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Leitartikel |
Ein Schweizer Facharbeiter in der Textilindustrie verdient monatlich
Fr. 4500., sein tschechischer Kollege Fr. 300.. In Vietnam und
Bangladesh bekommen die Arbeiterinnen und Arbeiter für ihre Arbeit
etwa Fr. 30. pro Monat. Auch für dortige Verhältnisse liegt
ein Lohn von weniger als zwei Franken am Tag unter der Armutsgrenze. Die
diesjährige Fastenaktion hat eine klare Botschaft: Arbeit, Existenzsicherung
und Würde für alle. Allerdings besteht eine gewaltige Diskrepanz
zwischen Zielvorstellung und Wirklichkeit.
Heutiger Markt ist beinharter Kampf ums Überleben. Heutiger Markt setzt
Vergleichbarkeit voraus. Die Bedingung dafür sind gleich lange Spiesse.
Eine Möglichkeit, solch gleich lange Spiesse zu erhalten, ist der Wettbewerb.
Was aber tun, wenn der Markt die Welt ist? Nationale Handlungsmaximen werden
hier unsinnig und globale gibt es noch kaum. Aber auch eine ökonomische
Globalisierung braucht Spielregeln. In seinem Buch «Weltethos für
Weltpolitik und Weltwirtschaft» fordert der Theologe Hans Küng
ein Weltethos, sozusagen internationale Spielregeln für die Wirtschaft.
Was so verblüffend einfach tönt wir brauchen ein Weltethos
entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als kompliziertes Unterfangen.
Wird es gelingen, der Globalisierung der Wirtschaft eine Globalisierung
der Politik entgegenzustellen, die die weltwirtschafliche Entwicklung in
sozial und ökologisch nachhaltige Bahnen zu lenken vermag?
All diese Themen sind längst Gegenstand internationaler Konferenzen.
Was fehlt, ist die Verknüpfung der Aktivitäten vor Ort mit jenen
der internationalen Zivilgesellschaft. So ist die nationale und internationale
Zivilgesellschaft gefordert, den Nationalstaaten diesen Weg zu weisen. Ohne
internationale Zusammenarbeit der Nationalstaaten, ohne Etablierung globaler,
demokratisch gesteuerter Organisationen wird es hingegen nicht gehen.
Genau in diesem Prozess sind die Kirchen und mit ihnen die kirchlichen Hilfswerke
gefordert, sich einzumischen.
Gemeinsam mit Brot für alle und Erklärung von Bern lanciert das
Fastenopfer die «Clean Clothes Campaign für gerecht produzierte
Kleider». Seit vielen Jahren engagieren sich diese Organisationen
für gerechtere Beziehungen zwischen Nord und Süd, bemühen
sich um Spielregeln im Handel, die die Würde der Arbeiterinnen und
Arbeiter ernst nimmt.
Die Clean Clothes Campaign informiert über Arbeitsbedingungen bei der
Produktion von Kleidern, setzt sich ein für gerechte Arbeitsbedingungen
und fordert von den grossen Markenfirmen und Grossverteilern, sich an einen
Verhaltenskodex zu halten, der die Mindestnormen der Internationalen Arbeitsorganisation
respektiert, und eine unabhängige Kontrollinstanz, die die Einhaltung
dieses Kodex überprüft.
Wir können unsere Macht als Konsumentinnen und Konsumenten nutzen,
indem wir vorgedruckte Postkarten an Markenfirmen und Grossverteiler senden
und sie auffordern, diesen Kodex zu unterzeichnen. Weiteres Informationsmaterial
zur Clean Clothes Campaign, Postkarten, Broschüre, Aktionspaket für
Pfarreien usw. sind erhältlich beim Fastenopfer.
Bei der Clean Clothes Campaign geht es nicht darum, unfair gehandelte Produkte
zu boykottieren. Ein Boykott bestraft immer auch die Arbeiterinnen und Arbeiter,
die dadurch ihre Stelle verlieren können. Bei der in zahlreichen Ländern
laufenden Kampagne geht es darum, Druck auf die Produzenten auszuüben,
damit die Würde der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gewahrt wird.
Die Sozialverkündigung der Kirche geht davon aus, dass politische und
wirtschaftliche Fragen immer eine ethische Dimension haben. Politisches
Handeln ist nie einfach nur neutral, sondern es soll das Wohlergehen der
Menschen fördern.
Der Markt als Mechanismus ist für die Sozialverkündigung kein
Zweck an sich. Dementsprechend ist der Markt, die Marktwirtschaft nur dann
gerechtfertigt, wenn er das Wohlergehen aller Menschen fördert. Die
Soziallehre der Kirche geht davon aus, dass politisches Handeln sich auch
auf die Wirtschaft erstrecken muss und das Ziel immer das langfristige Wohl
der Menschen sein muss.
Aus dem Grundsatz des unbedingten Eigenwertes der Person folgt das Prinzip
des Vorranges der menschlichen Arbeit vor dem Kapital. In der Arbeit kommt
die Würde des Menschen zum Ausdruck. Die Würde des Menschen erfordert,
dass die menschliche Arbeit stärker gewichtet wird als die anderen
Faktoren des Produktionsprozesses.
Der entscheidende Ansatz einer theologischen Ethik liegt in der theologischen
Anthropologie. Der Einfluss des Glaubens in der christlichen Ethik betrifft
grundsätzlich das Subjekt der Sittlichkeit. Somit ist der letzte Grund
sittlicher Verpflichtung des Menschen in seiner radikalen Beanspruchung
durch Gott zu sehen. Es kann allerdings darüber diskutiert werden,
wie diese göttliche Beanspruchung zu verstehen ist. Weder sind göttliche
Normen direkt aus der Bibel und der Schöpfungsordnung abzulesen, noch
können Bibel und Schöpfungswirklichkeit für die Normbildung
ignoriert werden. Es geht um die Frage, wie wir in unseren sittlichen Entscheidungen
Gott begegnen.
Durch den Einbruch des Evangeliums ins tägliche Leben gewinnt die christliche
Moral Anteil an einer Dynamik sozialer Veränderung.
Zum Schluss noch dies: Die ökumenische Konsultation zur sozialen und
wirtschaftlichen Lage der Schweiz spricht von der Reich-Gottes-Verträglichkeit.
Verhaltenskodices in der Produktion unserer Kleider sind eine Möglichkeit,
unsere Welt etwas Reich-Gottes-verträglicher zu machen.
Die Theologin Kosch-Vernier ist Fachverantwortliche für Entwicklungspolitik beim Fastenopfer.