5/1999 | |
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Leitartikel |
Den gewaltlosen Weg, den «Weg der Mitte», hat das politische
und geistliche Oberhaupt Tibets, der XIV. Dalai Lama, immer eingeschlagen,
um sein Anliegen zu vertreten: das Überleben seiner Landsleute im Exil
geistig-kulturell zu sichern und eine Autonomie Tibets innerhalb der Volksrepublik
China zu erreichen. «Denn die Nebenwirkungen der Gewalt sind immer
sehr, sehr gross», sagt er in einem der Gespräche mit Erwin Koller,
Kulturchef des Schweizer Fernsehens DRS. Zwischen 1995 und 1998 hat dieser
mehrere Gespräche mit Seiner Heiligkeit geführt, und sie liegen
nun in einer Buchausgabe vor, welche wertvolle Einblicke in das Denken und
Handeln dieser Persönlichkeit vermittelt.<1>
Natürlich hört der Leser das ansteckende Lachen des Dalai Lama
nicht mehr (er findet es lediglich als Vermerk vor), dieses entwaffnende
herzliche Lachen, das von so viel Gelassenheit zeugt. Erwin Koller vermutet
in seiner Einführung, der Schlüssel zu dieser Heiterkeit liege
darin, dass sich der Dalai Lama «weder zum Gefangenen von Erwartungen
machen noch sich von ihnen erdrücken lässt». So lautet der
Titel der schriftlichen Aufzeichnungen auch schlicht: «Erwarten Sie
keine Wunder von mir!»
Ja, Wunder darf man von diesem Meister des Buddhismus nicht erwarten. Aber
viele seiner Äusserungen wirken in ihrem tiefen Verständnis des
Menschlichen, in ihrer Achtung vor allem, was lebt und wirkt, sehr befreiend.
Nichts Zelotisches haftet dieser Persönlichkeit an, dafür jene
höhere Art von Bescheidenheit, die aus innerer Sicherheit um ihre Möglichkeit
und um ihre Grenzen weiss. Sie verleiht diesem Mann seine sonderbare Kraft.
Er nennt sie in einem der Interviews den «Frieden des Geistes».
Dieser aber ist nicht das Produkt irgendwelcher Therapien, sondern eine
Frucht der Meditation, wie er denn auch einmal den Buddhismus als eine «Wissenschaft
des Geistes» bezeichnet. Erwin Koller stellt viele Fragen in den Raum
(zu viele manchmal): jene nach der Wiedergeburt etwa, nach den frühen
Jahren des Dalai Lama mit den dramatischen Erinnerungen an die chinesische
Invasion, den Besuch bei Mao Zedong und die Flucht nach Indien, nach der
tibetischen Gegenwart mit dem «kulturellen Völkermord»,
angesichts dessen die Zeit drängt. Aber er will auch die Meinung seines
Gegenübers zu den verschiedenen jüngsten Filmwerken über
Tibets Geschichte und Kultur (allen voran Martin Scorseses Film «Kundun»)
hören, er bringt die Kontroverse rund um den Shugden-Konflikt zur Sprache,
und nicht zuletzt befragt er den Dalai Lama zu einem seiner bevorzugten
Themen, zum Verhältnis unter den Religionen. Der Dalai Lama antwortet
redlich, verständnisvoll und immer dialogbereit. Manchmal fallen die
Antworten unverhältnismässig kurz aus, etwa wenn Koller nach dem
Unterschied zwischen Buddha und Jesus fragt. Wenn es der Zeitdruck des Mediums
war, welcher dem Antwortenden diese unangemessene Kürze auferlegte,
so hätte diese Frage gar nicht gestellt werden dürfen.
Doch andrerseits ist der tour d'horizon lehrreich und verführt zum
eigenen weiteren Nachforschen. Dieses aber läge ganz im Sinn des tibetanischen
Gesprächspartners. Seine Antworten, die in einem völlig anderen
Kultur- und Lebenszusammenhang gründen, vor allem aber in beständiger
spiritueller Übung wurzeln, bereichern das westliche Denken. Dennoch
nennt der Dalai Lama auch seinerseits bereichernde Erfahrungen, die er wider
landläufiges Erwarten im westlichen Konsumparadies gemacht hat: «Für
mich ist immer wieder die Schlichtheit und Einfachheit des westlichen monastischen
Lebens beeindruckend. Das Mönchsleben in Tibet war manchmal eher komfortabler...
Gleichzeitig verbinden die christlichen Brüder und Schwestern ihre
religiöse Praxis mit einem starken Engagement im sozialen Bereich,
im Schul- und Gesundheitswesen. In der buddhistischen Tradition fehlt uns
das. Geistig üben wir wohl die Haltung des Mitleidens, des Gebens,
der Toleranz, und es gibt eine wirkungsvolle Schulung in diesem Sinne, aber
praktisch werden diese Übungen oft nicht umgesetzt.»
Er befindet sich fast etwas in der Situation des Moses. Der jetzt über
Sechzigjährige ist überzeugt, dass sich in naher und absehbarer
Zukunft die Lage seines Landes ändern wird und er dann zurückkehren
wird, wenn auch kaum für immer. Indessen: «Sollte ich nächste
Woche sterben, werde ich mein Land nicht mehr sehen können.»
Er sagt dies ruhig, ohne deswegen seine innere Zuversicht zu schmälern.
Diese ist ansteckend, und wahrscheinlich hat gerade sie wesentlich zum Weiterleben
tibetanischen Lebens im Exil beigetragen. Zwar sagt der Dalai Lama, dass
das Verständnis der buddhistischen Lehre im Volk nicht mehr ausreichend
sei. Man überlasse das Studium den Mönchen und halte sich als
Laie davon frei. Der Dalai Lama sieht hierin «eine falsche Vorstellung».
Unermüdlich nimmt er jede Anstrengung auf sich, um tibetisches Leben
und dessen Geistigkeit im Exil aufrecht zu erhalten. Seine Zuversicht täuscht
dabei nicht über die tiefe Sorge angesichts der bedrängenden Situation
im eigenen Land hinweg.
Welches seine «wichtigste Botschaft an die Menschheit» sei,
fragt ihn Erwin Koller am Schluss. Der Dalai Lama rühmt den grossen
Nutzen der menschlichen Intelligenz, erinnert aber auch an ihr schädliches
Potential, wenn sich diese Begabung nicht mit einem «guten und warmen
Herz» verbündet.» Er meint daher, «dass wir in der
heutigen Zeit der Entwicklung eines guten Herzens Sorge tragen müssen».
Beatrice Eichmann-Leutenegger ist Literaturkritikerin und Publizistin.
1 Dalai Lama, Erwarten Sie keine Wunder von mir! Herausgegeben von Erwin Koller, Pendo Verlag, Zürich 1998, 96 Seiten.