SKZ 1/1999

INHALT

Neujahrswunsch

Gott lässt wachsen

 

Liebe Seelsorger und Seelsorgerinnen

Zum Jahreswechsel entbieten Ihnen die Bischöfe in der deutschsprachigen Schweiz ihre besten Segenswünsche. 1999 ist das letzte Jahr vor der Jahrtausendwende. Es liegt wie ein noch offenes Meer von unendlichen Möglichkeiten vor uns; und niemand kann vorhersagen, was es alles bringen wird. Dennoch sind gerade bei Seelsorgern und Seelsorgerinnen gewiss bereits viele Seiten in ihren Agenden «besetzt». Der seelsorgerliche Beruf wird stets anspruchsvoller, wie ein Blick in verschiedene von Kirchgemeinderäten erstellte Pflichtenhefte zeigen kann. Je distanzierter Menschen von der Kirche leben, desto grösser sind manchmal die Erwartungen, die sie an ihre Seelsorger und Seelsorgerinnen herantragen. Die Seelsorge ist ohnehin gleichsam ein «Fass ohne Boden», weil man nie genug tun kann und immer hinter dem zurückbleibt, was einem als Ideal vorschwebt. Hinzu kommt, dass heute in der seelsorgerlichen Arbeit ein sehr starker Akzent auf die persönliche Beziehung gelegt wird. Weil die Spannung zwischen Person und Amt heute weithin zum Pol «Person» hin aufgelöst wird, droht die persönliche Beanspruchung manchmal überstrapaziert zu werden. Dies erhöht zweifellos den Erfolgsdruck in der pastoralen Arbeit.
Wie kann man dies aushalten? So fragen immer mehr Seelsorger und Seelsorgerinnen. Sie klagen über den pastoralen «Stress», dem sie sich ausgesetzt fühlen. Ermüdungserscheinungen und resignative Stimmungen kommen auf. Solche Reaktionen können wir Bischöfe gut nachempfinden, sitzen wir doch diesbezüglich mit Ihnen oft «im gleichen Boot». Wir sind aber auch überzeugt, dass uns in dieser Situation eine Neubesinnung auf unsere seelsorgerliche Grundhaltung und auf den Stil des kirchlichen Dienstes überhaupt weiterhelfen kann. Die entscheidende Frage wird dabei nur heissen können, wer das eigentliche Subjekt des seelsorgerlichen Wirkens ist: Ist all das, was wir in unserer alltäglichen Arbeit tun, einfach unser Werk und unsere Leistung? Oder sind wir nur die Werkzeuge Jesu Christi, des einen Herrn der Kirche, der uns als «Durchgangsstationen» für sein Wirken in Dienst nehmen will?
Allein in dieser Grundhaltung kann Verantwortung in der Kirche wahrgenommen werden. Davon legt der Erzbischof von Brüssel, Kardinal Frans Daneels, ein schönes Zeugnis ab. Während eines Gespräches mit Verantwortlichen der Arche sagte er: «Wenn ich von einem langen Arbeitstag nach Hause komme, gehe ich in die Kapelle und bete. Ich sage dem Herrn: ÐDas reicht für heute, jetzt ist es genug. Jetzt wollen wir mal ernsthaft miteinander reden: Ist das deine Diözese oder meine?ð Der Herr antwortete mir dann: ÐWas meinst du?ð Ich antwortete dann: ÐIch meine, es ist deine.ð ÐDas stimmtð, sagt mir der Herr, Ðes ist meine.ð Und ich sage ihm; ÐGut, Herr, dann übernimm du die Verantwortung für die Diözese und ihre Leitung. Ich gehe jetzt schlafen.ð» Und der Kardinal fügte noch hinzu: «Das gilt für Eltern genauso wie für die Verantwortlichen einer Diözese oder einer Gemeinschaft.»
Dies gilt überhaupt für jede seelsorgerliche Aufgabe. Wenn wir unseren Dienst im Glauben leben, dass Christus der Herr der Kirche ist, und wenn wir uns als «Durchgangsstationen» für sein Wirken zur Verfügung stellen, dann werden auch wir bei all dem gerüttelt Mass an Arbeit und Verantwortung, die auf uns warten, immer wieder ruhig schlafen können ­ wie Papst Johannes XXIII., der äusserst ruhige Bauernsohn auf dem Stuhl Petri. Von ihm stammt ja auch das schöne Wort: «Der Herr wird denen entgegenkommen, die ihre Pflicht tun mit Ruhe, Würde und Geduld, ohne sich den Kopf heiss zu machen wegen der Dinge, die morgen oder in Zukunft geschehen könnten.»
Auch im kirchlichen Dienst kann und will sich die biblische Verheissung einlösen: «Den Seinen gibt der Herr den Schlaf.» Denn wer glaubt und vertraut, kann gut schlafen. Das Schlafen-Können ist wirklich ­ auch ­ eine Frage des Glaubens. Man wird im kirchlichen Dienst selbst dann noch schlafen können, wenn man den Eindruck gewinnt, dasss man nichts zu bewegen vermag, dass sich so viel im Kreise dreht und dass bei allen Sitzungen, die im heutigen kirchlichen Leben an der Tagesordnung sind, doch so wenig «sitzt», und wenn man sich deshalb als unfruchtbar vorkommt. Denn die Zeit des Schlafens ist gemäss biblischer Verheissung auch die Zeit des Wachsen-Lassens. Dieses aber ist Gottes Werk, wie Paulus unmissverständlich betont: «Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber liess wachsen» (1 Kor 3,6). Auch heute kann seelsorgerliche Arbeit nur im Pflanzen und Begiessen bestehen, und zwar im gläubigen Bewusstsein, dass Gott wachsen lässt.
Müssten wir deshalb die durchschnittliche Pastoral des Erfolgs, von der wir alle immer wieder geleitet sind, nicht überdenken und unser seelsorgerliches Wirken an einer Pastoral des Pflanzens und Begiessens ausrichten? Wir könnten dann gewiss auch mit jenem heute virulenten Problem besser umgehen, von dem bereits Paulus umgetrieben war: «Was ist denn Apollos? Und was ist Paulus?» (1 Kor 3,5). Paulus war sich dessen bewusst, dass in der Vermittlung des Glaubens gewiss die Person des Seelsorgers wichtig ist, freilich nur insofern, als sie selbst ein Fenster ist, durch das hindurch die Menschen auf Christus blicken können.
Diese biblische Überzeugung nimmt uns gewiss nichts von unserer seelsorgerlichen Leidenschaft. Aber sie kann mit ihr jene Gelassenheit des Glaubens verbinden, die der lange Atem der pastoralen Liebe ist. Solche leidenschaftliche Gelassenheit wünschen wir Bischöfe Ihnen, liebe Seelsorgerinnen und Seelsorger, bei Ihrem pastoralen Wirken. Wir hoffen, dass Sie in der alltäglichen Arbeit immer wieder Zeit finden zu einem intimen Zwiegespräch mit Christus über die Frage: «Ist das Deine Pfarrei oder meine?» und dass Ihnen von daher immer wieder ein guter Schlaf des Glaubens gegönnt sei. Wir danken Ihnen herzlich für all Ihr Arbeiten und Beten. Und wir entbieten Ihnen unsere besten Segenswünsche für das bevorstehende Jahr des Herrn 1999.

Für die Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz:
+ Kurt Koch, Bischof von Basel


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999