3/1999

INHALT

Leitartikel

Erinnerungen für die Zukunft wecken

von Elisabeth Aeberli

 

Nach der siebten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Canberra 1991 gab der ÖRK eine Videoproduktion mit dem Titel: «Highlights» von der Vollversammlung heraus. Nun gehört bereits die achte Vollversammlung des ÖRK der Vergangenheit an, und ich bin nun gespannt, welche «Highlights», welche Höhepunkte das Erinnerungsvideo von Harare füllen werden.
Die achte Vollversammlung im Dezember 1998 in Simbabwe<1> war zugleich die Jubiläumsversammlung des ÖRK. Da durfte natürlich der geschichtliche Rückblick nicht fehlen. An der Jubiläumsveranstaltung, in der an die sieben vergangenen Vollversammlungen erinnert wurde, stach für mich eine besonders hervor: die vierte Vollversammlung 1968 in Uppsala (Schweden). Es liegt, auch rückblickend, auf der Hand, dass 1968 eine Vollversammlung nicht unpolitisch sein konnte. Schon die Wahl des einen Redners setzte Prioritäten: Martin Luther King, Pfarrer und aktiver Mitkämpfer in der schwarzen Befreiungsbewegung der USA. Wenige Monate vor der Versammlung wurde er ermordet.
Es ist das Vermächtnis an den Befreiungskampf der Schwarzenbewegung, dass die Vollversammlung in Uppsala Ja sagte zum Antirassismus-Programm. Und dieses Programm wirkte sich nicht nur auf die Kämpfe der Schwarzenbewegungen in den USA aus. Vielmehr setzte der ÖRK und seine Mitgliedkirchen auch in ihren Beziehungen zu den Kirchen im südlichen Afrika Prioritäten und leistete sogar finanzielle Unterstützung an deren Befreiungsbewegungen. Ob sich Lob und Kritik ob diesem Programm die Waage halten, ist nicht entscheidend. Wohl aber das, dass der ÖRK, die Kirchen insgesamt, sich politisch orteten und Stellung bezogen. Dieses Engagement bestimmte über Jahre hinaus die Diskussionen in allen Kirchen. Auch in der Schweiz mussten die kirchlichen Hilfswerke sehr viel Kritik dafür einstecken, dass ihre Arbeit mehr eine politische denn eine spirituelle Ausrichtung habe.
Mit den freien Wahlen in Südafrika 1994 ist nun dieses Kapitel der Apartheidpolitik abgeschlossen, der ÖRK kann zurücklehnen. Braucht es ihn nun noch?
Ich kann mir gut vorstellen, dass manche es als vermessen ansehen, wenn die Stellung der Frau in den Kirchen mit dem Apartheidsystem verglichen wird. Trotzdem: die vom ÖRK 1988 ausgerufene Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen» wurde wohl von den 330 Mitgliedkirchen mehr oder weniger zur Kenntnis genommen, aber ernsthafte Veränderungen brachte sie nicht.<2>
Anlässlich der Dekade-Tagung, die in Harare vor der achten Vollversammlung stattfand, wurde von den anwesenden Frauen ein Brief an die Delegierten der Vollversammlung verabschiedet.
Die Frauen des Dekade-Festivals betonen, dass die «inklusive» christliche Gemeinschaft, die niemanden ausschliesst, die demzufolge keine Apartheid kennt, ein Auftrag des Evangeliums ist. Das hören nicht alle gern. Auch mit den Rosen, die vor der Plenumsversammlung an die Delegierten verteilt wurden, kamen die Forderungen der Frauen nicht besser durch. Besser wäre es, wenn Frauen ihre Anliegen nicht immer sogleich mit besänftigenden Methoden abfedern. Spätestens bei den Wahlen wurde klar, dass die Frauen wiederum mit einer Zwei auf dem Rücken hinausgehen ­ und mit viel Verständnis und Solidarität für die (Männer-) Kirchen und der Aufgabe, selbst wieder weiterzusehen, was sich machen lässt.
Das Problem der Einheit ist uns bekannt und kam auch an der Plenumsdebatte zur Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen» an der Vollversammlung in Harare zur Sprache: Die Abendmahlsgemeinschaft zwischen orthodoxen und der anglikanischen Kirche wäre in greifbarer Nähe gewesen, wenn diese sich nicht zur Ordination der Frauen entschieden hätte, so argumentierte ein russisch-orthodoxer Delegierter. Diese Aussage brachte zwar viel Aufregung in die Versammlung. Es brachte aber wenig an den Tag, wie sich die anwesenden Kirchen zur Gleichstellung der Frauen stellen, die mit der Ordination alleine nicht einfach perfekt ist. Die orthodoxen Kirchen waren aber damit einmal mehr ins Rampenlicht gerückt und stehen mit solchen Aussagen als konservativ, bremsend, schlechthin da. Es passte in das Konzept der Berichterstattung, in der die orthodoxen Kirchen weltweit als Spaltpilz im ÖRK dargestellt werden. Ich kann den Eindruck, dass die orthodoxen Kirchen als Entschuldigungsfläche dafür herhalten müssen, dass dem ÖRK die gemeinsamen Themen ausgegangen sind, nicht ganz los werden. In einem Gespräch erklärte mir der Generalsekretär des ÖRK, Konrad Raiser: «Die ökumenische Bewegung, sofern sie eine Erneuerungsbewegung der Kirchen sein will, steht wieder neu vor der Frage, was es heute heisst, Kirche zu sein. Und mir scheint, dass die Frage nach der Einheit der Kirchen unter diesen Bedingungen letztlich zusammenfällt mit der Frage, was heisst es, Kirche zu sein. Wenn wir das wieder wüssten und uns nicht einfach hinter unseren traditionellen Antworten verschanzen, dann wäre die Einheit der Kirchen gar kein Problem.»<3> Damit müssten die Kirchen wohl zuerst sich selbst hinterfragen, bevor sie den jeweils anderen als Bremsklotz der Einheit sehen.

 

Die Theologin Elisabeth Aeberli ist Redaktorin bei der Zeitschrift Wendekreis.


Anmerkungen

1 SKZ 2/1999, S. 18­23.

2 Lebendige Briefe. Bericht über die Besuche bei den Kirchen während der Ökumenischen Dekade «Kirchen in Solidarität mit den Frauen», Genf (WCC-Publications) 1997.

3 Das erwähnte Gespräch mit Konrad Raiser ist im Wendekreis 1/99 (Themenheft Ökumene) abgedruckt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999