6/1999

INHALT

Leitartikel

Teilen in Solidarität

von Xaver Pfister-Schölch

 

Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen, so haben die alten Römer formuliert. In diesem Sinnspruch weisen sie auf eine Dimension des Lebens, mit der wir unterschiedlich umgehen. Die einen halten am Alten und Bewährten fest, um im Strudel des Zeitenwandels nicht unterzugehen, die andern werfen sich in den Fluss der Zeit und hoffen so, ihre Haut retten zu können. Die Dritten krempeln die Ärmel hoch und packen an und tun und machen ohne Pause, weil in der Pause der Blick auf den strömenden Fluss fallen könnte. Diesen Blick aber scheuen sie, weil er unangenehme Fragen auslösen kann. Organisationen, die dieses Phänomen wahrnehmen und merken, wie das eigene Personal und ihr Umfeld unterschiedlich darauf reagieren, tun gut daran, ein Leitbild zu entwickeln. Die Erarbeitung eines Leitbildes ist so nicht eine trendige Zeiterscheinung, sondern der taugliche Versuch, im Fluss der Zeit die Orientierung nicht zu verlieren und im Strudel der unterschiedlichen Meinungen und Verhaltensoptionen das grösstmögliche und für ein sinnvolles Handeln notwendige Mass an Übereinstimmung unter allen Beteiligten zu gewinnen.
Das Fastenopfer hat am 17. Juni 1998 nach einem intensiven dreijährigen Erarbeitungsprozess sein neues Leitbild verabschiedet. Ausgangspunkt war zum einen der Amtsantritt der neuen Direktorin im Herbst 1995, zum anderen einige Beobachtungen zur Situation der Organisation, die im Projektbeschrieb so umschrieben wurden: «Innerhalb der Organisation gibt es unterschiedliche Standpunkte bezüglich der inhaltlichen Ausrichtung; die gemeinsame Vision ist zu wenig klar... Rasche Veränderungen im Umfeld verlangen Reaktionen... Bis jetzt fanden im internen Reorganisationsprozess Klärungen auf primär operativer Ebene statt; nun sind Bedürfnisse auf normativer/strategischer Ebene zu klären: Wer sind wir? Was wollen wir? Wohin wollen wir?» Das Leitbild soll gemäss dem Projektbeschrieb nach aussen ein realistisches Idealbild zeigen, auf das sich die Tätigkeit des Fastenopfers ausrichtet, sein Profil in Bezug auf Unternehmensphilosophie und Wertvorstellungen und sein Auftragsverständnis sichtbar machen. Nach innen soll es zum Führungsinstrument werden, einen Rahmen für die Zusammenarbeit schaffen und zur Motivierung, Orientierung und Konsensfindung beitragen. Diese anspruchsvolle Zielsetzung erklärt, warum der Erarbeitungsprozess nicht, wie ursprünglich geplant, im Zeitraum von anderthalb Jahren abgeschlossen werden konnte. Galt es doch Aktions- und Stiftungsrat, Personal und Geschäftsleitung, theologische Kommission und Expertenkommission in diesen Prozess einzubinden.
Wer das nun vorliegende Leitbild unter die Lupe nimmt, wird feststellen, dass sich diese Anstrengung gelohnt hat. Grafisch ansprechend, gut lesbar, klar gegliedert und gut verständlich gibt es Auskunft darüber, wer das Fastenopfer ist und was es will.
«Fastenopfer... teilen in weltweiter Solidarität». Das die programmatische Überschrift über dem Text, der im alten neu zur Geltung gebrachten Signet auch bildlich ausgedrückt wird: Das Kreuz, das in der Weltkugel steckt, die zugleich als das eine und geteilte Brot interpretiert werden kann. Die Bereitschaft, zu teilen und der Aufruf zum Teilen stehen so gleichsam im Zentrum des Fastenopfers. Das Leitbild entfaltet, was das für heute bedeutet. Im Ingress wird der Kontext beschrieben, in dem sich das Fastenopfer situiert. Im ersten Teil wird erklärt, wer das Fastenopfer ist. Im zweiten Teil werden seine Ziele beschrieben und im dritten Teil wird dargestellt, was es tut.
Der Ingress macht klar, das Fastenopfer ordnet sich in eine weltweite Bewegung ein. Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind die Stichworte, die sich dafür in der ökumenischen Bewegung als Schlüsselbegriffe etabliert haben. Mit allen Menschen guten Willens will es an dem Projekt für eine solidarische Welt teilnehmen und das gesellschaftliche und kirchliche Leben in der Schweiz und der Welt darauf ausrichten. Diese Grundaussagen, die leicht zu hehren, aber leeren Floskeln verkommen können, werden konkret verortet. Deshalb umklammern zwei Sätze die Formulierungen des Ingresses: «Wir teilen ... Wir rufen zum Teilen auf.» Damit wird neu unterstrichen, dass es dem Fastenopfer um konkretes Handeln geht, das zum Beispiel im Sammeln von Spenden für seine Arbeit zum Tragen kommt. Das materielle Fastenopfer, zu dem in jeder Fastenzeit aufgerufen wird, gehört mit zum Kerngeschäft des Fastenopfers.
Das Fastenopfer ist ein katholisches Hilfswerk, das sich zum «Leben in Fülle» bekennt. Im ersten Teil «wer wir sind» bekennt sich das Fastenopfer zum Evangelium Jesu Christi und dessen Option für die Befreiung von jeglicher Art der Unterdrückung als verbindliche Basis für seine Arbeit. Die Vision vom Reich Gottes, die in johanneischer Diktion als Leben in Fülle gedeutet wird, steht im Zentrum. Damit wird deutlich, dass sich das Fastenopfer an der Befreiungstheologie orientiert. Teilen, Dialog, Solidarität, ökumenische Zusammenarbeit und Respekt gegenüber anderen Religionen und Kulturen sind die Stichworte, mit denen diese Grundoption entfaltet wird. Wichtig scheint mir dabei auch der Hinweis, dass das Fastenopfer von Laien und Klerus gemeinsam geleitet wird und sich auch an Menschen und Gruppen ausserhalb der Kirche wendet. Wer die gesellschaftlichen Veränderungen und die Erosion volkskirchlicher Strukturen wahrnimmt, wird begrüssen, dass das Fastenopfer explizit die Zusammenarbeit mit denen sucht, die zur Kirche auf Distanz sind, die Anliegen des Fastenopfers aber auch als ihre eigenen Anliegen versteht. Das Fastenopfer wird im Wesentlichen von den Pfarreien getragen, es tut aber gut daran, die Kommunikation mit den vielen Menschen zu suchen, die nicht mehr im Netz dieser Trägerschaft leben.
Das Fastenopfer will ungerechte Strukturen verändern und ruft zum Teilen mit den Armen auf. So überschreibt das Leitbild die beiden Abschnitte, die beschreiben, was es anstrebt. «In der weltweiten Vielfalt von Religionen und Kulturen und in der Auseinandersetzung von Ideologien, Pseudoreligionen und Kommerzkultur bringt das Fastenoper die befreiende Botschaft des Evangeliums zur Geltung.» Diese Aufgabe kann es nur wahrnehmen, wenn es wirtschaftliche, gesellschaftliche und religiöse Probleme im Lichte des Evangeliums und der kirchlichen Soziallehre analysiert und so zu verantwortlichem Handeln beiträgt. Eine menschengerechte, ganzheitliche und nachhaltige Entwicklung zur Überwindung der weltweit wachsenden Kluft zwischen Armen und Reichen ist das Ziel der Arbeit. Dabei muss bei den Ursachen angesetzt und eine Veränderung ungerechter Strukturen gefordert werden. Anteil nehmen am Leben der Armen, Lebensgrundlagen schonen und unsere Mittel mit andern zu teilen. Das sind die Stichworte, welche die konkreten Wege weisen. Die Fastenzeit als Vorbereitungszeit auf Ostern wird von den religiösen und sozialen Impulsen des Fastenopfers bestimmt. Deutlicher hätte nach meinem Urteil hier formuliert werden müssen, dass diese Zielsetzungen das Fastenopfer unvermeidlich in Konflikte verwickeln und dass diese Konfliktbereitschaft eine Kardinaltugend des Fastenopfers sein muss.
Das Knüpfen am Netz der Solidarität und die Hilfe zur Selbsthilfe sind die Grundakkorde, die das Tun des Fastenopfers prägen, wie es im dritten Teil des Leitbildes umschrieben wird. Austausch zwischen den Ortskirchen, Zusammenarbeit mit vielen Basisbewegungen und Organisationen in den Armutsregionen bilden den ersten Schwerpunkt. Anwaltschaftliche Bewusstseinsbildung und Förderung der nationalen Solidarität (Inlandteil) bilden einen zweiten Akzent. Förderung missionarischer Tätigkeit der Ortskirchen und ihrer Inkulturation in die vielfältigen Befreiungsprozesse der Menschen sind ein dritter Schwerpunkt. Die Finanzierung überdiözesaner Aufgaben und der Transfer der Erfahrungen aus der internationalen Zusammenarbeit zur spirituellen Erneuerung und Gestaltung dynamischer Strukturen in der Kirche der Schweiz bleiben wichtige Aufgaben des Fastenopfers. Hier wird deutlich gemacht, dass das Fastenopfer der Kirche Schweiz nicht bloss Gelder, sondern eben auch seine spezifischen Erfahrungen in der weltweiten Zusammenarbeit anzubieten hat. In dieser Verbindung, die den innerschweizerischen Geldfluss mit dem Transfer von Erfahrungen aus der weltweiten Basisarbeit verbindet, liegt ein wichtiger, neu herausgestrichener Akzent dieses Leitbildes. Das Fastenopfer ist tatsächlich eine Drehscheibe, in der die Kirche Schweiz mit den Ortskirchen in der Welt verbunden wird. Es ist zu wünschen, dass diese Scheibe vermehrt in beiden Richtungen dreht und die Impulse zur Bewegung bei uns tatsächlich auch aufgenommen werden. Und so erhält das Teilen eine wichtige zusätzliche Färbung. Es ist die Bereitschaft, sich von Erfahrungen aus den Partnerorganisationen des Fastenopfers herausfordern zu lassen.

 

Der promovierte Theologe Xaver Pfister-Schölch ist Mitglied der theologischen Kommission des Fastenopfers.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999