SKZ 2/1999

INHALT

Leitartikel

Mantel der Gerechtigkeit

von Jeanine Kosch-Vernier

 

Ein Schweizer Facharbeiter in der Textilindustrie verdient monatlich Fr. 4500.­, sein tschechischer Kollege Fr. 300.­. In Vietnam und Bangladesh bekommen die Arbeiterinnen und Arbeiter für ihre Arbeit etwa Fr. 30.­ pro Monat. Auch für dortige Verhältnisse liegt ein Lohn von weniger als zwei Franken am Tag unter der Armutsgrenze. Die diesjährige Fastenaktion hat eine klare Botschaft: Arbeit, Existenzsicherung und Würde für alle. Allerdings besteht eine gewaltige Diskrepanz zwischen Zielvorstellung und Wirklichkeit.
Heutiger Markt ist beinharter Kampf ums Überleben. Heutiger Markt setzt Vergleichbarkeit voraus. Die Bedingung dafür sind gleich lange Spiesse. Eine Möglichkeit, solch gleich lange Spiesse zu erhalten, ist der Wettbewerb. Was aber tun, wenn der Markt die Welt ist? Nationale Handlungsmaximen werden hier unsinnig ­ und globale gibt es noch kaum. Aber auch eine ökonomische Globalisierung braucht Spielregeln. In seinem Buch «Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft» fordert der Theologe Hans Küng ein Weltethos, sozusagen internationale Spielregeln für die Wirtschaft.
Was so verblüffend einfach tönt ­ wir brauchen ein Weltethos ­ entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als kompliziertes Unterfangen.
Wird es gelingen, der Globalisierung der Wirtschaft eine Globalisierung der Politik entgegenzustellen, die die weltwirtschafliche Entwicklung in sozial und ökologisch nachhaltige Bahnen zu lenken vermag?
All diese Themen sind längst Gegenstand internationaler Konferenzen. Was fehlt, ist die Verknüpfung der Aktivitäten vor Ort mit jenen der internationalen Zivilgesellschaft. So ist die nationale und internationale Zivilgesellschaft gefordert, den Nationalstaaten diesen Weg zu weisen. Ohne internationale Zusammenarbeit der Nationalstaaten, ohne Etablierung globaler, demokratisch gesteuerter Organisationen wird es hingegen nicht gehen.
Genau in diesem Prozess sind die Kirchen und mit ihnen die kirchlichen Hilfswerke gefordert, sich einzumischen.
Gemeinsam mit Brot für alle und Erklärung von Bern lanciert das Fastenopfer die «Clean Clothes Campaign ­ für gerecht produzierte Kleider». Seit vielen Jahren engagieren sich diese Organisationen für gerechtere Beziehungen zwischen Nord und Süd, bemühen sich um Spielregeln im Handel, die die Würde der Arbeiterinnen und Arbeiter ernst nimmt.
Die Clean Clothes Campaign informiert über Arbeitsbedingungen bei der Produktion von Kleidern, setzt sich ein für gerechte Arbeitsbedingungen und fordert von den grossen Markenfirmen und Grossverteilern, sich an einen Verhaltenskodex zu halten, der die Mindestnormen der Internationalen Arbeitsorganisation respektiert, und eine unabhängige Kontrollinstanz, die die Einhaltung dieses Kodex überprüft.
Wir können unsere Macht als Konsumentinnen und Konsumenten nutzen, indem wir vorgedruckte Postkarten an Markenfirmen und Grossverteiler senden und sie auffordern, diesen Kodex zu unterzeichnen. Weiteres Informationsmaterial zur Clean Clothes Campaign, Postkarten, Broschüre, Aktionspaket für Pfarreien usw. sind erhältlich beim Fastenopfer.
Bei der Clean Clothes Campaign geht es nicht darum, unfair gehandelte Produkte zu boykottieren. Ein Boykott bestraft immer auch die Arbeiterinnen und Arbeiter, die dadurch ihre Stelle verlieren können. Bei der in zahlreichen Ländern laufenden Kampagne geht es darum, Druck auf die Produzenten auszuüben, damit die Würde der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gewahrt wird.
Die Sozialverkündigung der Kirche geht davon aus, dass politische und wirtschaftliche Fragen immer eine ethische Dimension haben. Politisches Handeln ist nie einfach nur neutral, sondern es soll das Wohlergehen der Menschen fördern.
Der Markt als Mechanismus ist für die Sozialverkündigung kein Zweck an sich. Dementsprechend ist der Markt, die Marktwirtschaft nur dann gerechtfertigt, wenn er das Wohlergehen aller Menschen fördert. Die Soziallehre der Kirche geht davon aus, dass politisches Handeln sich auch auf die Wirtschaft erstrecken muss und das Ziel immer das langfristige Wohl der Menschen sein muss.
Aus dem Grundsatz des unbedingten Eigenwertes der Person folgt das Prinzip des Vorranges der menschlichen Arbeit vor dem Kapital. In der Arbeit kommt die Würde des Menschen zum Ausdruck. Die Würde des Menschen erfordert, dass die menschliche Arbeit stärker gewichtet wird als die anderen Faktoren des Produktionsprozesses.
Der entscheidende Ansatz einer theologischen Ethik liegt in der theologischen Anthropologie. Der Einfluss des Glaubens in der christlichen Ethik betrifft grundsätzlich das Subjekt der Sittlichkeit. Somit ist der letzte Grund sittlicher Verpflichtung des Menschen in seiner radikalen Beanspruchung durch Gott zu sehen. Es kann allerdings darüber diskutiert werden, wie diese göttliche Beanspruchung zu verstehen ist. Weder sind göttliche Normen direkt aus der Bibel und der Schöpfungsordnung abzulesen, noch können Bibel und Schöpfungswirklichkeit für die Normbildung ignoriert werden. Es geht um die Frage, wie wir in unseren sittlichen Entscheidungen Gott begegnen.
Durch den Einbruch des Evangeliums ins tägliche Leben gewinnt die christliche Moral Anteil an einer Dynamik sozialer Veränderung.
Zum Schluss noch dies: Die ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Schweiz spricht von der Reich-Gottes-Verträglichkeit. Verhaltenskodices in der Produktion unserer Kleider sind eine Möglichkeit, unsere Welt etwas Reich-Gottes-verträglicher zu machen.

 

Die Theologin Kosch-Vernier ist Fachverantwortliche für Entwicklungspolitik beim Fastenopfer.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999