8/1999 | |
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Leitartikel |
Die ökumenische Aktion der kirchlichen Hilfswerke Fastenopfer, Brot
für alle und Partner sein fordert mit ihrem diesjährigen Leitwort
«Solidarität schafft Arbeit» existenzsichernde und menschenwürdige
Arbeit für alle. An ihrer gemeinsamen Medienkonferenz äusserte
sich Christoph Stückelberger als Zentralsekretär von Brot für
alle unter dem Titel «Würdeverträglichkeitsprüfung»
vor allem zur «Würde für alle». Denn einerseits setze
eine erfolgversprechende Armutsbekämpfung die Wahrnehmung der Menschenwürde
voraus, und anderseits verpflichte die Zusage, dass alle Menschen als Ebenbilder
Gottes eine unveräusserliche und gleiche Würde haben, die christlichen
Hilfswerke zur Solidarität mit allen, deren Würde bedroht oder
zertreten ist. Für Menschenwürde in der Arbeitswelt setzen sich
die Hilfswerke mit den von ihnen unterstützten Projekten, Kampganen,
dem fairen Handel und mit der entwicklungspolitischen Kooperation mit Unternehmen
und Regierungen ein, aber auch mit politischen Forderungen. In die Arbeitsmarkt-
und Unternehmenspolitik sei eine Würdeverträglichkeitsprüfung
einzufügen, verlangt Christoph Stückelberger: «Entscheide,
die die Schaffung, Zerstörung, Verlagerung, Verbilligung und Gestaltung
von Arbeit und Arbeitsplätzen betreffen, sind daraufhin zu prüfen,
ob sie mit dem Kriterium und Ziel ÐWürde für alleð vereinbar
sind!» Und diese sei weltweit, global, einzuführen, wie anderseits
Globalisierung nur mit einer angemessenen Politik als lebensfördernde
Entwicklung erfahren werden könne: mit einer globalen Arbeitsmarktpolitik,
einer globalen Sozialpolitik und einer globalen «Kulturpolitik»
im Sinne einer weltweiten Unternehmenskultur, die den Respekt der Menschenwürde
zu einer Priorität macht.
Auf globale Zusammenhänge der Arbeitswelt, auf Zusammenhänge namentlich
zwischen dem Werkplatz Schweiz und dem Werkplatz Welt wies Nationalrat Christoph
Eymann als Präsident von Brot für alle hin: «In der Schweiz
fürchten sich viele Menschen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. In zahlreichen
Ländern dieser Erde träumen viele Menschen davon, einmal einen
Arbeitsplatz zu bekommen.» Die Schweiz, die erst in den letzten Jahren
begonnen hat, die eigene Aussenpolitik aktiver zu gestalten, werde noch
wesentlich mehr finanzielles und personelles Engagement zugunsten ärmerer
Länder erbringen müssen; dies setze aber Akzeptanz bei der eigenen
Bevölkerung voraus, und diese sei nicht zu haben, solange der Werkplatz
Schweiz gegen den Werkplatz Welt ausgespielt werden könne: «Bewirkt
die Tendenz des stetigen Arbeitsplatzabbaus... in der Schweiz nicht eine
Opposition zur Unterstützung von arbeitsplatzschaffenden Massnahmen
in wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern? Hat unsere Bevölkerung
Angst vor nachteiligen Folgen des Engagements der Entwicklungszusammenarbeit
und der Hilfswerke in Bezug auf den Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes in
der Schweiz?» Die schweizerische Politik und Wirtschaft dürften
die Bevölkerung mit ihren Fragen nicht allein lassen; anderseits würden
ohne lohnende Arbeits- und Lebensperspektiven auf dem Werkplatz Welt die
Gesellschaften des industrialisierten Nordens mit dem Problem der Migration
konfrontiert bleiben.
Die Menschen des Südens suchen Arbeit, aber menschenwürdige Arbeit,
betonte Anne-Marie Holenstein als Direktorin des Fastenopfers und eben von
einer Informationsreise aus Honduras zurück. Dort hat sie eine Demonstration
von Arbeiterinnen der Fabrik «Sitraidaly» erlebt, die auf Plakaten
verlangt hatten: «Wir wollen Arbeit, aber mit Würde.» Was
das konkret heissen kann, davon erzählten an der Medienkonferenz die
beiden honduranischen Gäste der Hilfswerke: die Rechtsanwältin
Blanca Esmeralda Valladares García und Carla Marisol Castro Erazo,
Mitarbeiterin der aus der Pastoralarbeit der Jesuiten herausgewachsenen
Partnerorganisation des Fastenopfers ERIC (Equipo de Investigación,
Reflexión y Comunicación). Die beiden Frauen setzen sich insbesondere
für bessere, das heisst humanere Arbeitsbedingungen für die jungen
Frauen in den «Maquilas», den Exportzonen der Bekleidungsindustrie
in Honduras ein. Mehrheitlich sind diese Frauen zwischen 14 und 30 Jahre
alt und kommen aus den ärmsten Familien. Deshalb und unter dem Druck
der grossen Zahl von Arbeitssuchenden können es sich diese jungen Frauen
nicht leisten, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen bzw.
sich für ihre Rechte, die sie nicht einmal kennen, zu wehren; sie haben
sogar Angst, mit Aussenstehenden über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen.
Die Arbeitsbedingungen in der Billigstproduktion sind überall sehr
hart; in den honduranischen «Maquilas» komme verschärfend
dazu, dass die Produktionsstätten nur gemietet sind und die ausländischen
Investoren leicht weiterziehen können. Der Wirbelsturm «Mitch»
habe die Situation noch zusätzlich verschärft, aber auch neue
Möglichkeiten eröffnet, wenn die Gemeinschaftsorganisationen,
die im Rahmen der Katastrophen- und Nothilfe aufgebaut wurden, über
diese Zeit hinaus bestehen blieben, wie Anne-Marie Holenstein ergänzte.
Die honduranischen Gäste dankten für die Unterstützung der
von ERIC getragenen Projekte, aber auch für den Informationsaustausch.
Gewisse Informationen über den Textil- und Bekleidungsmarkt seien in
der Schweiz leichter erhältlich als in Honduras selber. Unterstützt
werden vom Fastenopfer so Bildungsprogramme für Arbeiterinnen der «Maquilas»,
mit denen ihre Situation verbessert werden will. Für Anne-Marie Holenstein
wird auch die angelaufene Clean-Clothes-Kampagne Wesentliches zur Verbesserung
der Arbeitsbedingungen in den Exportzonen für Textilien beitragen.<1>
Abgeschlossen wurde die Medienkonferenz wie gewohnt mit einigen Angaben
zu den Jahresrechnungen der Hilfswerke. Die Einnahmen aus der letztjährigen
Sammlung von Brot für alle waren mit knapp 12,19 Mio. Franken um 0,6%
höher als im Vorjahr; das Fastenopfer verzeichnet gegenüber dem
Vorjahr eine Steigerung des Spendenergebnisses um 6,6% auf knapp 23,06 Mio.
Franken; das christkatholische Partner sein erhielt Spenden in der Höhe
von 111400 Franken. Die Beiträge, Kapitalerträge und Rückbuchungen
eingerechnet, konnten die drei kirchlichen Hilfswerke aus dem letztjährigen
Ergebnis gut 41,8 Mio. Franken einsetzen. Ob die Thematik SolidarCity, weil
sie gut angekommen ist, zu dem guten Ergebnis beigetragen hat, sei nicht
auszumachen, erklärten die Direktorin von Fastenopfer und der Zentralsekretär
von Brot für alle. Zu wünschen bleibt, dass auch die Thematik
«Solidarität schafft Arbeit», mit der der Dreijahreszyklus
«Solidarisch mit den Armen und Ausgeschlossenen ins 3. Jahrtausend»
bechlossen wird, eine gute Aufnahme finden wird und so zum Nachdenken anregen
kann.
1 Vgl SKZ 2/1999. Auch in der Schweiz sind in der Bekleidungsindustrie noch nicht alle Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erfüllt, wie die eben erschienene Broschüre «Schlecht bezahlt, doch flexibel und effizient. Frauen in der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie» aufzeigt. Sie zeichnet mit ihren Analysen ein differenziertes Bild der Arbeitsbedingungen und gibt mit Porträts und Fabrikreportagen einen Einblick in den konkreten Arbeitsalltag; erhältlich ist die Broschüre (56 Seiten, mit Fotos, Fr. 9.50) bei der Materialstelle von Brot für alle, Missionsstrasse 21, 4003 Basel, Telefon 061-268 83 45.