4/1999 | |
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Leitartikel |
Christlicher Glaube in pluralistischer Gesellschaft diesem Thema
war die Kontaktwoche 1999 an der Theologischen Fakultät der Universitären
Hochschule Luzern gewidmet, die sich dem Thema in vier Schritten annäherte:
erfahrene Pluralität, gelebte Deutungen, gesuchte Identität, erhoffte
Verständigung. Im Rahmen dieser Veranstaltung und dieser Thematik trug
im Festvortrag der traditionellen Thomasakademie der Kapuziner Walbert Bühlmann
seine «Visionen für eine Kirche im pluralistischen Jahrtausend»
vor. Pluralistisch ist für den Missionswissenschaftler und Kenner der
Weltkirche das kommende Jahrtausend vor allem deshalb, weil gegen Ende des
gegenwärtigen Jahrtausends der Ethnozentrismus an sein Ende gekommen
und der kirchliche Uniformismus durch das Zweite Vatikanische Konzil grundsätzlich
überwunden worden ist.
In Entsprechung zu diesem pluralistischen Jahrtausend entwickelte Walbert
Bühlmann seine theologisch-pastoralen Visionen für eine pluralistische
Kirche. Er plädierte für eine angstfreie Offenheit der einzelnen
Gläubigen, die weder das Evangelium verrät noch die christliche
Identität aufgibt; er plädierte aber auch für entsprechende
Strukuren und in diesem Sinne für eine pluralistische Kirche. Dazu
gehört für ihn, dass jeder Kontinent seine eigenen Heiligen verehren,
seine besondere Theologie entwickeln und eigenständige Patriarchate
bilden kann.
Lateinamerika besitze bereits eine beachtliche Anzahl von «Heiligen
der Gerechtigkeit», Priester und Laien, «die nicht für
einen Glaubenssatz das Leben hingaben, sondern wegen ihres Einsatzes, damit
alle Menschen, Ebenbilder Gottes, menschenwürdig und gotteswürdig
leben können». Afrika hätte uns mit «Heiligen der
Lebensfreude» zu beschenken, die ihre positive afrikanische Lebenseinstellung
in allen Lagen, auch in schwierigen Situationen, selbst im Sterben, modellhaft
vorgelebt haben. Asien hätte durch «Heilige der Mystik»
das «eine Notwendige» (Lk 10,42) in der Kirche zu bezeugen,
eine Alltagsmystik «im stillen Dasein vor Gott und im inneren Frieden
trotz allem». Europa und Nordamerika müssten als eine neue und
so notwendige Kategorie «Heilige der Ökonomie» erdenken
und hervorbringen, Männer und Frauen, «die sich durch Kompetenz
und Energie an Schaltstellen der Wirtschaft empor manövrieren konnten
und es zustande bringen, dass in der nationalen und internationalen Wirtschaft
nicht die Rendite, sondern der Mensch und die Gesamtheit der Menschen das
Mass des Handelns bestimmen».
Vor rund dreissig Jahren ist in Europa der Grundriss heilsgeschichtlicher
Dogmatik «Mysterium Salutis» erschienen; er wollte die theologische
Neubesinnung in der Kirche seiner Zeit sammeln und ordnen, obwohl er nur
von europäischen Theologen geschrieben wurde. Vor kurzem ist in Lateinamerika
das Standardwerk «Mysterium liberationis» erschienen, ein erster
theologischer Wurf einer nicht europäischen Kontinentalkirche, nicht
gegen die europäische Theologie, aber eine glückliche Ergänzung,
wie Walbert Bühlmann das Werk charakterisierte. Während die lateinamerikanische
Theologie, obwohl sie von der Erfahrung der untermenschlichen Armut ausgeht
und deshalb ein besonderes Interesse an der «präsentischen Eschatologie»
hat, die «futurische Eschatologie» nicht ausklammert, wage die
europäische Theologie heute kaum mehr davon zu sprechen. Afrika müsste
nun ein theologisches Werk unter dem Titel «Mysterium incarnationis»
vorlegen, das vom Geheimnis der Menschwerdung aus radikale Folgerungen für
eine Inkulturation der Kirche in Afrika zieht; denn bislang gebe es bloss
eine erfreulich anwachsende «Kirche in Afrika», aber noch viel
zu wenig «afrikanische Kirche». Asien müsste mit einem
theologischen Werk unter dem Titel «Mysterium revelationis»
die Identität der christlichen Kirchen inmitten der kosmischen Weite
des Offenbarungsgeschehens darstellen und bewusst machen, «dass Gott
schon immer ein Gott aller Menschen in allen Religionen war». Schliesslich
müsste sich Europa noch einmal aufmachen und ein Werk mit dem Titel
«Mysterium saecularisationis» in Angriff nehmen, welches das
Wirken Gottes im ausserkirchlichen Raum darstellt.
Mit so viel spiritueller und theologischer Eigenständigkeit müsste
jeder Kontinent auch eine angemessene strukturelle Eigenständigkeit
erhalten. Walbert Bühlmann erinnerte an die Aussage, «urbs»
(die Stadt Rom) identifiziere sich zu rasch mit «orbis» (dem
Erdkreis) und mache sich so zum Mass aller Kirchen (Josef Ratzinger, Das
neue Volk Gottes, 1969); und er erinnerte daran, dass Papst Johannes Paul
II. in der Enzyklika «Ut unum sint» (1995) die anderen Kirchen
bittet, ihm bei der Suche zu helfen, eine «neue Form der Primatsausübung
zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet,
sich aber einer neuen Situation öffnet». Eine neue Form könnte
für Walbert Bühlmann sein, in Fortschreibung der Pentarchia, der
fünf altkirchlichen Patriarchate, jedem Kontinent einen patriarchalen
Status mit weitgehender Autonomie zu gewähren. «Dann könnte
Lateinamerika selber entscheiden, wie es mit der Befreiungstheologie umgehen
möchte, Afrika mit der Inkulturation, Asien mit dem Dialog mit den
Religionen, Europa und Nordamerika mit der Säkularisation.» So
pluralistisch geworden, könnte die Kirche einer pluralistischen Welt
eine Hoffnung vorleben, die sich die Welt nicht selber geben kann.