analytisch ursprüngliche
Einheiten von Nachträgen isoliert, Textgattungen mit ihrem Sitz im
Leben bestimmt, Vermutungen zur vorliterarischen Herkunft von Motiven anstellt
und dann synthetisch Trägerkreise von Überlieferungen und Interessen
zu benennen sucht, um schliesslich die Etappen von ersten vermutbaren Schriftstücken
bis zur ausgereiften redaktionellen Endgestalt nachzuzeichnen.
Die aufgezählten Untersuchungsmethoden erlangten Mitte dieses Jahrhunderts
mühsam und unter vielen Opfern die späte Anerkennung auch vonseiten
des katholischen Lehramtes. Doch gerieten sie zusehends auch unter Beschuss,
und zwar von verschiedener Seite.
Linguistische Postulate wurden erhoben, die einzig das werkinterne Funktionieren
von Elementen innerhalb eines Textes als Untersuchungsgegenstand gelten
lassen wollten.
Im Interesse des theologischen Ertrags wurden die ohnehin nur selten konsensfähigen
und mit arrogantem metasprachlichem Brimborium garnierten Entstehungshypothesen
als überflüssig abgetan und verlangt, die Forschungsenergie müsse
sich auf die Auslegung des kanonischen Endtextes konzentrieren.
Zunächst von ausserhalb der etablierten Zunft erhoben sich Vorwürfe,
die akademischen Fachvertreter fast ausschliesslich von weisser Hautfarbe,
männlichem Geschlecht und der oberen sozialen Mittelschicht angehörig
nähmen nicht wahr, von welchen versteckten Interessen ihre Fragestellungen
gesteuert würden. Vor allem aus befreiungstheologischen Kreisen der
Dritten Welt kamen Impulse zu einer nicht-idealistischen Lektüre von
unten. Eine faszinierende, gründliche und doch gut lesbare Studie,
welche zeigt, wie solche Anregungen von der historischen Kritik aufgenommen
werden können, findet man in: Frank Crüsemann, Die Tora. Theologie
und Sozialgeschichte des alttestamentlichen Gesetzes, München 1992.
Dank der gut etablierten Zusammenarbeit zwischen der Luzerner Hochschule
(UHL) und dem Schweizerischen Katholischen Bibelwerk (SKB) mit der
Übernahme durch Dr. habil. Urs Winter vom KIL blieb das Präsidium
fest in Luzerner Hand konnte Crüsemann seinerzeit seine Thesen
auch auf einer Arbeitstagung im Romero-Haus einem höchst interessierten
Publikum vorstellen.
Besonders fruchtbar erwiesen sich in den letzten Jahren hauptsächlich
im angelsächsischen, aber immer erfolgreicher auch im deutschsprachigen
Raum feministische Anfragen an alttestamentliche Texte. Eine Jahrestagung
der Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen katholischen Alttestamentler/Alttestamentlerinnen
mit rund 70 Teilnehmenden an der Luzerner Theologischen Fakultät hat
zu Beginn der 90er Jahre eine Reihe einschlägiger Publikationen ausgelöst.
Als Einführung zu empfehlen: Luise Schottroff/Silvia Schroer/Marie-Therese
Wacker, Feministische Exegese, Darmstadt 1995.
Wer sich als Laie an die Welt des AT heranführen lassen will, liest
mit viel Gewinn Ursula Struppe, Einführung in das Alte Testament, Stuttgart
1995, oder Thomas Staubli, Begleiter durch das Erste Testament, Düsseldorf
1997 (mit zahlreichen informativen und gelegentlich gar amüsanten Illustrationen).
Die klassischen Einleitungsfragen zur zweifachen, hebräischen und griechischen,
Gestalt des Ersten Testaments sowie zu den einzelnen Büchern werden
auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung kompakt (und preiswert) präsentiert
bei Erich Zenger u.a., Einleitung in das AT, 3., neu bearbeitete und erweiterte
Auflage, Stuttgart 1998.
Kommentarreihen empfiehlt man ungern pauschal. Meist erstreckt sich die
Erscheinungsweise über mehrere Jahrzehnte, und die Autoren reiten gelegentlich
unterschiedliche Steckenpferde.
Schon fast komplett sind die allerdings sehr knapp gehaltenen Kommentarbände
der Neuen Echterbibel. Kommentar zum AT mit der Einheitsübersetzung,
Würzburg 1980ff.
Vielversprechend angefangen hat der Neue Stuttgarter Kommentar AT, herausgegeben
von Christoph Dohmen, der mit begrenztem exegese-technischem Aufwand zuverlässig
orientiert und doch auch für Nichtfachleute lesbar bleibt.
Die Zürcher Bibelkommentare haben mit Othmar Keels Band zum Hohenlied
gezeigt, dass die Konfessionsgrenzen in der AT-Exegese keine grosse Rolle
mehr spielen.
Die dickleibigen klassisch-wissenschaftlichen Kommentare in deutscher Sprache
wie der KAT (Kommentar zum AT) und BK AT (Biblischer Kommentar AT, erscheint
faszikelweise) richten sich an ein professionelles Publikum und sind für
den Normalverbraucher kaum geniessbar.
Zu empfehlen sind als Nachschlagewerke mehrere der neuen Kommentarbände
des ATD, vor allem aber die thematischen Werke der dazugehörigen Ergänzungsreihe:
Rainer Albertz, Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit 1
und 2, ATD Ergänzungsreihe 8, Götttingen 1992/96.
Herbert Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen,
ATD Ergänzungsreihe 4, Göttingen 1984/86.
Walter Beyerlin (Hrsg.), Religionsgeschichtliches Textbuch zum AT, ATD Ergänzungsreihe
1, Göttingen 1975.
Eine analoge, umfangreichere, Materialsammlung, aber auch unverschämt
teuer, sind die «Texte aus der Umwelt des AT», herausgegeben
von Otto Kaiser, Gütersloh, 3 Bände, ab 1982.
Eine lange Liste von forschungsgeschichtlichen Darstellungen zu verschiedensten
Sachthemen bieten inzwischen die «Erträge der Forschung»
der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt.
Wer sich mit Gehalt und Bedeutungsgeschichte alttestamentlicher Begriffe
beschäftigen will, muss sich immer noch halten an: Theologisches Handwörterbuch
zum AT, herausgegeben von Ernst Jenni unter Mitarbeit von Claus Westermann,
München 1971/76, oder Theologisches Wörterbuch zum AT, herausgegeben
von Heinz-Josef Fabry und Helmer Ringgren, Bände IVIII, Stuttgart
19701995.
Weil die meisten biblischen Geschichten, die fingierten und die rapportierten,
nicht hinter den sieben Bergen spielen, sondern auf unserem realen Globus,
ist man einerseits dankbar für das Erschienene und wartet andererseits
ungeduldig auf die Komplettierung von Othmar Keel/Max Küchler/Christoph
Uehlinger, Orte und Landschaften der Bibel, Göttingen 1982/84ff. (Band
I und II, zwei Bände stehen noch aus).
Von seiner neuen Konzeption her gefällt mir auf dem Publikationsmarkt
schliesslich die Biblische Enzyklopädie, herausgegeben von Walter Dietrich
und Wolfgang Stegemann, Stuttgart 1996ff. (auf 12 Bände geplant, bisher
erschienen die Bände 1, 2, 3 und 5). Da hier jeweils die biblische
Selbstdarstellung einer Epoche, dann eine entsprechende Beschreibung nach
heutigen historiographischen Erkenntnissen und dann der theologische Ertrag
aus der Sicht des jeweils einen Autors formuliert werden, wird unübersehbar
dokumentiert, wie schwer uns heute eine solche Zusammenschau noch fällt.
Sie ist deswegen nur umso wichtiger.
Salopp gesagt: Die Zunft hat Mühe, mit der Bibel als Lesebuch umzugehen.
Man kann bei manchen Publikationen den Eindruck bekommen, die Bibel gelte
hier als ein erster, noch ziemlich missratener Entwurf einer Religionsgeschichte
Israels, den man inzwischen dank der Fortschritte der Archäologie durch
eine bessere Darstellung aus Primärzeugnissen ersetzen müsste.
Kanon für den Glauben und die Theologie bleibt aber die Bibel als Lesebuch.
Das entlastet im konkreten Umgang mit Texten auch von Zwängen, die
sich gewisse Auslegungsweisen selbst auferlegt haben.
Beispiel 1: Das AT stammt aus patriarchaler Zeit. Doch so wie nicht jeder
deutschsprachige Text, der zwischen 1933 und 1945 geschrieben worden ist,
faschistisch sein (oder aus der Schweiz stammen?) muss, sowenig erschliesst
mir der Sexismusverdacht jeden biblischen Text.
Beispiel 2: Manche biblische Erzählung mag ihre Überlieferung
nicht dem Fakten-Gedächtnis, sondern viel eher der Tatsache verdanken,
dass sich in ihr seelische Grundmuster spiegeln, die man heute am besten
mit Kategorien der Jungschen Archetypenlehre deutet. Wenn aber weder die
Gesetzescorpora noch die Prophetensprüche, noch die Weisheitstexte
viel Erhellendes zum Individuationsprozess hergeben, sollte man sie wohl
trotzdem nicht aus dem Verkehr ziehen, sondern besser die Grenzen eines
tiefenpsychologischen Deuteansatzes zugeben.
Ein besonders erfreuliches Unternehmen zum Schluss: Wieder in Zusammenarbeit
der exegetischen und religionspädagogischen Fachvertreter/-vertreterinnen
der TF und des KIL mit dem SKB läuft im Raum Luzern im Studienjahr
1998/99 ein Weiterbildungsprojekt für biblisch und theologisch interessierte
Erwachsenenbildner/-bildnerinnen «Gemeinsam die Bibel lesen».
Hier wird besonders deutlich, dass historisch-kritische Exegese keinen Anspruch
auf die einzige und allein gültige Auslegung der Bibel erheben, sondern
nur Orientierungshilfe im Dschungel der Interpretationen sein will, und
dass sie ihr Geschäft nicht als akademischen Selbstzweck, sondern als
Angebot an real existierende Bibelleserinnen und -leser versteht.
Ivo Meyer ist ordentlicher Professor für Altes Testament an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.