7/1999 | |
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Leitartikel |
Bis in die jüngste Vergangenheit wurde das pastorale Gesamtangebot
im Rahmen von Bistum und Pfarreien vom Bischof und den Pfarrern flächendeckend
ausgerichtet. Bis in die späten 1950er Jahre wurden die Pfarrer grösserer
Pfarreien dabei durch Hilfspriester (Kapläne, Vikare, Ordenspriester)
unterstützt. Seit dieser Zeit wurden zunehmend Laien als Katechetinnen
und Katecheten für das pastorale Teilangebot des schulischen Religionsunterrichts
eingesetzt. Neben diesem Angebot der ordentlichen Pastoral gab es seit langem
für Teilbereiche Teilangebote der ausserordentlichen (kategorialen)
Pastoral. Weil diese jedoch meist im liturgischen Angebot früher:
Beichte und Kommunion, dann zunehmend: Eucharistiefeier aufgipfelte,
wurden auch dafür Priester eingesetzt.
Seit den späten 1960er Jahren brachen Theologiestudenten, die sich
vorab wegen der damit verbundenen Zölibatsverpflichtung
nicht weihen lassen wollten, ihr Studium nicht mehr ab, sondern boten sich
als Laientheologen mit einem neuen pastoralen Beruf dem Bischof bzw. den
Pfarrern zur hauptberuflichen Mitarbeit an. Sehr rasch nahmen in der Folge
Männer, die schon vor dem Studienbeginn mit der Möglichkeit rechneten,
sich nicht weihen zu lassen, und Frauen, die nicht geweiht werden konnten,
ein Theologiestudium auf; ein grosser Teil von ihnen bot sich ebenfalls
zur hauptberuflichen pastoralen Mitarbeit an.
Diesem Angebot entsprach eine Nachfrage, weil erstens die Zahl der Priester
und damit auch der Hilfspriester zurückging, die Arbeit in den Pfarreien
aber nicht geringer wurde, und weil zweitens die Kirchgemeinden dank der
Steuerfinanzierung der Pfarreien Laientheologen und Laientheologinnen auch
anstellen bzw. entlöhnen konnten. So begann sich der pastorale Beruf
des Pastoralassistenten bzw. der Pastoralassistentin zu institutionalisieren.
Dieser Einsatz des Pastoralassistenten bzw. der Pastoralassistentin erfolgte
als Pastoralassistenz in Unterordnung unter den Pfarrer, hat sich aber aufgrund
des gravierenden Priestermangels so entwickelt, dass von einem Amt blosser
Pastoralassistenz kaum noch gesprochen werden kann.
Mit zunehmendem Priestermangel begann es zudem nicht mehr nur an Hilfspriestern,
sondern zunehmend auch an Pfarrern zu mangeln. Die so entstandenen Lücken
begann die Kirche mit Pastoralassistenten bzw. Pastoralassistentinnen als
Gemeindeleiter und Gemeindeleiterinnen bzw. Pfarreibeauftragte zu füllen.
Vor allem im Bistum Basel, aber auch in anderen Bistümern wurde in
dieser Zeit der ständige Diakonat eingeführt und auch Gemeindeleiter
bzw. Pfarreibeauftragte wurden zu Diakonen geweiht. Obwohl diese Entwicklung
vom Kirchenrecht gedeckt ist, wurde damit das theologische Axiom der Einheit
von Leitungsdienst und Vorsitz der Eucharistiefeier unterlaufen. Bei den
Diakonen als Gemeindeleitern bzw. Pfarreibeauftragten ist wenigstens der
Zusammenhang von Ordination und Leitungsdienst gewahrt.
Mit zeitlicher Verzögerung folgte und folgt noch dem Priester- und
Pfarrermangel ein «Gläubigenmangel»: in den Städten
nehmen die Mitgliederzahlen allmählich ab; die Beteiligung am kirchlichen
bzw. pfarreilichen Leben geht selbst auf dem Land merklich zurück
Grossandrang herrscht dann wieder an bestimmten Festtagen und bei Kasualien
(«Kirche bei Gelegenheit»). Dieser Rückgang dürfte
nicht ohne Bedeutung für die öffentlich-rechtliche Anerkennung
der Kirchen und die damit eröffneten Orte pastoralen Wirkens (Schule,
Armee, Gefängnis usw.) bleiben.
Diese Entwicklungen sind weitgehend von einem pragmatischen Vorgehen gekennzeichnet,
das theologisch wenig begleitet wurde, so dass die neuen kirchlichen Berufe
der Laien als Lückenbüsser für fehlende Priester oder als
«Priester von morgen im Wartestand eines unabsehbaren Heute»
erscheinen konnten. Das löste in gewissen Kreisen in der Schweiz, vor
allem aber auch in Rom Ängste und Unmut aus. Vor diesem Hintergrund
kam die «Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der
Laien am Dienst der Priester» vom 15. August 1997 nicht aus heiterem
Himmel. Diese Instruktion war indes nicht die erste römische Verlautbarung
zu den kirchlichen Berufen. 1992 veröffentlichte das Päpstliche
Werk für geistliche Berufe seine Übersicht über die Entwicklung
der Pastoral der Berufe in den Einzelkirchen. 1994 folgte das Apostolische
Schreiben Papst Johannes Pauls II. über die nur Männern vorbehaltene
Priesterweihe und die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre
zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt. Das Nachsynodale Apostolische
Schreiben «Vita consecrata» über das geweihte Leben und
seine Sendung in Kirche und Welt von 1996 war dann dem Ordensleben gewidmet.
Nach der umstrittenen Instruktion veröffentlichten 1998 das Päpstliche
Werk für geistliche Berufe das Schlussdokument des Europäischen
Kongresses für die Berufungen zum Priestertum und Ordensleben in Europa
sowie die Kongregationen für das katholische Bildungswesen bzw. für
den Klerus 1998 die Grundnormen für die Ausbildung der Ständigen
Diakone bzw. das Direktorium für den Dienst und das Leben der Ständigen
Diakone.<1>
Im gleichen Jahr schrieben einzelne Schweizer Bischöfe Briefe an die
Seelsorger und Seelsorgerinnen oder an die Pfarreien, und auch die Bischofskonferenz
richtete sich mit einem Brief «an die Gläubigen zu ihrer Mitverantwortung
für die Förderung von Priesterberufungen». Stetig mit Fragen
der kirchlichen Berufe und der Pastoral der Berufe befasst ist die Kommission
und Arbeitsstelle Information Kirchliche Berufe (IKB). Im Gespräch
zwischen ihrer Arbeitsstellle und der Redaktion entwickelten wir den Plan
einer Artikelreihe zu «Kirchliche Berufe», mit deren Veröffentlichung
wir heute beginnen können; beraten wurden wir dabei von Prof. Helmut
Hoping (Luzern) und ideell unterstützt von Weihbischof Peter Henrici
als Präsident der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz (DOK),
wofür wir auch an dieser Stelle danken möchten. In dieser Reihe
sollen die kirchliche Situation, die einzelnen Berufe und ihre Perspektiven
dargestellt werden, aber auch konkrete Erfahrungen zur Sprache kommen. Wir
hoffen, dass diese Artikelreihe in der gegenwärtigen Umbruchsituation
zugleich ein Beitrag zur Berufsbildfindung im schweizerischen Kontext sein
kann.
Pfarrer Oswald Krienbühl leitet teilzeitlich die Arbeitsstelle der Information Kirchliche Berufe (IKB) in Zürich.
1 In deutscher Sprache sind diese römischen Dokumente in der Reihe «Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls» veröffentlicht; erhältlich ist die Reihe beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstrasse 163, D-53113 Bonn.
Als ich von der Redaktion der Schweizerischen Kirchenzeitung die Anfrage erhielt, im Rahmen einer Artikelreihe einen Beitrag über die Entwicklung der Schweizerischen Ortskirchen seit dem Konzil zu schreiben, wollte ich zuerst nicht zusagen. Das Thema in der Vielfalt seiner Aspekte war mir zu schwierig. Nach gegenseitiger Klärung, dass es sich nicht um eine kirchengeschichtliche Darstellung mit wissenschaftlichem Anspruch, sondern um ein paar persönliche Erinnerungen, Gedanken und Einschätzungen handeln soll, liess ich mich schliesslich überreden, ein paar Überlegungen aufzuschreiben.
Noch ist mir jene kantonale Priesterkonferenz in Brugg, an der die Liturgiereform
des 2. Vatikanischen Konzils für die Pfarreien des Kantons Aargau eingeführt
wurde, in lebendiger Erinnerung. Es war der erste und in seiner Klarheit
und Wirkung einzigartige Schritt der Umsetzung von Konzilsbeschlüssen
und deren Ausführungsbestimmungen in die kirchliche Praxis unmittelbar
nach dem Konzil.
Zu diesem wichtigen Ereignis war Bischof Franziskus von Streng selber zusammen
mit dem für das Ressort Liturgie in der Schweizer Bischofskonferenz
beauftragten Abt Raimund Tschudi von Einsiedeln gekommen. Ich war damals
Vikar in Brugg. Abt Raimund erläuterte uns den Sinn und die Form der
zu erneuernden Liturgie konkret. Seine Sorgfalt im Umgang mit der liturgischen
Tradition, verbunden mit der Ermutigung, einen neuen, persönlichen
Zugang zur Gestaltung der Liturgie zu entdecken und zu wagen, war befreiend
und beglückend. Das zweite Beglückende und Einmalige an jenem
Tag war das Erlebnis, dass der Bischof zu uns kam, nicht um auf Anfragen,
Wünsche, Forderungen oder Praktiken unsererseits zu reagieren, Stellung
zu nehmen und Dinge zurechtzurücken, sondern um uns mit etwas Neuem
zu beauftragen und uns etwas Neues zuzumuten.
Es ging um die Einführung der Volkssprache in der Liturgie und um die
Hinwendung des Priesters zu den Gläubigen am Ambo, am Altar und beim
Sitzen. Das alles war neu. Der Ambo als Ort der Verkündigung anstelle
der Kanzel war neu. Das Mitwirken von Laien im Gottesdienst war neu. Neu
war eine Art Funktionsteilung, indem der Priester im liturgischen Geschehen
nicht mehr allein der Sprechende war, sondern sich auch hinsetzen konnte
und zum Hörenden wurde. Es war etwas Neues, Gebete wie Fürbitten,
Begrüssungen und Einleitungen für den Gottesdienst selber formulieren
zu dürfen. Es war neu, wählen zu können zwischen verschiedenen
liturgischen Modellen und Gebeten. Ein sehr grosser Wandel war die Vereinfachung
der liturgischen Zeichen und Handlungen, so dass sie den Gläubigen
und dem Priester selber verständlicher wurden.
Das alles war ein schöner, aber anspruchsvoller Auftrag. Nicht mehr
nur ein von persönlicher Frömmigkeit getragener Vollzug der Liturgie,
sondern auch eine persönlich gestaltete Liturgie wurde jetzt vom Priester
erwartet. Ein mindestens ebenso hoher Anspruch aber war es an die Gläubigen,
sich auf diese neue, freiere und persönlichere Art der Gestaltung der
Liturgie einzulassen.
Wir wussten damals nicht, wie die Gläubigen auf die Erneuerung reagieren
würden. Ich erfuhr die Reaktion meist positiv und offen trotz manch
anfänglicher Unbeholfenheit in der Bewältigung der neuen Herausforderung
und trotz andauernder Angriffe vonseiten vereinzelter Theologieprofessoren,
religiöser Gruppierungen und Volkszeitschriften.
Eine andere Frage ist die, ob die neue Freiheit und die Einladung zu mehr
persönlicher und persönlich verantworteter Glaubenspraxis, die
vom Konzil ausging, nicht bald auch als Freiheit wahrgenommen wurden, sich
von der Kirche und besonders vom kirchlichen Gottesdienst zu distanzieren.
Dies geschah in einem bestimmten Ausmass zweifellos. Aber das war eine unvermeidliche
und nicht nur kirchlich, sondern tiefgründiger gesellschaftlich bedingte
Konsequenz. Denn gewandelt hat sich in den letzten paar Jahrzehnten nicht
nur und nicht in erster Linie die kirchliche Praxis. Viel bestimmender gewandelt
haben sich die Gesellschaft und das persönliche Lebens- und Glaubensverständnis
und das Lebens- und Glaubensverhalten der Menschen in einer veränderten
und sich weiter verändernden Gesellschaft.
Das Konzil brach keineswegs willkürlich eine Reform vom Zaun. Seine
praktischen Anliegen und Initiativen sowie sein grundsätzliches Bekenntnis
zu Religions- und Gewissensfreiheit gingen im Gegenteil aus einem Erkennen
der Zeichen der Zeit hervor, noch ehe es zu spät war, zum Beispiel
noch vor den ominösen gesellschaftlich-politischen Ende-Sechziger-Jahren.
Ins Leben gerufen wurde es von dem ebenso an eine gute Zukunft der Kirche
glaubenden wie die Zeichen der Zeit sensibel wahrnehmenden Papst Johannes
XXIII.
Gesamtkirchlich und auch für uns in Europa wichtig und richtungweisend
ist der Blick auf die Impulse und Wirkungen des 2. Vatikanischen Konzils
für die ganze Weltkirche. Unmittelbar für uns notwendig aber war
und ist auch das Erkennen und Erspüren der gesellschaftlichen Situation
und Entwicklung, auf die die kirchlichen Beschlüsse und Anregungen
bei uns trafen. Um dies soll es hier in aller Kürze gehen.
In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg begann in unserer Gesellschaft eine grosse
technische und wirtschaftliche Entwicklung. Sie brachte wachsenden materiellen
Wohlstand. Auf dem Gebiet der Medizin und der Chirurgie, auch der Psychologie
und der Psychotherapie gab es grosse Fortschritte. Auch kulturelle Möglichkeiten
entfalteten sich in einem Bildungsangebot auf breiter Ebene, im Sport, in
der Musik. Eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft und des
Lebens brachte die enorme Entwicklung der Information, der Kommunikation
und der Unterhaltung durch Fernsehen und elektronische Medien. Die revolutionäre
praktische Entfaltung der letzteren scheint eben erst begonnen zu haben.
Diese technisch-wirtschaftliche Entwicklung steht aber auch im weiteren
Geschichtshorizont einer zunehmend aufgeklärten und säkularisierten
Denkweise seit dem ausgehenden Mittelalter, welche in unserem Jahrhundert
immer mehr die breite Basis der Bevölkerung durchdrang.
Das Konzil mit seiner Einladung zu kirchlicher Erneuerung traf bei uns
auf eine von materieller Not weitgehend befreite und weltanschaulich aufgeklärte,
aber auch auf eine wegen ihrer technisch-wirtschaftlichen Fortschritts-
und Machbarkeitserfahrung individualistischer gewordene und weniger auf
Mitmensch, Gemeinschaft und ein göttliches Geheimnis der Schöpfung
bezogene Gesellschaft. Es wäre zu einfach zu sagen, der Wohlstand selber
sei der Grund für zurückgegangenes kirchliches Interesse; wenn
wieder wirtschaftlich andere Zeiten kommen oder kämen, werde oder würde
sich das alles wieder ändern. Die zivilisatorische Entwicklung ist
nicht etwas in sich selber für Glauben und Kirche Hinderliches. Aber
die neuen Voraussetzungen forderten und fordern ein höheres Mass an
persönlicher, freier Entscheidung.
Auf freie Entscheidungen erheben die Menschen immer mehr Anspruch. Das Konzil
mutete sie ihnen auch zu. Aber es besteht eine gewisse paradoxe, jedoch
im Sinne christlicher Glaubensherausforderung verständliche Gleichzeitigkeit
von Anspruch auf persönliche Freiheit im Glauben und Glaubensverhalten
und Taubheit für die Einladung zu einer persönlicheren, nicht
durch die öffentliche Meinung und den Zwang der Konvention gestützte
Glaubens- und Lebenshaltung.
Dies kann man als Seelsorger zum Beispiel feststellen in manch freundlichem
Gespräch mit Personen, die ihren Austritt aus der Kirche erklären.
Ich habe dabei oft die Anerkennung des Gesprächspartners für ein
weltoffenes und die persönliche Freiheit respektierendes Kirchenverständnis
bei uns heute herausgehört, was aber keineswegs auch nur die Erwägung
zur Folge hatte, dieser Kirche vielleicht doch weiter angehören zu
wollen. Ebenso begegnet man aber auch bei den Angehörigen der Kirche
meistens einer Erwartungshaltung an die Kirche, die persönliche Freiheit
zu respektieren und weltoffen zu sein, die aber nichts zu tun hat mit einer
Identifikation mit einer bewussteren Freiwilligenkirche im Sinne eines bewussteren
evangelischen Engagements als vielmehr mit dem, welches der öffentlichen
Meinung entspricht.
Zu fragen ist also, ob die heute von der Kirche und von der Praxis der kirchlichen
Gemeinde erwartete Grundeinstellung bloss die einer modernen gesellschaftlichen
Liberalität sei oder ob sie die persönliche Bereitschaft beinhalte,
einer Gemeinschaft von Menschen anzugehören, welche ihr Leben bewusst
am Evangelium ausrichten wollen.
Kehren wir von diesen paar Gedanken zur heutigen gesellschaftlichen Erwartung
an eine freiheitlich offene Kirche und zu einem evangelischen Verständnis
von Freiheit zu einigen konkreten Beobachtungen im Leben der kirchlichen
Gemeinde 35 Jahre nach dem Konzil zurück.
Viele Menschen haben ein neues Verständnis von Kirche gefunden, mit
dem sie sich identifizieren können und auf das sie sich einlassen.
Gerne denken Frauen und Männer im Pfarreirat oder in einer Gesprächsgruppe
mit. Oft sprechen Pfarreiangehörige einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin
an in irgendwelchen Fragen des Glaubens oder der Kirche.
In der gottesdienstlichen Feier hat sich vieles entwickelt und entfaltet
seit den ersten Gehversuchen mit der erneuerten Liturgie. Die Gottesdienste
werden persönlicher vorbereitet und gestaltet als früher. Einfache
neue Zeichen wie Friedensgruss und lebensnahe Zeichen und Handlungen zu
besonderen Feiern im Laufe des Kirchenjahres sind zu fester Gewohnheit geworden.
Die Gottesdienstgemeinde ist immer wieder offen für neue Gestaltungsformen.
Das Mitwirken von Lektoren und Kommunionhelfern am Sonntag ist nicht mehr
wegzudenken. Bei Feiern in kleinerem Kreis oder zu besonderen Anlässen
bringen Frauen und Männer eigene Gedanken in den Gottesdienst ein.
Über Kinder und Jugendliche finden neue Melodien und Liedtexte Eingang
in den Gottesdienst der Gemeinde.
Zwar gelingt es in der Predigt nicht immer, die Zuhörer in ihrem Leben
abzuholen und ihnen etwas von der biblischen Botschaft mitzugeben. Aber
die meisten Gottesdienstbesucher bringen den mit der Verkündigung Beauftragten
guten Willen und Offenheit entgegen. Die Glaubensverkündigung im Gottesdienst
und im Religionsunterricht ist dialogischer geworden. Kindergottesdienste
finden oft in altersspezifisch vielfältigen Angeboten statt, von Kleinkinderfeiern
bis zu Jugendgottesdiensten.
Die Nachfrage für personale Seelsorge, besonders vonseiten betagter
und kranker Menschen, ist nach wie vor gross. Taufe, Trauung und Beerdigung
sind intensive Ereignisse persönlicher Begegnung und persönlichen
Ansprechens der Menschen.
Das soziale Engagement in der Pfarrei wird mehr als früher im Rahmen
eines Besucherdienstes und auf persönliche Initiative von einzelnen
Pfarreiangehörigen ausgeübt. Initiativen und Arbeitseinsatz für
Fest und Begegnung sind in veränderter Gestalt der Aktivität früherer
Zeiten vergleichbar. Ein besonderes Bemühen gilt in vielen Pfarreien
einem gesellschaftlich-sozialen Engagement, sei es im Dienst von Betagten
oder in Dritt-Welt-Gruppen und Mitarbeit in Claro-Läden oder in andern
sozialen Initiativen, zum Beispiel Organisation von Arbeitslosentreffs.
Die Vielfalt und Intensität eines pfarreilichen Lebens, das von
einem grossen Kreis Pfarreiangehöriger mitgetragen wird, kann nicht
über eine andere Erfahrung hinwegtäuschen. Ein sehr grosser Teil
der Pfarreimitglieder hat ein distanziertes Verhältnis zum kirchlichen
Leben. Der Gottesdienstbesuch hat abgenommen. Die meisten Jugendlichen distanzieren
sich betont vom Gottesdienst und viele von der Kirche überhaupt. Relativ
viele und in gewissen Regionen sehr viele, vorwiegend jüngere Erwachsene,
treten aus der Kirche aus.
Besonders charakteristisch für unsere Zeit ist, dass kirchliches Leben
für sehr viele Kirchenmitglieder einen punktuellen Charakter bekommen
hat. So gibt es zum Beispiel bei Taufe, Trauung, Beerdigung oder bei Elternabenden
auf Erstkommunion und Firmung hin viele Begegnungen mit Personen, die man
nachher nur zufällig wieder sieht.
Ich möchte diese Erfahrung punktueller Begegnung im Pfarreileben nicht
undifferenziert negativ werten. Oft sind es sehr gute und persönlich
nachwirkende Begegnungen. Nicht selten sind sie auch mit einem vorübergehend
intensiven pfarreilichen Engagement verbunden, zum Beispiel wenn ein Elternteil
nach der Erstkommunion eines Kindes eine Zeitlang bei der Gestaltung von
Familiengottesdiensten mitmacht oder bei der Firmvorbereitung des Jahrgangs
der Tochter oder des Sohnes mithilft.
Eine mehr punktuelle Begegnung mit Menschen dürfte ein heute wichtiger
Weg kirchlicher Gemeindebildung sein. Menschen, mit denen es nur zu punktuellen
kirchlichen Begegnungen kommt, die aber glaubwürdig und überzeugend
in ihrer Lebenswelt stehen, tragen auf ihre Weise bei zu einem Leben der
kirchlichen Gemeinde, das als solches nicht sichtbar wird. Es liegt viel
daran, dass sie sich von der kirchlichen Gemeinde und von Vertretern der
Kirche geachtet und angenommen und als vollwertige Gemeindeglieder dazugehörig
erfahren.
Ein mich intensiv beschäftigender Gedanke hinsichtlich der Spannung
zwischen christlichem Anspruch und real Möglichem in der kirchlichen
Gemeinde betrifft das Engagement der Kirche angesichts des Unrechts und
der Not in der Welt. Die diesbezügliche biblische Sprache, am direktesten
bei den Propheten, ist unüberhörbar. Klare Aussagen dazu finden
sich auch in der Pastoralkonstitution des Konzils «über die Kirche
in der Welt von heute».
In unseren Pfarreien sehe ich einen beachtlichen Solidaritätswillen
karitativer Art bei Fastenopfer, Dritt-Welt-Projekten und Sonntagskollekten
verschiedenen Inhalts. Es stimmt hoffnungsvoll, dass diese Aktionen auf
ein gutes Echo stossen. Schwieriger aber wird es beim Anliegen des gesellschaftspolitischen
Benennens der Unrechtssituation in der Welt und unserer Mitverantwortung
hinsichtlich unseres wirtschaftlichen und politischen Handelns. Auch die
Predigt hat hier ihren Auftrag. Aber sie stösst auf ihre Grenzen wegen
ihres monologischen Charakters und wegen der Verschiedenheit der Zuhörer
hinsichtlich ihrer Versteh- und Hörbereitschaft. Die meisten haben
an den Gottesdienst vorwiegend die Erwartung individual-ethischer und religiöser
Erbauung.
Mir war es immer wieder ein Anliegen, mich mit interessierten Pfarreiangehörigen
in einer Gesprächsgruppe zu treffen, in der wir auch über gesellschaftspolitische
Fragen wenigstens sprachen und uns um eine Meinungsbildung aus der Sicht
des christlichen Glaubens bemühten. Ich erfahre es aber als Mangel
und Schwäche der kirchlichen Gemeinde unserer Tage, dass in ihr von
Laiengruppen her kaum etwas an Bewusstmachung offenkundiger Unrechtsverhältnisse
unter den Völkern der Welt und unserer nationalen und gesellschaftlichen
Mitverantwortung geschieht, dass dies ausserkirchlichen Basisgruppierungen
überlassen wird.
Bei allen Grenzen, auf die die Glaubensverkündigung hinsichtlich der
Stellungnahme zu politisch-gesellschaftlichen Fragen stösst, steht
der Gottesdienst hintergründig doch immer auch im Dienst einer so oder
so gearteten gesellschaftlichen Grundhaltung. Als zu Beginn des Konzils
die Liturgiereform an den Anfang der Beratungen gestellt wurde, waren Äusserungen
der Befürchtung zu hören, die Kirchenversammlung werde nur um
ihre internen Anliegen kreisen. In Wirklichkeit aber hatten die Verantwortlichen
wohl erkannt, dass die Art, wie die Kirche ihren Gottesdienst feiert, sehr
viel auch mit gesellschaftlicher Verbindlichkeit oder Unverbindlichkeit
zu tun hat. Eine Liturgie in der Sprache des Lebens und mit Zeichen aus
dem Leben ohne weltfernes Zeremoniell bringt zum Ausdruck, dass die Botschaft
des Glaubens eine Botschaft für die Welt und das Leben und nicht für
das Jenseits ist.
Wie ein roter Faden durch die verschiedenen Aspekte kirchlicher Erneuerung
auf Pfarreiebene hindurch zieht sich eine neue Rolle und ein neues Selbstverständnis
des Laien. Laien bringen sich in allen Bereichen des Gemeindelebens mit
grösserer Eigenverantwortung ein. Dies führte bei uns aber nicht
zu einem Rückgang der Zahl beruflich im kirchlichen Dienst tätiger
Personen. Es arbeiten heute deutlich mehr Leute beruflich in der Kirche
als vor 30 oder 40 Jahren. Radikal zurückgegangen aber, wir wissen
es alle, ist die Zahl der Priester. Noch in den ersten Jahren nach dem Konzil
war eine Dekanatsversammlung eine Versammlung nur von Priestern. Heute sind
es nur noch wenige Priester, und eine reiche Vielfalt von Männern und
Frauen arbeiten in der Kirche zusammen.
Die Gläubigen haben die Frauen und Männer, die nicht Priester
sind, in ihrer Tätigkeit offen angenommen, auch in Predigt und Liturgie.
Dabei sind Aufhebung des Pflichtzölibats und immer mehr auch Priestertum
der Frau keine Tabuthemen mehr. Trotzdem hörte ich als Pfarrer in Baar
zum Teil von den gleichen Personen, welche diese Offenheit zeigten, oft
die Feststellung, wie schwierig es doch für mich sei, nur mit einem
Vikar und später sogar als Pfarrer allein in dieser grossen Pfarrei
zu sein, in der es doch früher vier oder fünf Pfarrhelfer gab.
Meine Antwort darauf, dass heute mehr Personen in der Pfarrei arbeiten als
früher und die Arbeit sich aufteile, bewirkte für ihre Feststellung
nicht viel.
Es erging eben doch durch die ganze Geschichte der Kirche hindurch eine
besondere Erwartung an den Priester, ganz gleich, ob er dieser Erwartung
auch wirklich gerecht wurde oder nicht. Zum einen ist dies die Erwartung
an ihn, der durch die Priesterweihe eine sakramentale Vollmacht empfangen
hat. Noch viel tiefer aber ist es die ganz menschliche Erwartung an ihn,
dass er bereit ist, über private Zielsetzungen, Vorstellungen und Ansprüche
hinaus das Leben mit anderen zu teilen, solidarisch zu werden, solidarisch
mit Menschen in ihren seelisch-geistigen Lebenserfahrungen und Lebenssituationen,
aber auch im eigenen Lebensstil mit materiell ärmer oder bescheidener
lebenden Menschen unserer Gesellschaft. Nun mag auch diese menschliche Erwartung
zum Voraus mehr an den Priester ergehen als an Laien im kirchlichen Dienst.
Die Erfahrung aber zeigt, wie schnell hier Vorurteile abgebaut sind und
wie gerade Frauen und Männer, die nicht Priester sind, die Möglichkeit
haben, ein besonders schönes, rollenunabhängiges Vertrauensverhältnis
zu schaffen.
Dr. theol. Guido Schüepp war vor und nach seiner Professur für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg Pfarrer.