10/1999

INHALT

Hinweise

Bettelmönche in Zürich

 

Unter dem Titel «Wenn Bettelmönche bauen» ist in Zürich bis zum 29. Mai 1999 an vier Orten eine Ausstellung über Geschichte und Bedeutung des Predigerordens für das mittelalterliche Zürich bis in die Gegenwart zu sehen. Die Ausstellung entstand im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Grabungsergebnisse beim Umbau der Zentralbibliothek auf dem ehemaligen Gelände des Predigerklosters. Die Theologin Ines Buhofer hatte die Idee, die Ausstellung nicht auf die Archäologie zu beschränken, sondern bei dieser Gelegenheit Wirksamkeit und Bedeutung des Predigerordens im Mittelalter, die Geschichte der Predigerkirche nach der Reformation und das geistige Leben des heutigen Dominikanerordens in Zürich in einer grösseren Ausstellung bekannt zu machen. Diese Idee wurde von verschiedenen Institutionen aufgenommen und in interdisziplinärer und interkonfessioneller Zusammenarbeit umgesetzt; beteiligt waren hierbei das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich und das Büro für Archäologie, die Kirchgemeinde zu Predigern, die Helferei Grossmünster, der Dominikanerorden in Zürich, das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, das Schweizerische Landesmuseum und die Zentralbibliothek Zürich. So ist eine Ausstellung nicht einfach an vier Orten, sondern in vier Stationen entstanden.
Der Bau der Predigerkirche: Im Haus zum Rech am Neumarkt 4 ist der Bau der Predigerkirche thematisiert; im Zentrum steht die mit Hilfe der Computertechnologie durchgeführte Rekonstruktion der ersten, ab 1231 errichteten, noch vollständig romanischen Kirche mit dem Konventgebäude und dem Kreuzgang. Die Untersuchungen haben auch ergeben, dass der gotische Chor in zwei Etappen gebaut und ein Teil des Daches über dem Chor in den frühen 1320er Jahren konstruiert wurde. Schliesslich konnte nachgewiesen werden, dass beim barocken Umbau, um zu sparen, statisch wichtige Elemente entfernt wurden; die Strebepfeiler von 1663 sind deshalb nicht ein bewusst eingesetztes gotisches Stilelement, sondern eine Notlösung.
Spitalkirche, Pfarrkirche, Citykirche: Unter diesem Titel steht der der Nutzung der Kirche und dem Dominikanerorden gewidmete Teil der Ausstellung in der Predigerkirche selbst. Es geht um die Geschichte des ehemaligen Predigerklosters und dessen Bedeutung als Spital, Seelsorgezentrum und Theologische Hochschule; sodann um die Zeit, die Ideen und Visionen des Ordensgründers Dominikus von Caleruega und das Leben von Dominikanerinnen und Dominikanern heute; und schliesslich um die unterschiedliche Nutzung der Kirche im Laufe der Jahrhunderte. Hier wird Vergangenheit Gegenwart, was an der Vernissage der heutige Obere der Zürcher Dominikanerkommunität, Franz Müller, mit einem Wort von Lacordaire unterstrich: «Alt am Predigerorden ist nur seine Geschichte».
Dominikanerinnen und Beginen: Der Ausstellungsteil in der Helferei Grossmünster greift die Geschichte und die Bedeutung der von den Dominikanern betreuten Frauengemeinschaften auf. Im Vordergrund steht hier das Kloster Oetenbach, das 1902 dem Bau der Amtshäuser an der Uraniastrasse weichen musste. In diesem Kloster fanden Frauen aus den wohlhabenden Stadtadels- und Bürgergeschlechtern Aufnahme: hier war für alleinstehende Frauen, Witwen und Töchter aus diesen Kreisen ein standesgemässes Leben möglich. Das Kloster St. Verena in der heutigen Froschaugasse hatte sich aus einer Beginengemeinschaft entwickelt. Die Beginen stammten mehrheitlich aus der sozialen Unterschicht und kamen häufig vom Land; sie lebten im Umkreis der Bettelordensklöster, der Prediger und der Barfüsser, von denen sie auch seelsorglich betreut wurden, in Zürich also in der heutigen Altstadt. (Für den europäischen Hochadel gab es in Zürich das Fraumünster.)
Buchproduktion und Handschriftenbesitz: In seinem Sicherheitsraum zeigt das Landesmuseum Handschriften aus dem Umkreis der Zürcher Dominikaner und Dominikanerinnen: eine erstmals gezeigte Gruppe lateinischer Codices aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, die ursprünglich zum Gebrauch in den Zürcher Stadtklöstern bestimmt waren, darunter die älteste Handschrift des «Compendium theologicae veritatis» von Hugo Ripelin, dem Begründer des Zürcher Konvents. Aus Oetenbach kommt das erstmals öffentlich gezeigte Autograph der «Offenbarungen» von Elsbeth von Oye. Den Höhepunkt bildet das «Oetenbacher Schwesternbuch», das in einer Nürnberger Abschrift aus dem 15. Jahrhundert überliefert ist, die im 16. Jahrhundert zweigeteilt wurde. Der erste Teil blieb in (der Stadtbibliothek) Nürnberg, den zweiten Teil entdeckte Wolfram Schneider-Lastin vor fünf Jahren in der Universitätsbibliothek Wroclaw (Breslau). Beide Teile sind nach vierhundert Jahren für diese Ausstellung und in ihr wieder vereint.
Vertiefung: In verschiedenen Begleitveranstaltungen wird die Thematik der Ausstellung vertieft, in Werkstattberichten aus der Wissenschaft, in Gottesdiensten und spirituellen Angeboten, in Podiumsgesprächen. Dafür und für die genauen Öffnungszeiten verweisen wir auf die Tagespresse und das Internet (http://www.irg.unizh.ch/prediger).

Rolf Weibel


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999