10/1999 | |
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Leitartikel |
Meist setzt mein Gegenüber eine sorgenvolle Miene auf, wenn es im
Gespräch um die Zukunft des Fastenopfers geht: «Nicht wahr, die
Sammlung geht doch immer zurück...» Gute Botschaften haben es
offenbar schwer, gehört zu werden. Nach einem Rückgang sind die
Erträge des Fastenopfers seit 1995 wieder angestiegen. 1998 betrug
der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr sogar 6,6 Prozent. Damit hat das
Fastenopfer nominal das zweitbeste Ergebnis seiner Geschichte erreicht.
Mit dieser guten Botschaft verbinde ich den Dank an alle Pfarreiteams, die
ganz wesentlich zu diesem Ergebnis beigetragen haben. Die Spenden der Pfarreien
wuchsen nämlich in der deutschen Schweiz um 300000 Franken auf 9,7
Millionen Franken. Der Einzahlungsschein in der Agenda wurde häufiger
benutzt als in den Vorjahren. Ein Beweis, wie wichtig das Verteilen der
Agenda in die Haushaltungen auch für das finanzielle Ergebnis ist.
Somit ist die Aussage unseres Leitbilds, das Fastenopfer sei auf breiter
Basis in der katholischen Kirche in der Schweiz verankert, kein Wunschtraum,
sondern Realität.
Ein Werbeberater hat kürzlich das «Fastensäckli» als
Kultobjekt bezeichnet, zu dem wir Sorge tragen sollten. Sein Symbolwert
dürfte mit der wachsenden Elektronisierung des Zahlungsverkehrs sogar
noch steigen. Freilich kommen die Fastensäckli nicht mehr sozusagen
von selbst gefüllt in die Kirchen zurück, wie das in den ersten
Jahrzehnten des Fastenopfers der Fall war. Wir müssen unsern ganzen
Erfindungsreichtum einsetzen, um das bewährte Symbolobjekt «Fastensäckli»
mit neuen Formen zu ergänzen.
Dabei gehen wir von der Überzeugung aus, dass Menschen, die nur selten
einen Gottesdienst besuchen, nicht unbedingt «kirchenfern» sind.
Es gibt auch für diese Menschen viele Gründe und Motive, das Fastenopfer
zu unterstützen: sei es wegen den Jugenderinnerungen, die sich mit
dem «Fastensäckli» verbinden; sei es aus sozialem Verantwortungsbewusstsein
oder aus Dankbarkeit anlässlich eines Familienfestes. Die tragfähige
Basis des Fastenopfers ist aber sicher das gelebte gläubige Engagement.
Es ist darum für die künftige Entwicklung unseres Hilfswerks entscheidend,
ob wir die Kanäle und die richtige Sprache finden, um Menschen auch
ausserhalb der Gottesdienstgemeinde zu erreichen. Zudem muss es uns gelingen,
ihnen zu zeigen, dass es sich lohnt, das Fastenopfer zu unterstützen.
«Das kostbarste Gut ist Aufmerksamkeit.» Diese Erfahrung
machen alle, die irgendeine Botschaft verbreiten wollen. Da haben wir durchaus
Chancen, denn im Werbegetöse setzen sich Botschaften durch, die mit
menschlicher Wärme und mit Überzeugung von Mensch zu Mensch vermittelt
werden. Das ist das grosse Potential der Pfarreien mit Gottesdiensten, Katechese,
Suppentagen bis hin zum persönlich unterschriebenen «Eingesandt»
im Lokalteil der Tageszeitung und dem Kurzbericht im Lokalradio.
Freilich, der traditionelle Pfarreiabend mit Referat und Tonbildschau lockt
nur noch wenige vom Fernseher weg. Dafür ist rund um die Suppentage
ein neuer Fastenbrauch entstanden. Die Menschen wollen zusammenkommen, dazugehören,
sich gleichsam am gemeinsamen Suppentopf wärmen auch wenn anstatt
einer Gemüsesuppe längst Spaghetti oder ein exotisches Reisgericht
im Topf sind. Im Ambiente der Suppentage schaut kaum jemand hin, wenn ein
30-minütiges Video läuft. Es muss gelingen, ein Fastenopfer-Projekt
mit einem knappen und attraktiven Flash vorzustellen und die Botschaft «Wir
teilen» unter die Leute zu bringen.
Mit Recht fragen unsere Spenderinnen und Spender, ob denn das Geld auch
zu den Armen komme. Missionare und Entwicklungshelferinnen aus der eigenen
Pfarrei gelten als besonders glaubwürdige Zeugen, weil man sie seit
Jahren kennt. Wir danken darum allen, die mit ihrem Zeugnis das Fastenopfer
unterstützen. Dabei gehört es erfreulicherweise zur bewährten
Spendenkultur der Kirchen und Missionsinstitute in der Schweiz, dass die
Gelder, die in Gottesdiensten, an Suppentagen und andern Veranstaltungen
als «Fastenopfer» gesammelt wer-den, fairerweise dem Hilfswerk
Fastenopfer zugute kommen.
Dasselbe gilt für ökumenische Veranstaltungen, die zusammen mit
«Brot für alle» organisiert werden und wo in der Regel
ein klarer Verteilschlüssel bekannt gegeben wird.
Hie und da wird freilich argumentiert: «Warum sollten wir die Beiträge
nicht der Missions-schwester aus der eigenen Pfarrei für ihr Projekt
mitgeben? Da sind wir sicher, dass die Spenden direkt den Armen zugute kommen.»
Tatsächlich verzeichnen einzelne Pfarreien mit der Sammlung für
Eigenprojekte grosse Erfolge. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn sie es
ausserhalb der Fastenzeit tun. Im Gegenteil: in Pfarreien, wo auch während
des Jahres für Missions- und Entwicklungsprojekte gesammelt und gut
informiert wird, ist auch der Pfarreibeitrag für das «Fastenopfer»
erfreulich gut und konstant.
Wenn hingegen Pfarreien während der Fastenzeit aus ihrem «Fastenopfer»
Beiträge für Eigenprojekte abzweigen, kann daraus ein empfindlicher
Einbruch im Gesamtergebnis resultieren. Es ist eine einfache Kopfrechnung:
Wenn 500 Pfarreien je zweitausend Franken für ein Eigenprojekt abzweigen
würden, wie gross wäre dann die Einbusse für das Hilfswerk
«Fastenopfer»?
Auf meinen Reisen stelle ich immer wieder fest, dass das Fastenopfer dank
seiner langjährigen Partnerschaften mit Ortskirchen und Selbsthilfeorganisationen
die wirklich Armen erreichen kann, die sonst keine direkten Beziehungen
zur Schweiz haben. Kleine und unscheinbare Projekte sind darunter, aber
auch langjährige Pastoralarbeit, die als Einzelprojekte nicht attraktiv
genug wirken, um Spender zu finden. Gerade diese Arbeit gehört aber
zentral zum Auftrag des Fastenopfers, nämlich «die Werte von
ÐGottes neuer Weltð zu leben und zu verkünden, insbesondere
auch unter den benachteiligten Menschen» auch dort, wo kein schweizerisches
Eigenprojekt hinreicht.
Damit wollen wir nicht das eine gegen das andere ausspielen, sondern einladen
zur gegenseitigen Rücksichtnahme und zur gesamtschweizerischen ökumenischen
Solidarität.
Wenn mir eine gute Fee drei Wünsche an die Pfarreiteams gewähren
würde, müsste ich nicht lange studieren.
Mein erster Wunsch: Dass die Agenda in alle Haushaltungen verteilt wird.
Sie ist eine ganz wichtige Säule der Fastenopfer-Arbeit. (Dafür
nehmen wir gern Wünsche zur Verbesserung der Agenda entgegen.)
Mein zweiter Wunsch: Dass jedes Pfarreiteam jedes Jahr eine Idee verwirklicht,
um Menschen mit dem jeweiligen Fastenthema zu erreichen, die nicht zu den
Kirchgängern gehören.
Mein dritter Wunsch: Dass finanzielle Mittel, die unter dem Namen Fastenopfer
und mit dem Signet «Wir teilen» während der Fastenzeit
eingesammelt werden, fairerweise vollumfänglich dem Fastenopfer zugute
kommen.
Um diese Wünsche zu erfüllen, braucht es keine Fee und keinen
Zauberstab. «Nur» gegenseitiges Vertrauen. Um die Vertrauensbasis
zwischen der Fastenopfer-Zentrale und den Pfarreien zu pflegen, laden wir
Pfarreiteams herzlich ein, einen «Betriebsausflug» mit einem
Besuch beim Fastenopfer in Luzern zu verbinden zum gegenseitigen Kennenlernen
und zum Erfahrungsaustausch. Rufen Sie uns einfach an!
Dr. Anne-Marie Holenstein ist Direktorin von Fastenopfer. Katholisches Hilfswerk Schweiz.