9/1999

INHALT

Leitartikel

Gottes zärtliche Berührung

von Jeanette Kaspar

 

Der Weltgebetstag wurde 1887 von Frauen in Amerika gegründet. Er hat sich im Laufe der Zeit zu einer weltweiten ökumenischen Bewegung entwickelt. In ungefähr 180 Ländern, Regionen und Inseln kommen Frauen verschiedenster Traditionen am ersten Freitag im März zusammen zu informiertem Beten und betendem Handeln. In der Schweiz finden etwa 1800 bis 2000 Weltgebetstagsfeiern statt. Mit der Schweizerischen Weltgebetstags-Kollekte werden Projekte gefördert, die möglichst von oder mit Frauen geplant und durchgeführt werden.
Bevor die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weltgebetstagsfeiern die Liturgie in den Händen halten, hat sie einen weiten Weg zurückgelegt. Er beginnt 1995 in Melbourne (Australien) anlässlich der Vollversammlung des Internationalen Komitees. Dieses hat unter anderem die Aufgabe, die Themen und die Herkunftsländer der Liturgie zu bestimmen. Für 1999 schreiben Frauen aus Venezuela die Liturgie unter dem englischen Titel «God's Tender Touch».
Frauen aus verschiedenen Regionen und verschiedenster Denominationen treffen sich im Juli 1996 in Caracas zu einer Werkstatt unter Leitung von Eileen King. Sie ist als Generalsekretärin des Internationalen Weltgebetstagskomitees Leiterin der Geschäftsstelle in New York. Die venezolanischen Frauen bilden Arbeitsgruppen und stellen einen Arbeitsplan für die nächsten neun Monate auf. Das Hintergrundmaterial zur Liturgie wird erarbeitet unter sozialen, wirtschaftlichen, geschichtlichen und kulturellen Aspekten. Zum Material gehören nebst der Liturgie eine Bibelarbeit, eine Kinderliturgie, Lieder, eine Diaserie und ein Titelbild. Sämtliche Unterlagen werden noch in Venezuela in die englische Sprache übersetzt, bevor sie nach New York gesandt werden.
Die Venezolanerinnen sehen den Weltgebetstag zum einen als Chance, die Menschen weltweit mit ihrer Lebenssituation bekannt zu machen, zum andern, um von ihren Glaubenserfahrungen zu erzählen. Die Wahl und Deutung der Bibeltexte zum Beispiel offenbaren das Gottesbild der Verfasserinnen: Gott, der liebenden, mütterlichen, zärtlichen, heilenden Nähe. Gott, der bedingungslos Berührbare. Gott, der durch Jesus segnet. Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, Raum und Zeit. Gott, der Handelnde, der zärtlich und schützend berührt.

Venezuela ­ zu reich, um arm zu sein

Bis zur Entdeckung riesiger Erdölvorkommen im Maracaibo-See war Venezuela ein ausgesprochenes Agrarland. Innert kurzer Zeit stieg das Land zum zweitgrössten Erdölproduzenten auf. Die Agrarpolitik wurde total vernachlässigt. Das schwarze Gold hatte dem Land zwar den Anschluss an die Erste Welt gebracht, aber die Bevölkerung zahlt einen hohen Preis. Über 80% der Bevölkerung lebt in Armut. Von der Krise am stärksten betroffen sind Frauen und Kinder in den Armenvierteln, die Besitzlosen und Entrechteten. Väter und Männer entziehen sich ihrer Verantwortung, in vielen Familien fehlt daher ein Elternteil. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl kann so nicht wachsen und das seelische Gleichgewicht ist gestört. Die tägliche Beschaffung von Nahrung und Kleidung überfordert viele Frauen. Es bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als die Kinder auf die Strasse zu schicken. Die Verfasserinnen der Liturgie reden von über einer Million Strassenkindern, die am Rande der Gesellschaft leben. Wo Menschen ihre Kraft zum Überleben einsetzen müssen, rückt selbst der Besuch einer Schule in weite Ferne. Wer einen Schulabschluss, ein Studium oder eine Lehre abgeschlossen hat, findet selten Arbeit. Ein weiteres Problem sind die vielen Frühschwangerschaften. Nach Angaben der Verfasserinnen sind 20% der schwangeren Frauen unter 19 Jahren. Venezuela, ein mit natürlichen Reichtümern gesegnetes Land, kann seinem Volk ironischerweise weder ein ausreichendes Gesundheitswesen noch eine gute Bildung und Erziehung, noch eine stabile Wirtschaft garantieren. Der Reichtum Venezuelas ist schlecht verwaltet und ungleich verteilt. Vetternwirtschaft und Korruption sind allgegenwärtig. Venezuela ist ein Land der Extreme, ein Zusammenprall der Gegensätze. Venezuela ist zu reich, um arm zu sein.

Schweiz ­ im Gebetsnetz

Im Herbst treffen die WGT-Unterlagen beim Schweizerischen Weltgebetstagskomitee ein. Das Komitee hat unter anderem die Aufgabe, die alljährlich in englischer Sprache erscheinenden WGT-Unterlagen zu übersetzen, den nationalen Gegebenheiten anzupassen und an die lokalen Weltgebetstagsgruppen weiterzuleiten. Sofort wird die Liturgie in die deutsche Sprache übersetzt, eine sogenannte «word-by-word-Übersetzung». Die Arbeit an und Auseinandersetzung mit der Liturgie ist ungemein spannend, wenn auch nicht immer einfach. Welches sind die zentralen Aussagen und Anliegen der Frauen aus Venezuela? Stundenlang wird manchmal über einem Absatz «gebrütet», bis klar ist, was gemeint ist. Da sind Wörter, die lassen sich so oder anders übersetzen. Welches Wort ist das richtige? Zum Beispiel der Titel «God's Tender Touch», wird er übersetzt mit «Gottes sanfter» oder «Gottes zärtlicher Berührung»? Die Art und Weise, wie die Verfasserinnen über und von Gott reden, ist entscheidend, «Gottes zärtliche Berührung» zu wählen. Es ist für die Liturgiegruppe ein ständiges Suchen und Ringen um die richtigen Worte, um Formulierungen, um Verstehen. Es wäre oft einfacher, sich anders auszudrücken, Text abzuändern, wegzulassen. Aus Respekt vor den Frauen aus dem Herkunftsland der Liturgie, wird am Inhalt der Liturgie nichts verändert. Nach unzähligen Stunden Arbeit geht die Liturgie im Juni 1998 in Druck, nachdem sie in die französische, italienische und rätoromanische Sprache übersetzt worden ist. Durch die intensive Arbeit sind die Mitglieder des Schweizerischen WGT-Komitees den Venezolanerinnen näher gekommen.
Ein Gebetsnetz umspannt die Erde. Überall sind die Menschen aufgerufen, sich einzuknüpfen und mitzufeiern, sich von Gott zärtlich berühren zu lassen und wie die Venezolanerinnen an die verändernde Kraft des Gebets zu glauben.

 

Jeannette Kasper ist Mitglied des Leitungsteams des Schweizerischen Weltgebetstagskomitees.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999