44/1999 | |
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Kirchengesangbuch |
Vor der Liturgiereform teilte man die Messgesänge in zwei Gattungen
ein: ins Ordinarium und ins Proprium. Diese Einteilung stammt aus einer
Zeit, in der man begann, gleich bleibende, ursprünglich aber nicht
zueinander gehörende Gesänge zyklisch zusammenzustellen oder als
Zyklen zu komponieren. Oft kombinierte man so Gesänge aus ganz verschiedenen
Jahrhunderten (vgl. die «Missa de Angelis»).
Eine Rückbesinnung auf die Funktion und den davon abhängigen wesensgemässen
Vollzug führte zu einem Umdenken bzw. zur Rückkehr zu einer früheren
Betrachtungsweise. Gemäss der «Allgemeinen Einführung»
(AEM Nr. 17) wird die Terminologie Ordinarium/Proprium aufgegeben und ersetzt
durch die funktionale Unterscheidung «selbständige Elemente»
(Gloria, Antwortgesang, Ruf vor dem Evangelium, Sanctus, Akklamation, Gesang
nach der Kommunion) und «Elemente, die eine Handlung begleiten»
(Gesang zur Eröffnung, Gabenbereitung, Brotbrechung und Kommunion).
Die selbständigen Elemente sind Aktionsgesänge, das heisst sie
erfüllen eine selbständige Funktion, die Begleitgesänge sind
einem liturgischen Geschehen zu- oder untergeordnet.
Aufgrund dieser neuen bzw. wiederentdeckten Einsichten verzichtet das KG
auf das Angebot von Liedreihen. Wie ehedem werden die Gesänge nach
Gattungen geordnet: nach Kyrie-, Gloria-, Sanctus-Gesängen usw. Damit
entgeht man eher dem leidigen Missverständnis, mit der Kombination
einer Ordinariums- und Propriums-Liedreihe sei der musikalische Bedarf einer
Messfeier richtig abgedeckt. Dies führte meistens zu einer Übersättigung
oder bei zufälligen Kürzungen zu einer falschen Akzentsetzung.
Die Rubrik «Messgesänge» bietet einen brauchbaren Raster
von Aktions- oder Begleitgesängen an. Die Auswahl für Eröffnungs-,
Dank- oder Sendungslieder ist allerdings viel zu eng. Dazu sollte man sich
auch in anderen Kapiteln (Lob, Dank und Anbetung, Vertrauen und Bitte, Gemeinschaft
mit Gott, Geprägte Zeiten) oder bei themenspezifischen Liedern umsehen.
Das Suchen nach geeigneten Gesängen ist zeitaufwendig, lohnt sich aber
im Blick auf einen wesensgemässen Vollzug und die Durchschaubarkeit
der Feier.
Der Musikwissenschaftler Walter Wiesli ist Geschäftsleiter des Vereins für die Herausgabe des Katholischen Kirchengesangbuches der Schweiz.